Rahmenbedingungen

Kreative Lösungssuche finden niemals in einem »luftleeren Raum«, sondern immer innerhalb einer räumlichen, zeitlichen und sozialen Umwelt statt. Deren Art und Bedingungen haben auch Einfluss auf die Qualität der Lösungssuche. Manchmal sind sie nicht zu ändern, ja sogar Teil des Problems - dann muss man improvisieren. Es gilt der Satz: »Not macht erfinderisch«.

Häufig lassen sie sich jedoch aktiv gestalten, und dann kann man die räumlichen, zeitlichen und sozialen Voraussetzungen für Kreativität enorm verbessern und gute Ergebnisse wahrscheinlicher machen. Hierzu gibt es folgende Empfehlungen zur Organisation des kreativen Prozesses:

Teilnehmerzahl

Frau mit Mikrofon

Die Zahl der TN sollte sich im Bereich von 10 - 25 bewegen. Darunter könnte das Potenzial zu klein sein, aus dem Kritik, Erfahrungen und Beispiele, aber auch Kreativität und Fantasie zu schöpfen sind. Darüber entstehen Probleme der Anonymität, der fehlenden Vertrautheit, des begrenzten Zu-Wort-Kommens und der Handhabung des Ablaufs mit nur einem Moderator. Für die Fantasiephase innerhalb des kreativen Prozesses liegt die ideale Teilnehmerzahl sogar nur bei fünf bis sieben. Hier wäre eine größere Gruppe dann in Kleingruppen zu unterteilen, die parallel arbeiten, sich ggf. durch Rotation gegenseitig befruchten (s. Kap. Techniken / Fantasiephase), zumindest aber in Plenumsrunden wieder vernetzen.

Zusammensetzung

Je nach vorhandener Gruppenkonstellation sollte auf eine möglichst vielfältige Mischung geachtet werden, d.h. Männer & Frauen, ggf. Junge & Alte, fachlich interdisziplinäre Zusammensetzung, menschlich homogen, ohne Rivalitäten, Konflikte oder starke Vorurteile gegeneinander.

Hierarchie

Eine streng hierarchisch gegliederte und geführte Organisation ist tendenziell kreativitätsfeindlich. Wenn der Informationsfluss in der Aufgabenabwicklung eine Einbahnstraße von »oben« nach »unten« ist, kann man nicht erwarten, dass die Mitarbeiter sich aus eigenem Antrieb Gedanken über Einsparungen, Verbesserungen oder gar Neuentwicklungen machen. Hierzu bedarf es von den Rahmenbedingungen her flexibler äußerer Organisationsformen, die - zumindest zeitweise - eine übergreifende, interdisziplinäre Zusammenarbeit in hierarchiefreien Teams erlauben.

Eine Gruppe diskutiert in einem Stuhlkreis.

Auch innerhalb gegebener hierarchischer Strukturen gibt es erhebliche Spielräume für einen kooperativen Führungsstil, der Vorraussetzung für kreative Mitarbeit ist, indem er durch Offenheit und Transparenz Hemmungen, Ängste und Vorbehalte abbaut und Mut zum eigenverantwortlichen Engagement macht. Detailliertere Lösungsvorschläge sind natürlich einzelfallabhängig und nicht rezeptartig zu nennen, doch sollte ihr Einfluss auf die Bereitschaft der Mitarbeiter zur kreativen Lösungssuche nicht unterschätzt werden.

Moderator

Je nach Größe und Komplexität des zu lösenden Problems, Größe der Gruppe, verfügbarer Zeit und Art der verwendeten Techniken empfiehlt sich ggf. der Einsatz eines Moderators für die Steuerung des Prozesses.

Der Moderator ist Zeitnehmer (für Phasen, Gruppen- und Plenumsarbeit sowie Pausen) und Regelwächter für die Techniken. Er muss dabei in Hinblick auf das Thema strikte Neutralität wahren.

Er sollte eine Haltung einnehmen, die es erlaubt, das eigene inhaltliche Interesse zurückzustellen, um die Interessen der Teilnehmer zuzulassen. Der Moderator lässt Komplexität zu, statt die Vielfalt der Meinungen zu kanalisieren; er sorgt nicht für den Ausgleich von Interessen, sondern dafür, dass Interessen ihren Ausdruck finden; er versucht Konsens nicht zu erzwingen, sondern im Verlauf der Arbeit entstehen zu lassen; er ist zuständig für das methodische Vorgehen, also für den Prozess. Die Gruppe ist - innerhalb dieses methodischen Rahmens - dann zuständig für den Inhalt.

Ein Junge sitzt mit Stift und Zettel am Ende eines Tisches. Im Hintergrund sitzen erwachsende Teilnehmerinnen.

Sollte der Moderator gleichzeitig auch ein inhaltlicher Experte für das Thema und er in dieser Funktion auch gewollt und gefordert sein, so muss er sich gegenüber den TN um größtmögliche Klarheit bemühen, in welcher der beiden Funktionen er gerade tätig ist (jeweils Ankündigen, Hut aufsetzen o.ä.). Bei kontinuierlich arbeitenden Gruppen muss der Moderator nicht von außen kommen, die Gruppenmitglieder können sich in dieser Rolle abwechseln.

Räumlichkeiten

Ein Waschbär sitzt in einem Waschkübel. Dabei geht ihm ein Licht auf.

Grundsätzlich kann eine kreative Problemlösung an jedem Ort stattfinden, an dem sich die geplante TN-Zahl unterbringen lässt. Bei Wahlmöglichkeiten ist jedoch zu bedenken,

  • dass ein großer, zentraler Gruppenraum vorhanden sein sollte (Plenum), dessen Tische und Stühle zur Seite geräumt und dessen Wände zum Aufhängen von Wandzeitungen genutzt werden können (die TN sitzen oder stehen im Halbkreis vor Stellwänden, Tafeln oder den Wandflächen),
  • dass die Räume idealerweise groß, hell, freundlich und ohne Lärm, dafür mit Pflanzen, frischer. Luft, Getränken und Musikmöglichkeiten ausgestattet sein sollten,
  • dass Ruheräume und nutzbare Außenanlagen (Wiese, Garten, Sport- und Freizeitgestaltung, Bäder, Sauna usw.) von Vorteil sind (vergessen Sie nicht, dass Archimedes die Aufgabe der Bestimmung der Echtheit der Goldkrone des Tyrannen von Syrakus durch Bestimmung des Volumens erst lösen konnte, als er sich zur Entspannung in die Badewanne legte und dabei bemerkte, dass der Wasserspiegel stieg).
  • dass der Ort nach Möglichkeit fern von der normalen beruflichen und privaten Welt der TN liegt, um sich auch gedanklich von diesen Bindungen zu lösen und dass er gemeinsame Mahlzeiten und möglichst auch die Übernachtung der TN ermöglicht, um Fremdeindrücke in dieser Zeit zu vermeiden und soziale Kontakte sowie Freizeiterlebnisse unter den TN zu fördern.

 

Material

Jede Kreativitätstechnik hat ihren eigenen ggf. besonderen Materialaufwand, der dort auch beschrieben wird. Allgemein kennzeichnend für eine kreative Lösungssuche ist jedoch die Visualisierung oder Transparenz der Argumente, die über schriftliches Diskutieren hergestellt wird. Idealerweise werden dazu Stellwände oder Tafeln gebraucht, auf denen große Packpapierbögen hängen. Notfalls wird damit auf dem Fußboden gearbeitet, und die Ergebnisse (Plakate, Collagen) werden an Wände oder Türen geheftet. Andere Verfahren benötigen dafür Flip-Charts oder Overhead-Folien.

Drei Menschen betrachten vollbehängte Stellwände.

Kleinmaterial sind zu beschreibende Karten, verschiedenfarbige Filzschreiber (ohne Toluol oder Xylol!) oder Wachsstifte, Klebestifte zum Fixieren der Ergebnisse. Sinnvoll sind ferner Scheren, Papierschneidemesser, Papierbögen, Klebeband, Klebepunkte usw. Für Collagen werden ein Stoß alter Zeitschriften benötigt, für handwerkliche Phasen vielleicht Holzbausteine, Wollreste und Stoffreste, alte Kleidung und Schminkfarben für Theater- und Rollenspiel, Cassetten-Tonband und Mikrofon für Hörspiele und Interviews. Der Fantasie in den praktischen Übungen und Spielen ist keine Grenze gesetzt.

Soziale Begegnung

An einem Konferenztisch sitzen zwei Frauen und ein Mann.

Es sollte ein wirklicher kreativer Freiraum als Ort der auch sozialen Begegnung geschaffen werden. Die Teilnehmer sollten abgeschirmt sein gegen Druck von außen (Störungen, Telefon, Besuche), aber auch keinen Erwartungsdruck von innen her haben (schnelle, umsetzbare, finanzierbare Ergebnisse).

Eine der Aufgaben des Moderators ist es, für ein förderliches, stimulierendes Arbeitsklima zu sorgen. Dies beginnt bei den äußerlichen Arbeitsbedingungen wie der gerade beschriebenen Freundlichkeit des Raumes,gutem Essen, rechtzeitigen und ausreichenden Pausen, phasenweise unaufdringlicher Musik im Hintergrund und geht bis zu den psychischen Arbeitsbedingungen wie Vielfalt und Wechsel von rational-analytischen zu intuitiv-emotionalen Arbeitsweisen, Spannung-Entspannung, geistiger-körperlicher Betätigung und dem sorgfältigen Beobachten des Gruppenprozesses, der (z.B. im Fall von Konflikten) u.U. Eingriff und Steuerung notwendig macht.

Klima

Herrscht ein Konkurrenzkampf »jeder gegen jeden« unter den Teilnehmern, so ist die Ausgangslage für eine kreative Lösungssuche im Team denkbar schlecht. Jeder möchte der Vater des letztlich überzeugenden Gedankens gewesen sein und versucht dies dann durch Taktik in der Mitarbeit zu erreichen. Erst ein Klima von Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen, Hilfe und Unterstützung schafft die Motivation und Bereitschaft zur Kooperation und Teamarbeit. Das soziale Klima in der Gruppe sollte so sein, dass (auch ausgefallene) Ideen erwünscht und gewollt sind, dass man bereit ist, Experimente zu machen. Derartige Ermutigung und Förderung sind auch die notwendige Stimulanz für die zweite, die soziale Seite des »Geburtsereignisses«, in Form eines neuen, zumindest gestärkten »menschlichen Verhältnisses« unter den Beteiligten.

Symbol: »Achtung« (Ausrufezeichen im Dreieck)

»Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.«

Antoine de Saint-Exupéry

Ablauf

Uber die Grundlagen der Zusammenarbeit (Dauer, Zuständigkeiten, Erwartungen, ggf. Honorierung) sollte unter den Teilnehmern Einvernehmen bestehen, inhaltlich sollten klare Ziele und Aufgaben formuliert sein, die man gemeinsam bearbeiten will, und über die Form (Arbeitstechniken) und den Umgang miteinander (Spielregeln) sollte man sich ebenfalls vorher verständigt haben.

Gleiches gilt für die Ergebnissicherung (Protokoll), damit nichts verloren geht, die Frage der Auswertung der Ergebnisse (wer, mit wem, auf welche Weise) und die der Entscheidung, was letztlich von den Ideen ausprobiert, ggf. übernommen und eingeführt wird.

Sind all diese Punkte geprüft und zufrieden stellend geregelt, steht der kreativen Lösungssuche nichts mehr im Wege.

Drei Waschbären halten Bilder hoch, die zusammen ein Ruderboot mit drei Ruderern zeigen.