StoPpen in Steilshoop (Hamburg)

Seite 1: Ausgangslage, Ziele, Vorgehensweise

Das Projekt »StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt« ist ein urheberrechtlich geschütztes Konzept, das in einer zertifizierten Fortbildung an der HAW, der Hochschule für angewandte Wissenschaften, von der Verfasserin und weiteren Dozent/innen vermittelt wird. Die fachliche Grundlage des StoP-Konzeptes ist die Gemeinwesenarbeit, wobei die StoP-Grundidee folgendermaßen zusammengefasst werden kann: »Die Gewalt gegen Frauen wirft weniger die Frage nach der Qualität einer Beziehung als nach der Qualität eines Gemeinwesens auf«. Eine Veränderung muss deshalb größere soziale Zusammenhänge einbeziehen. Es geht um das Miteinander und um die gesellschaftlichen (Geschlechter)Verhältnisse, die diese Situation bedingen.
Das erste StoP-Projekt startete 2010 in der Hamburger Großwohnsiedlung Steilshoop.

Ausgangslage

Der Begriff »häusliche Gewalt« meint die Gewalt zwischen Erwachsenen, die in engen sozialen Beziehungen zueinander stehen oder standen. Er steht für ein komplexes Misshandlungssystem, das auf Macht und Kontrolle in einer Beziehung zielt und verschiedene Formen von Gewalt umfasst. Diese Gewalt zerstört nicht nur Gesundheit und Leben der Opfer, sondern sie betrifft auch das persönliche Umfeld, traumatisiert Kinder, vergiftet Beziehungen und soziale Zusammenhänge. Gleichzeitig ist häusliche Gewalt immer noch ein stark tabuisiertes Thema; nur der kleinere Teil der Betroffenen sucht Hilfe bei der Polizei oder entsprechenden Anlaufstellen.
Gerade weil Beziehungsgewalt überwiegend zuhause stattfindet, kann die lokale Community eine wichtige Rolle bei der Eindämmung häuslicher Gewalt und dem Schutz bedrohter und betroffener Personen spielen. Die Nachbar/innen bekommen Krisensituationen in der Regel als erstes mit und sind am schnellsten erreichbar bzw. vor Ort. Untersuchungen belegen, dass eine aufgeklärte Nachbarschaft, die Beziehungsgewalt nicht als Privatsache ansieht, lebensrettend und gewaltreduzierend wirkt. Die Fälle tödlicher Beziehungs- und auch schwerer Partnergewalt sind in aufgeklärten Nachbarschaften niedriger als in anderen Quartieren.

StoP ist vor diesem Hintergrund ein neues Konzept für die Arbeit zu einem alten Problem. Ziel des Projekts ist die Veränderung von Beziehungskonzepten in Richtung Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung, die Enttabuisierung häuslicher Gewalt, der Aufbau von sozialen Netzen und Zivilcourage sowie die Steigerung der Veröffentlichungsbereitschaft und die Ermutigung von Opfern und Täter/innen zur Veränderung ihrer Situation.
Das Konzept besteht aus acht Bausteinen, wobei die aktivierende Befragung Teil der Schritte 2 und 4 ist:

  • Trägerentscheidung, das Projekt durchzuführen, Ressourcenklärung und -erschließung
  • Sozialraumanalyse, Aktivierung im Gemeinwesen
  • Aufbau nachbarschaftlicher Aktionsgruppen
  • Stadtteilorientierte Öffentlichkeitsarbeit und weitere Aktivierung
  • Kooperationen auf Stadtteilebene aufbauen
  • Individuelle Unterstützung gewährleisten
  • Kontinuierliche, kleinteilige Beziehungs- und Organisationsarbeit
  • Lobbyarbeit, Politische Bündnisse, politische Forderungen stadtteilübergreifend entwickeln

Die Initiative für StoP in Steilshoop ging von der Leitung einer Jugendeinrichtung aus, die vom Stadtteilbeirat, dem Quartiersbüro, der lokalen Elternschule und einem langjährig aktiven Stadtteilvertreter unterstützt wurde. Ausgeführt wurde das Projekt in Kooperation mit der HAW Hamburg, Department Soziale Arbeit. Hintergrund war, dass das Thema Partnergewalt in Steilshoop für wichtig gehalten wurde und man nach einem partizipatorischen Ansatz suchte, der gute Nachbarschaft stärkt.

Ziele und Vorgehensweise

Phase 1
In der ersten Phase baute der StoP-Initiativekreis den Kontakt zu 30 Schlüsselpersonen auf, darunter Vertreter/innen verschiedener religiöser Gemeinschaften, zivilgesellschaftlicher Gruppen und aus Sozial- und Bildungseinrichtungen sowie ehrenamtlich im Stadtteil Engagierten. Sie wurden von der hauptamtlichen Mitarbeiterin befragt, die so zum einen mehr über Meinungen zum Thema im Stadtteil erfuhr und zum anderen zum Nachdenken und Aktivwerden anregen wollte. Mehrere der Befragten nahmen danach an StoP-Aktionen (z.B. Plakaterstellung) und Workshops teil, wurden zu Multiplikator/innen, die in ihrem Umfeld von StoP berichteten oder StoP-Aktive zu ihren Veranstaltungen einluden (z.B. Zuckerfeste). Vor allem konnten über diese Befragungen ca. 16 -18 Frauen gewonnen werden, die im Stadtteil lebten oder arbeiteten und die zu den Gründungsmitgliedern der ersten beiden Nachbarschaftsgruppen, den »StoP-Küchentischen« wurden. Die Mehrheit wurden von den Gesprächspartner/innen angesprochen, die eine oder andere kam direkt aus der Gruppe der Befragten. Im Laufe des Jahres gründete sich auf Initiative eines Nachbarn, der im StoP-Gründungskreis aktiv war, ein »Männertisch«, unterstützt von einer männlichen Honorarkraft.

Phase 2
Die zweite Phase der Befragung wurde in den Küchentischgruppen mit folgenden Zielen vorbereitet:

  • Für wirkliche Partizipation die Befragung stärker in die Hände der Bewohner/innen legen
  • Kompetenzen durch Schulung zu Befragung erweitern
  • durch die Durchführung Ressourcen bei den bereits Aktiven ausbauen: Selbstbewusstsein, Kontakte im Stadtteil und auch materielle Ressourcen, da pro Gespräch eine kleine Aufwandsentschädigung gezahlt wurde
  • Bekanntheitsgrad von StoP erhöhen
  • öffentliches Sprechen über Gewalt üben
  • herausfinden, ob Partnergewalt nach Meinung der Befragten häufig vorkommt, was sie darüber denken, welche Ideen sie haben, was getan werden könnte
  • weitere Steilshooper/innen zum Mitmachen aktivieren

Beim Fragebogen, der von der hauptamtlichen Mitarbeiterin und der Hochschulvertreterin analog zu dem empfohlenen Schema der aktivierenden Befragung nach Lüttringhaus und Richers entworfen wurde, war das Thema Partnergewalt bereits gesetzt. Bei Gruppentreffen wurden Haustürgespräche teilweise mit viel Gekicher und (anfangs) Peinlichkeitsgefühlen geübt. Nach einem Pretest wurden insgesamt knapp 700 Interviews geführt, dokumentiert und ausgewertet. Den größten Teil der Gespräche führte eine Honorarkraft durch, die längerfristig bei StoP aktiv war. Befragt wurde im Einkaufszentrum, bei Infoständen und mittels Haustürgesprächen.

Seite 2: Erkenntnisse, Barrieren, Fazit

Erkenntnisse: Heiter bis wolkig

Es stellte sich heraus, dass die Haustürbefragungen für einige Aktive eine recht hohe Hemmschwelle darstellten. Einigen Frauen war es unangenehm in ihrem eigenen Wohnblock herumzugehen, da sie nicht zu sehr mit dem Thema in Verbindung gebracht werden wollten. Andere wollten die Befragungen insbesondere im eigenen Wohnhaus durchführen, da sie sich dort weniger unsicher fühlten. Sie verteilten regelmäßig Flyer und berichteten vereinzelt von gestiegener Solidarität, Vernetzung und Beziehungen untereinander, weil die Bewohner/innen ins Gespräch gekommen waren.
Das Befragen viel denjenigen, die damit schon im Zusammenhang von Partei- oder Kirchenarbeit Erfahrungen hatten und die vielen Bewohner/innen des Stadtteils durch jahrelanges Engagement bereits bekannt waren, in der Regel leichter. Das Befragen bei öffentlichen Veranstaltungen (Stadtteilfest, Einkaufszentrum) war meist beliebter als die Haustürgespräche.
Alle Erfahrungen wurden bei Gruppentreffen ausgetauscht.

Über die aktivierende Befragung gelang es bis auf wenige Ausnahmen nicht, Mitstreiter/innen für die feste StoP-Aktionsgruppe zu gewinnen, allerdings gab es Interesse an kontakt und punktuellen Formen der Mitarbeit. Aus diesem Grund wurde zusätzlich zu den kontinuierlich arbeitenden Gruppen erfolgreich ein offenes Infocafé eingerichtet. Auch waren einige Angesprochene bereit, Infomaterial im Haus und an Bekannte weiterzugeben. Eine Schlussfolgerung für die Weiterarbeit war deshalb die Notwendigkeit von Mitmachangeboten mit unterschiedlichen Graden von Verbindlichkeit und Aufwand.

Barrieren

Einigen fiel die Durchführung der Befragung anhaltend schwer, besonders da sie lernen mussten, mit Ablehnung und abweisenden Haltungen umzugehen, wenn Menschen sich z.B. nicht befragen lassen wollten, noch nicht einmal einen Flyer nahmen und dem Thema Partnergewalt anscheinend keine Bedeutung beimaßen. Manche gaben auf.
Um mit den Unsicherheiten und Ängsten umzugehen wurde zum einen eine Art »Befragungsstammtisch« eingeführt, zu dem acht Befrager/innen kamen, von denen fünf tatsächlich befragten und drei weder vor noch nach dem Treffen Eigeninitiative zeigten. Zum anderen wurde ein offener Treffpunkt für Neuzugänge eingerichtet, der sich jedoch durch Hochschwelligkeit auszeichnete, wodurch bereits zwei Interessierte einen Erfolg darstellten. Diese zwei führten in der Folge einige Befragungen durch. Die Hauptamtliche verwendete indes viel Zeit drauf, die »Küchentischfrauen« zur Befragung zu aktivieren.
Eine Barriere bestand darin, die Befragungen – wie zunächst angedacht – allein durchzuführen, um die Befragten nicht zu verschrecken und außerdem die Gelder für die Aufwandsentschädigung effektiv einzusetzen. Letztendlich führten die Frauen die Befragungen teilweise zu zweit durch, was kein Problem zu sein schien. Als schwierig wurde empfunden, die Gespräche wie geplant nach 15-20 Minuten zu beenden, wenn jemand viel zu erzählen hatte.
Inwiefern die Aufwandsentschädigung Anreiz oder Hintergrund war, konnte nicht eindeutig beantwortet werden, es ließ sich jedoch feststellen, dass jene, die die Aufwandsentschädigung gerne angenommen hatten, die Befragung später auch ohne Entschädigung fortführten. Es war nicht klar definiert, ob pro Fragebogen oder pro Zeitstunde abzurechnen sei, insbesondere dann, wenn es sich um längere Gespräche als veranschlagt handelte. Diese Unsicherheit führte tendenziell zu einer Ablehnung gegenüber der Befragung oder wurde zumindest als Grund für ein Nicht-Befragen angeführt. In letzterem Fall konnte es sich aber auch um die Kaschierung von Unsicherheit in der Rolle als Befragerin handeln.
Festgestellt und kritisch hinterfragt werden muss, dass die aktivierende Befragung mehr Zeit in Anspruch nahm als geplant, wodurch Zwischenergebnisse nur am Rande der Küchentischgespräche besprochen werden konnten.
Von den 695 Fragebögen hatten sich 30 interessiert gezeigt und ihre Kontaktdaten angegeben. Zu einer Beteiligung am Küchentisch konnte jedoch nur eine Person aktiviert werden, während die restlichen 29 Personen auf Nachfrage vor allem angaben, dass sie das Projekt wichtig fänden, aber keine Zeit hätten. Es entstand der Eindruck, dass die Personen ihre Adressen hauptsächlich aus Höflichkeit angaben, weil sie die Befrager/innen kannten.

Fazit

Letztendlich konnte die aktivierende Befragung vor allem für Gesprächsstoff sorgen, Anregungen liefern, StoP bekannter machen und den Aktionsradius erweitern. Die StoP-Aktiven selbst lernten nicht nur vieles über aktivierende Befragung, sondern auch einiges über Partnergewalt im Stadtteil und die Gedanken und Aktionen der Bewohner/innen zum Thema.

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