In der Gemeinwesenarbeit (Kreis Gütersloh)

Seite 1: Ausgangslage, Zielsetzung

Ausgangslage/Rahmenbedingungen

Gemeinwesenarbeit (GWA) wird in verschiedenen Wohngebieten der Städte und Gemeinden des überwiegend ländlich geprägten Kreises Gütersloh seit 1991 unter Federführung der Kreisverwaltung, Abteilung Jugend, Familie und Sozialer Dienst, eingesetzt. Voraussetzung dafür ist zum einen, dass es sich um Wohnquartiere handelt, die sich durch eine besondere Komplexität der Problemlagen hervorheben, zum anderen, dass die jeweiligen Städte und Gemeinden sich diese Arbeit wünschen. Dazu gehört auch, dass die GWA-Projekte als gemeinsame Kooperationsprojekte zwischen dem Kreis Gütersloh, einem freien Träger (z.Z. AWO, Caritas, Diakonisches Werk) und der jeweiligen Stadt/Gemeinde auf Grundlage des Rahmenkonzeptes des Kreises verstanden werden. Die Gemeinwesenarbeit beginnt jeweils mit einer Aktivierenden Befragung, deren Ergebnisse Grundlage der nachfolgenden Arbeit sind. Vor Beginn der Befragungen müssen unserer Auffassung nach folgende finanzielle Rahmenbedingungen erfüllt sein:

Jeweilige Stadt/Gemeinde

  • Bereitstellung von Kommunikationsraum im Wohnquartier (i.d.R. ein bis zwei Wohnungen)
  • Materielle Ausstattung dieser Räumlichkeiten
  • Betriebskosten des Kommunikationsraumes (wie Reinigung, Telefon, Porto, Fahrtkosten)
  • Finanzielle Absicherung unterstützender sozialer Maßnahmen und Angebote (nach Quartiersgröße und Bedarf 2.500–12.500 €)


Kreis Gütersloh

  • 90% Personalkostenübernahme von 0,75 bis 1,5 Fachkräften vor Ort bei einem freien Träger
  • Personelle Unterstützung durch Gemeinwesenarbeit des Kreises, Fachberatung und Begleitung


Freier Träger

  • Restliche 10% der Personalkosten (i.d.R. Kostenübernahme durch Stadt/Gemeinde)
Etwa zwanzig Männer sitzen in Stuhlreihen und auf Bänken.
Zur Bewohnerversammlung, in der die Befragungsergebnisse vorgestellt und diskutiert werden, sollte möglichst mit mehrsprachigen Handzetteln und Plakaten eingeladen werden.

Die Aktivierenden Befragungen werden mit Hilfe von Studierenden der Fachhochschule für Sozialwesen oder der Universität, Fakultät für Pädagogik bzw. Sozialwissenschaften durchgeführt. Die Student/innen führen die Befragungen überwiegend im Rahmen eines Praktikums bei der Fachstelle für Gemeinwesenarbeit des Kreises durch. Eine solche Befragung fand auch schon als Kooperationsprojekt zwischen Universität und dem Kreis Gütersloh statt. Die Federführung der Befragungen liegt beim Kreis.

Inhaltlich setzen die Befrager/innen sich intensiv mit dem Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit, dem jeweiligen Wohnquartier sowie Methoden Aktivierender Befragungen auseinander. Vor dem endgültigen Beginn der jeweiligen Befragung werden Rollenspiele und Befragungsübungen durchgeführt. Während der Dauer der ca. drei Wochen umfassenden Bewohnerbefragung finden regelmäßig Reflexionsgespräche statt.

Ziele der Aktivierenden Befragung

Ziele der Aktivierenden BefragungDie Aktivierende Befragung zielt darauf ab, praktische Veränderungen in einem benachteiligten Wohnquartier zu bewirken, die zusammen mit den dort lebenden Menschen und dem Umfeld realisiert werden sollen. Wir wollen Informationen gewinnen über:

  • objektive Daten und Fakten (z.B. Anzahl der Kinder, Jugendliche, Senioren, Ausländer, Alleinerziehende, Sozialhilfebezieher, Wohnungsgrößen, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten, Spielplätze),
  • Meinungen (gefühlsmäßige Ansichten, Meinungen über Lebenssituation, soziale Tätigkeiten und Maßnahmen),
  • emotionales Klima (wer spricht mit wem, hilft oder kennt Probleme des Nachbarn, worüber ärgern Menschen sich),
  • örtliche Führer, Gruppen, Mehrheiten und Minderheiten,
  • Ideen zur Veränderung.

Wesentlich ist dabei:

  • Im Untersuchungsvorgang liegt ein Teil der Aktion.
  • Die untersuchte Situation wird direkt beeinflusst.
  • Bewohner/innen sollen durch Konfrontation mit der Wirklichkeit angeregt werden, Lösungen zur Verbesserung der Situation gemeinsam zu entwickeln und durch ihre Aktion zu deren Realisierung beitragen.
Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Heinrich Ordelheide ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.