Praxisbeispiel Jane´s Walk Vienna: Gemeinsam spazierend die Stadt erkunden

Konversationen im Gehen – von Toronto bis Wien

»Cities have the capability of providing something for everybody, only because, and only when, they are created by everybody.« Jane Jacobs 1961

Jane’s Walk greift eine Idee der urbanen Aktivistin und Autorin Jane Jacobs auf: Bürger/innen sollen selbst bei der Gestaltung ihrer Umgebung aktiv werden und an Stadtentwicklungsprozessen teilhaben. Jane’s Walks sind von »einfachen« Bürger/innen geführte, kostenlose Spaziergänge, die das gemeinsame Erkunden von Stadtteilen fördern. Während traditionelle Touren wie Vorträge sind soll ein Jane’s Walk ein gleichberechtigtes Gespräch im Gehen sein.

Seit 2007 hat sich die ehrenamtliche Initiative von Toronto in mehr als 200 Städte weltweit ausgebreitet. Andreas Lindinger lernte Jane’s Walk in Vancouver kennen und brachte die Idee im Jahr 2014 auch nach Wien. In den ersten vier Jahren spazierten 1.500 Menschen auf 50 Walks mit.

Vielfältige Menschen, Orten und Themen

»Planners and architects have a vital contribution to make, but the citizen has a more vital one. It is his city, after all.« Jane Jacobs 1958

Wir alle sind Expert/innen für die Orte, an denen wir leben. In wenigen Schritten kann jede/r auf janeswalk.at einen Walk initiieren. Es genügt eine kurze Beschreibung des Themas und der Route sowie Datum und Treffpunkt festzulegen. Teilnehmer/innen lernen also von Menschen, die im Grätzel leben oder eine enge Verbindung zum Thema eines Walks haben.

Die Walk Leader teilen ihre Erfahrungen, aber ermutigen auch die Mitspazierenden, die ohne Anmeldung einfach zum Treffpunkt kommen und mitgehen, zur Diskussion und Teilhabe – sowohl im Gehen als auch beim häufigen Zusammensitzen im Anschluss.

Cornelia Dlabaja, Stadtsoziologin, Walk Leader und Mitspazierende:
»Für mich war es besonders spannend sich mit anderen Interessierten über ihren persönlichen Blickwinkel auf Wiens Grätzel auszutauschen und sich gemeinsam auf die Spurensuche nach den Geschichten zu begeben, die sich in den Stadtraum einschreiben.«

Walks können seriös oder witzig sein, informativ oder erforschend, sie können die Geschichte eines Ortes betrachten oder das aktuelle Geschehen. Die Inhalte von Jane’s Walk sind so vielfältig wie die Menschen, die Walks organisieren oder mitspazieren, und die Grätzl, die gemeinsam erkundet werden. Walks in Wien widmeten sich beispielsweise Orten von Widerstand in der Leopoldstadt, dem Wandel des Brunnenviertels, den Weinbergen Grinzings, dem Freiraum Schmelz, der Kunst im Öffentlichen Raum, Gemeindebauten oder schlechter Architektur.

Jane’s Walk begeistert Menschen, die an Gesprächen über die soziale und gebaute Zukunft ihres Stadtviertels teilnehmen und an einer starken Gemeinschaft in ihrem Stadtteil arbeiten wollen. Walks richten sich an alle Altersgruppen und Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds. In Wien gab es unter anderem einen Walk eines ehemaligen Obdachlosen, in anderen Städten beispielsweise von Flüchtlingen, Kindern oder Künstlern geführte Walks.

»No one can find what will work for our cities by looking at (…) suburban garden cities, manipulating scale models, or inventing dream cities. You’ve got to get out and walk.« Jane Jacobs 1958

Jane’s Walk bietet das ganze Jahr und besonders am Festival-Wochenende Anfang Mai eine Möglichkeit, Bürger/innen über das Medium Spaziergang in Stadtentwicklungsprozesse einzubeziehen. Die Erfahrung zeigt, dass nicht nur das »klassische« Zu-Fuß-Geh-Publikum angesprochen wird, sondern, dass das breite geografische und thematische Spektrum eine vielfältige Gruppe an Spazierenden anzieht und somit soziale Inklusion in der Nachbarschaft fördert.

Martin Frey und Philipp Graf, Walk Leader:
»Freiwillig und jenseits kommerzieller Interessen treffen sich Menschen zu Jane‘s Walks und bemerken, wie viel sie einander über ihre Stadt zu sagen und zu zeigen haben – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten!«

Die Gespräche werden oft nach einem Walk weiter vertieft, Mitspazierende vernetzen sich, um ihre Anliegen an Entscheidungsträger/innen heranzutragen. Eindrücke von Walks werden mit Text, Foto und Video-/Tonaufnahmen dokumentiert. Ebenso können Bürger/inneninitiativen und andere Akteure einen Walk initiieren, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen und zum Dialog einzuladen.

In der Kombination von Spaziergängen und Gesprächen zum gemeinsamen Erkunden des Bekannten und Unbekannten, das Wien und seine vielfältigen Grätzel ausmacht, liegt somit großes Potenzial für die Bürger/innenbeteiligung.

Literatur und Links

Mastodon