Saul David Alinksy

Seite 1: Zur Person, »mit den Menschen«

In seinem ersten Buch (1) schildert Saul David Alinsky eine Bürgerbefragung, die mit Hilfe eines Fragebogens durchgeführt wurde. Die befragten Bürger bekamen die Aufgabe, den folgenden Text zu ergänzen: »Wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, das ist es, was ich tun würde um meine Stadt zum glücklichsten, gesündesten, schönsten und reichsten Ort der Welt zu machen:....« (2) Bei dieser Fragebogenaktion gab es nur einen geringen Rücklauf. Die Antworten bewegten sich im Bereich dessen, was man sich vorher schon gedacht hatte. Aber nach einem Jahr wurde dieselbe Umfrage im gleichen Stadtteil wiederholt. Diesmal war der Rücklauf sehr hoch, die Antworten waren engagiert, begründet, differenziert und anregend. »Die Menschen waren zu lange unbeteiligt und in Apathie versunken. Sie hatten verlernt ihre Sprache zu gebrauchen. Sie konnten sich nicht artikulieren und in ihren Antworten waren sie mechanisch. Durch die Organisationsarbeit eines Jahres haben sie ihre Sprache wiedergefunden und fingen an selbstständig zu denken.« Alinsky empfiehlt derartige Umfragen, aber das eigentlich Aktivierende liegt für ihn in der persönlichen Ansprache jedes Einzelnen, in dem, was zwischen den Befragungen stattgefunden hat.

Wer war Saul D. Alinsky? Alinsky wurde 1909 als Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie geboren, die vor der Jahrhundertwende aus Russland in die Vereinigten Staaten gekommen ist. Die Anpassungsleistungen, die seine Familie auf dem Weg vom ostjüdischen shtetl in die moderne, amerikanische city zu bewältigen hatte, haben ihn und seine Arbeit geprägt. Er selbst bewegte sich vorsichtig vom orthodoxen Judentum seiner Eltern hin zu einem aufgeklärten, assimilierten Judentum. Er studierte Soziologie und Kriminologie an der heute so genannten Chicago School of Sociology, die gerade die Probleme der Einwanderung und der Stadtentwicklung thematisierte. In der Zeit von 1939 bis 1971 hat Alinsky von seiner Heimatstadt Chicago aus und mit Hilfe der von ihm gegründeten Industrial Areas Foundation (IAF) zahlreiche selbsttragende Bürgerorganisationen ins Leben gerufen.

Das Back-of the Yards-Projekt begründete seinen Ruf als Community-Organizer. Es wird aber auch als Markstein in der Geschichte der Gemeinwesenarbeit angesehen. Das Back-of-the-Yards-Council war eine unabhängige Bürgerorganisation, in der Kirchengemeinden, Gewerkschaften, informelle Bürgervertreter und Geschäftsleute zusammenarbeiteten. Hier wohnten die Arbeiter der Fleischverpackungsindustrie. Der Back-of-the-Yards-Distrikt galt damals als der berüchtigtste Einwandererstadtteil Chicagos.

Heute berufen sich die meisten Bürgerorganisationen und Ausbildungsinstitute in den USA in der einen oder anderen Weise auf Alinsky. Auch in Deutschland gilt er seit der Veröffentlichung seiner Hauptwerke als einer der Väter der Gemeinwesenarbeit. (3) Seine »Lehrbücher« wurden sowohl im Burckhardthaus Gelnhausen als auch in der Victor-Gollancz-Stiftung gelesen, die in den 70er Jahren die wichtigsten außer­universitären Ausbildungszentren für Gemeinwesenarbeiter/innen in Deutschland waren.

Dabei wurden vor allem seine beiden Hauptwerke »Reveille for Radicals« (Alinsky 1946) und »Rules for Radicals« (Alinsky 1971) rezipiert. Relativ unbekannt ist bis heute, dass Alinsky in mehr als 25 Beiträgen wichtige Einblicke in sein Denken und Handeln gegeben hat. Diese Aufsätze sind bislang noch nicht zusammenhängend veröffentlicht, systematisch untersucht und gewürdigt worden. (4) Alinsky war der erste schreibende Community Organizer, der versucht hat, das Prinzip der Selbstorganisation systematisch zu unterstützen und diese Praxis wissenschaftlich zu begründen. (5) Hierbei griff er auf Konzepte seiner Lehrer an der Chicago School of Sociology zurück. (6)

Der erste wichtige Punkt bei Alinskys Aktivierungsarbeit ist deshalb, dass er mit seinen Techniken und Methoden die von den Einwanderern selbst geschaffenen Institutionen und Organisationen nutzte. Damit waren seine Methoden denen der damaligen Settlements entgegengesetzt, von denen er sich scharf abgrenzte und denen er Wohlfahrtskolonialismus vorwarf. Ihnen ging es häufig nur darum, aus »gutem Willen« etwas »für« die Menschen in den benachteiligten Stadtteilen zu tun. Dagegen ging es Alinsky darum, etwas »mit« den Menschen und den vorhandenen Organisationen zu tun. Er bestand darauf, die Traditionen und Gebräuche in den oftmals ethnisch geprägten Stadtteilen zu respektieren und zu nutzen.

Die in den Einwanderergemeinden bestehenden Organisationen hatten ihre Wurzeln oft in der alten Welt. Es gab nationale Kirchengemeinden, Unterstützungsvereine auf Gegenseitigkeit, Zeitungen. Diese Organisationen waren oftmals nicht in der Lage, ihre ethnischen, nationalen oder ideologischen Grenzen zu überwinden. Ein wichtiges Ziel seiner Organisationsarbeit bestand deshalb darin, zu einer übergreifenden, ethnisch oder religiös nicht eingeschränkten Plattform zu gelangen, die es den Gruppen erlaubte, sich gemeinsam in der Konkurrenzgesellschaft des modernen, multikulturellen, industriellen Amerika zu behaupten.

Dieser ganzheitliche Ansatz steht in direktem Zusammenhang mit dem sozialökologischen Denkansatz der Chicago School of Sociology. Er wandte sich vehement gegen individualisierende Betrachtungsweisen. Individualisierende Betrachtungsweisen waren für ihn allesamt Zeichen einer sozialen Desorganisation, die Apathie und Resignation hervorbringt. Nach Alinsky ist die Nachbarschaft oder die Community prägend für die soziale Entwicklung der in ihr lebenden und aufwachsenden Menschen. (7)

Seite 2: Interview, Haltung, Situationsdefinition

Der zweite wichtige Punkt bei seiner Aktivierungsarbeit ist, dass er zunächst von den qualitativen Forschungsmethoden der Chicago School of Sociology ausging. Diese wurzeln in der Ethnografie, aber auch in der Weiterentwicklung und Systematisierung der journalistischen Reportage: Interview und teilnehmende Beobachtung. Das grundlegende Interesse dieser Forscher/innen galt den Lebensgeschichten der Menschen und der Art und Weise wie sie ihren Alltag bewältigen. Alinsky wies 1934 in einem Aufsatz zur Interviewtheorie anhand von Fallstudien nach, dass offene Interviews gegenüber formalisierten Interviews ergiebiger sind und wesentlich mehr zu einem ganzheitlichen Bild (im Original: »gestalt-picture«) der Situation beitragen konnten.

Die Detailkenntnisse des Interviewers/ der Interviewerin und sein/ ihr Interesse an den Problemen und Ressourcen der Neighborhood oder der Community spielten eine entscheidende Rolle dabei, das Vertrauen der interviewten Personen (in diesem Fall jugendliche Haftinsassen) zu gewinnen. (8) Das Interesse am Alltagsleben der Menschen führte in den damaligen Forschungen zu einer hohen Wertschätzung der »vor Ort-Erfah­rung« und den Informationen aus »erster Hand« . Kennzeichnend für diese Art der Lebenswelterkundung ist, dass die Bewohner erstmals als Expert/innen der eigenen Situation galten und in die Forschung einbezogen wurden. (9)

Eine dritte Sache ist für das Verständnis der Aktivierungsarbeit von Saul D. Alinsky wichtig: die persönliche Haltung. Alinsky wird nicht müde zu beschreiben, dass die persönliche Haltung des- oder derjenigen, der oder die Menschen aktivieren will, die Leidenschaft für den Nächsten sein muss. Für ihn ist das, was er »Radikalität« nennt, geradezu durch den Glauben an die Menschen, die Menschenrechte, an Chancengleichheit und die Möglichkeit eines demokratischen Zusammenlebens definiert. (10) Zu den weiteren wichtigen Eigenschaften zählt er die »Neugier« und den »Respekt vor dem Leben« und der »Würde der Menschen« . Nach Alinsky können diese Eigenschaften aber durchaus mit »Respektlosigkeit« gegenüber so genannten Wahrheiten, Dogmen und festgefahrenen Moralvorstellungen einhergehen. Gemeinwesenarbeiter/innen sollen »gut integriert« , aber »politisch schizoid« sein, außerdem sollen sie »Kreativität und Vorstellungskraft« und einen »Sinn für Humor« besitzen. Dafür dürfen sie allerdings nur eine »verschwommene Vision von einer besseren Welt« haben. Sie sollen eine »organisierte Persönlichkeit« sein, »frei und offen« , aber gleichzeitig auch eine »politische Relativität bewahren« . Die Konzepte der »politischen Relativität« oder gar des »politischen Schizoid-Seins« erschließen sich erst, wenn man abermals auf den Fundus der Chicago School zurückgreift. Alinskys geschätzter Soziologielehrer Robert E. Park entwickelte in den Zwanzigerjahren das Konzept des »marginal man« (in Deutschland sprach man in dieser Zeit vom »Randseiter«), dem er eine tragende Rolle bei der Erforschung unterschiedlicher Stadtkulturen und der Vermittlung zwischen diesen zuschrieb. Erst die doppelte Perspektive eines (gut integrierten) »Mitgliedes zweier Kulturen« ermöglicht eine objektive Beurteilung der Situation einer Nachbarschaft.

Dies geschieht da, wo sich die Innensicht des/ der Bewohner/in als Expert/in mit der Außensicht des/ der Gemeinwesenarbeiter/in verschränkt. Gemeinwesenarbeiter/innen tun deshalb gut daran zu wissen, dass sie Angehörige zweier Kulturen sein sollten und so gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Gemeinwesens stehen können. Sie tun gut daran zu wissen, dass dies genau der Platz ist, wo sie hingehören. Sie sind »politisch relativ« , weil sie über mindestens zwei Perspektiven verfügen und sie sind »politisch schizoid« , soweit sich diese Perspektiven nicht decken. Wenn sie in beiden Kulturen »gut integriert« sind, kann diese Spannung fruchtbare Erkenntnisse erzeugen. (11)

Ein weiteres Konzept der Chicago School mit Bedeutung für Alinskys Aktivierungsarbeit ist die »Situationsdefinition« : »Wenn Menschen Situationen für real halten, dann hat das reale Folgen (Thomas-Theorem).« (12) Alinsky war wohl derjenige, der entdeckt hat, dass Situationsdefinitionen nicht nur reale Folgen haben, sondern auch kommunikativ verändert werden können. Alinsky analysiert und diskutiert innerhalb der Organisationen die »Situation« . Diese gemeinsame Analyse der Situation und die gemeinsame Erarbeitung einer Situationsdefinition kann als Grundlage für das angesehen werden, was später unter den Begriff »partizipative Forschung« oder »Aktionsforschung« weiterentwickelt worden ist. Alinsky selbst erweitert später die Situationsanalyse zur Machtanalyse. Während andere Theoretiker sich noch darum bemühten, zu bestimmen was Macht ist, experimentierte er schon damit. (13) Alinsky definierte mit Hilfe eines in Amerika gebräuchlichen Lexikons Macht als »die Fähigkeit zu Handeln« . Durch die Thematisierung von Macht erzeugte er ein kritisches Bewusstsein von der Problematik der jeweiligen Situation und von der Notwendigkeit gemeinsamen, organisierten, öffentlichen und damit politischen Handelns. Damit schuf er die Bedingungen für die Möglichkeit gemeinsamen Handelns.

Seite 3: Die Sokratische Methode

Die Praxis, die Alinsky seit der Zeit seines Back-of-the-Yards-Projektes auf diesen Prämissen aufbaute, war die Praxis der Organisation von (bereits bestehenden) Organisationen. Eine hervorragende Rolle spielten dabei die »organisierte Arbeit« (Gewerkschaften) und die »organisierte Religion« (Kirchengemeinden). Den Bewohner/innen des Bezirks hinter den Schlachthöfen war gemeinsam, dass sie alle abhängig bei den großen Fleischverpackungsindustrien arbeiteten, die bislang erfolgreich die gewerkschaftliche Organisation ihrer Arbeiter verhindert hatten. Den Arbeiter/innen war darüber hinaus gemeinsam, dass sie, obwohl aus unterschiedlichen Ländern stammend, überwiegend katholisch waren. Die Kirchengemeinden waren allerdings »national« d.h. als Einwanderergemeinden organisiert und zu gemeinsamem Handeln zunächst nicht in der Lage. Als es gelang, die Repräsentant/innen der Gewerkschaft und der Kirche zu einem gemeinsamen Vorgehen zur Verbesserung der Situation im Stadtteil zusammenzubringen, waren die großen gesellschaftlichen Kräfte (14) gefunden, auf denen die Macht und der Erfolg der von ihm ins Leben gerufenen Organisation, das Back-of-the-Yards-Council, beruhte. Nur Stunden nach dem Bekanntwerden dieses Bündnisses, gaben die Vertreter/innen der Fleischverpackungsindustrie den Forderungen der Gewerkschaft nach.

Aber nicht allein diese Geschichte ist für unseren Zusammenhang interessant, sondern die Tatsache, dass die organisierten Organisationen aus ihren jeweils unterschiedlichen Traditionen auch jeweils eigene Strategien der Aktivierung mit in das politische Handeln einbrachten. Der Einfachheit halber möchte ich diese Strategien der Aktivierung als »Agitation« und »Mission« bezeichnen. (15)

Die Frage entsteht, welche Position Alinsky entwickelt hat, um diese Strategien zu verbinden bzw. in seine Strategie zu integrieren. Alinsky hat im Sokratischen Dialog eine Methode der Aktivierung gefunden, die den/die befragte(n) Partner/in in den Mittelpunkt stellt. Der Sokratische Dialog hilft Gesprächspartner/innen, ihre eigenen Positionen zu entwickeln und zu erproben. Der Sokratische Dialog ist aber auch gleichzeitig eine Meta-Methode, die eine Kritik der traditionellen Aktivierungsmethoden ermöglicht. Diese Kritik ist immer dann notwendig, wenn die Gesprächspartner/innen nicht mehr als selbstständige Subjekte begriffen werden. (16) Was ist nun ein »Sokratischer Dialog« und welche Rolle spielt er im Denken Alinskys?

Sokrates hat selbst keine Bücher geschrieben, sondern hat seine gesamte Philosophie im Dialog entwickelt. Was wir über Sokrates wissen, stammt von anderen klassischen Autoren, insbesondere von Plato, der viele seiner Dialoge überliefert hat. In den überlieferten sokratischen Dialogen steht nicht Sokrates der Fragende im Mittelpunkt, sondern die Befragten, Sokrates’ Schüler. Der/die Fragende fragt aus einer vorsichtigen Position des neugierigen, noch nicht festgelegten, gelehrten Nichtwissens (Sokrates: »Ich weiß, dass ich nichts weiß«). So hilft man den Befragten, ihre eigene Meinung, ihre eigene Position zu artikulieren.

Gelegentlich verstricken sich Sokrates’ Schüler durch seine Fragen in Widersprüche oder werden mit gegenteiligen Meinungen konfrontiert. Hierdurch können sie in Verwirrung (Aporie) geraten, haben aber die Gelegenheit, ihre Positionen weiterzuentwickeln und zu festigen. Dies gehört zur Methode oder ist sogar ihr Kern. Sie gelangen von einem unzureichenden, naiven Verständnis der Situation zu einer systematischeren, effektiveren Vorgehensweise. Scheinwissen wird durch Wissen ersetzt, Apathie, Resignation oder wie Alinsky sagen würde, »politischer Analphabetismus« wird verringert. Sokrates selbst vergleicht seine Arbeit mit der Hebammenkunst (Mäeutik), die er bei seiner Mutter beobachtet hat. Seine Aufgabe sei zwar nicht, Kinder auf die Welt zu bringen, aber den Schülern zu helfen, ihre Gedanken zur Sprache und damit zur Welt zu bringen. Alinsky bezog sich gern auf antike Konzepte, wenn er der Meinung war, sie könnten zur Lösung gegenwärtiger Probleme beitragen. Zum Beispiel nutzte er den »Melierdialog« , eine Episode aus dem Feldzug des Alcibiades gegen Sizilien (17) als Grundlage für Rollenspiele, in denen zukünftigen Organizer/innen die Kunst der erfolgreichen Verhandlungsführung vermittelt wurde. (18)

Als Alinsky in seinem Spätwerk »Rules for Radicals« seine jahrzehntelangen Erfahrungen im Bereich des Community Organizing reflektiert, nennt er den Teil seiner Methode, der sich auf die Aktivierung neuer Mitglieder für Bürgerorganisationen bezieht, die »sokratische Methode.« (19)

Im Mittelpunkt der sokratischen Methode steht die Kunst des Fragens. Für Alinsky hat das anteilnehmende und interessierte Fragen bei der Aktivierung von Menschen eine grundsätzliche, fast religiöse Bedeutung, wie im folgendem Zitat deutlich wird: »Wenn ich ein religiöses Symbol auswählen sollte, dann würde ich nicht das Kreuz oder den Davidstern wählen, sondern das Fragezeichen. Das Fragezeichen erinnert an eine umgedrehte Pflugschar. Richtig gestellte Fragen brechen die Gedanken um wie ein Pflug und ermöglichen das Wachsen neuer Gedanken und Ideen.« (20)

Zusammenfassend kann gesagt werden, das Alinsky seine Befragungs- und Aktivierungsmethoden im Rahmen der Forschungsmethoden der Chicago School of Sociology entwickelt hat. Im Rahmen seiner Organisationstätigkeiten hat er weiterhin auch traditionelle Formen der Mitgliederwerbung und Mitgliederbindung integriert. Hier sind insbesondere die gewerkschaftlichen Rekrutierungs- und Agitationsbemühungen der CIO (21) zu nennen. Zu nennen sind aber auch die Versuche der zahlreichen, unterschiedlichen Einwandererkirchen, die ihre Mitglieder vor den Gefahren des sich schnell wandelnden, urbanen Lebens zu bewahren suchten, aber auch darauf aus waren, Unentschlossene zu missionieren. Erst langsam kommen die unterschiedlichen Einwandererkirchen dazu, ökumenische Zusammenschlüsse zu bilden. Alinsky ergreift weder Partei für eine religiöse Richtung noch sieht er in den Organisationen der Arbeiterbewegung eine ausreichende Lösung. Seine Botschaft ist die Botschaft der amerikanischen Demokratie und der Freiheit des Individuums. Alinsky versucht, seine dialogische Praxis durch den Rückgriff auf das Modell des Sokratischen Dialogs zu reflektieren und zu begründen. (22)

Seite 4: Fußnoten

(1) Alinsky, Saul David: Reveille for Radicals, 1946, S. 128 f.

(2) Vgl. auch Richard Hauser: Die kommende Gesellschaft, S. 457. Dort lautet die Frage: »Was sollte getan werden, um ein Gemeinwesen aufzubauen oder wiederaufzubauen.«

(3) Siehe dazu: Müller, C.W./ Nimmermann: Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit; Alinsky, Saul D.: Die Stunde der Radikalen – praktischer Leitfaden für realistische Radikale, Burckhardthaus Laetare Verlag 1974; ders.: Leidenschaft für den Nächsten – Strategien und Methoden der Gemeinwesenarbeit, Burckhardthaus Laetare Verlag 1974; vgl. Arbeitskreis Kritischer Sozialarbeiter (AKS), Berlin: Gemeinwesenarbeit als Ideologie und Kontrolle: Ein Beitrag zur Sozialarbeit im Stadtteilbereich, in: Arch+, Febr. 1974, S. 27–42, Wiederabdruck in: Victor-Gollancz-Stiftung: Materialien zur Jugend und Sozialarbeit 8, Reader zur Theorie und Strategie von Gemeinwesenarbeit, 1974; vgl. auch Karas, Fritz / Hinte, Wolfgang: Grundprogramm Gemeinwesenarbeit, 1978, S. 42.

(4) Im Rahmen eines Dissertationsprojektes am Fachbereich 11 der Universität Bremen werden diese Quellen derzeit zusammengetragen. Der vorliegende Beitrag gibt einen Teil der Ergebnisse dieses Projekt wieder.

(5) Alinsky, Saul D.: (1941) Community Organization and Analysis. In: American Journal of Sociology, May, 1941, S. 797–808.

(6) Hier sind insbesondere zu nennen: Zum Konzept der Selbstorganisation in Einwanderergemeinden: Robert Ezra Park: Old World Traits Transplanted, 1927, S. 287 ff. Zur wissenschaftlichen Fundierung sozialer Praxis: Ernest W. Burgess: Can Neighborhood Work Have a Scientific Basis? In: Park, Robert E. / Burgess, William E.: The City: Suggestions for Investigation of Human Behavior in the Urban Environment, 1925, S. 142–156.

(7) In Deutschland formulierte Paul Natorp: »Der Mensch wird zum Menschen allein durch menschliche Gemeinschaft.« (Natorp, Paul: Sozialpädagogik, Stuttgart 1909)

(8) Alinsky, Saul D. (1934): A Sociological Technique in Clinical Criminology. In: American Prison Association: Proceedings of the Sixty-fourth Annual Congress of the American Prison Association, New York: American Prison Association 1934, S. 167–178.

(9) Das Interesse der Chicago School of Sociology am Alltagsleben der Menschen wird später zu den Grundlagen des Lebensweltkonzept von Thiersch gehören. Vgl. Thiersch, in: 8. Jugendbericht der Bundesregierung, S. 171.

(10) Alinsky, Saul D. (1946); Reveille for Radicals. Chicago, 1946, 15 ff.

(11) Zum Konzept des Marginal Man siehe auch: Rolf Lindner: No Bad Stuff. Robert Park als literarischer Held. In: Berliner Journal für Soziologie, 10 Jg. (2000), S. 555.

(12) »If men define situations as real, they are real in their consequences« , so lautet das berühmte Thomas-Theorem, welches von William I. Thomas an der CSS formuliert wurde.

(13) Reitzes, Donald C. /Reitzes, Dietrich C.: The Alinsky Legacy: Alive and Kicking, Greenwich 1987.

(14) Alinsky 1941: Community Organization and Analysis, American Journal of Sociology, 1941, S. 797–808.

(15) Vgl. Anderson, Nels: The Hobo: The Sociology of the Homeless Man, Chicago 1923, S. 215 ff. und 250 ff. In diesem Klassiker der Chicago School, der auch Alinsky bekannt gewesen sein dürfte, unterscheidet Anderson den »Soap-Boxer« (der typische Soap-Boxer stellte sich auf eine Seifenkiste, um zu einem Auditorium unter freiem Himmel zu sprechen) und den »Evangelisten« (der typische Evangelist predigte ebenfalls unter freiem Himmel, wird aber oft von instrumentierten Gruppen musikalisch begleitet). Ersteren ging es um Reformen und die Veränderung der Lebensbedingungen, letzteren darum, die Menschheit zu verbessern. Erstere kommen in der Regel aus der gleichen Lebenslage wie die Betroffenen, während letztere häufig aus einer anderen sozialen Welt, aus einer anderen Schicht oder Region kommen, die den Betroffenen eher fremd bleibt.

(16) Hierzu der französische Sozialphilosoph E. Lévinas: »Die sokratische Maieutik siegte über eine Pädagogik, die einem Geist Ideen mit Gewalt oder auf dem Wege der Verführung (was auf dasselbe hinausläuft) beibrachte.« Emmanuel Lévinas: Totalität und Unendlichkeit, Freiburg/ München, 1993, S. 247 f. Vgl. auch Richard Hauser: Die kommende Gesellschaft: Handbuch für soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit, München/Wuppertal, 1971. Hauser kritisiert Methoden der »Gehirnwäsche« und weist auf die wichtige Rolle sokratischen Vorgehens sowie auch des Humors (sic!) hin. Vgl. auch die Ausführungen von Paolo Freire über »Dialogisches Lernen« und seine Kritik der »Bankiersmethode« in: Freire, Paolo: Pädagogik der Unterdrückten, Bildung als Praxis der Freiheit, (3.Aufl.), Reinbek 1979.

(17) Im Leben des Alcibiades zeigen sich auffällige Parallelen zu alttestamentlichen Figuren: Alcibiades zerschlägt in Athen zahlreiche Götzenbilder (Moses zerschlägt die Steintafeln), Alicibiades wird Opfer einer Intrige und flieht zunächst nach Sparta (Joseph wird von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft), von Sparta flieht er vor dem Begehren der Gattin des Königs (Joseph flieht vor dem Begehren der Gattin Pothiphars).

(18) Zum Verhältnis Sokrates und Alcibiades: siehe Plato: Das Gastmahl; zum Melierdialog: siehe Thukidides: Der Peloponesische Krieg, 5. Buch, S. 84–116.

(19) Alinsky, Saul D.: Rules for Radicals, 1971, S. 103.

(20) Sanders, Marion K.: The Professional Radical, New York, 1970, S. 57.

(22) In diesem Zusammenhang ist noch einmal auf die Parallelen zwischen der Arbeit Alinskys und der Arbeit Richard Hausers hinzuweisen, der ebenfalls zur Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in Deutschland beigetragen hat (vgl. Anm.14 und den Beitrag von M. Lüttringhaus in diesem Band). Wie Alinsky war Hauser während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Antifaschist und in Entnazifizierungskampagnen aktiv, Alinsky und Hauser teilen den Traum von einer demokratischen und brüderlichen Gesellschaft, wie Alinsky stellt Hauser den Sokratischen Dialog für die Entwicklung von Selbstorganisation und Demokratie heraus. Beide waren als »lecturer« am Urban Training Centre in Chicago tätig: »The Urban Training Centre in Chicago was a national boot camp for clergy and organizers during the 60s and the early 70s. Alinsky was a regular lecturer there, along with other community theorists and practitioners: Richard Hauser, Milton Kotler (…) Ivan Illich of Puerto Rican New York and Cuernavaca, Mexico. Twenty years later we’d have to say, that it is Alinsky, whose stories are most remembered and whose effects are most in evidence« (Luecke, Richard/Alinsky, Saul: Homo Ludens for Urban Democracy, in: Christian Century, Nov. 15th, 1989, S. 1051).

(21) Congress of Industrial Organizations, eine Art gewerkschaftlicher Dachverband, der sich zeitweise von der American Ferderation of Labour abgespalten hat. Heute bildet die AFL-CIO den größten amerikanischen Gewerkschaftsverband.

Autor

Dieser Beitrag von Peter Szynka ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
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