Umgang mit Gegenstrategien

Da Gegenstrategien sich immer auf konkrete Auseinandersetzungen beziehen, haben allgemeine Empfehlungen zum Umgang damit nur eine begrenzte Reichweite. Es gibt keine Patentrezepte. Zivilgesellschaftliche Initiativen sollten so oder so das Agieren der anderen Seite beobachten, ohne sich davon verrückt machen zu lassen. Wie reagiert die Gegenseite auf eigene Aktivitäten, welche Ziele stecken möglicherweise dahinter und wie wirken sie auf die eigene Strategie und die eigenen Wirkungsmöglichkeiten? Die konkreten Fragen können je nach erkennbaren Strategien anders aussehen.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Wichtig ist zunächst, sich bewusst zu machen, dass man als zivilgesellschaftliche Initiative selbst Gegenstrategien ausgesetzt sein kann. Das Ausmaß ist davon abhängig, wie relevant im Einzelfall die konkrete Auseinandersetzung für die betroffenen Akteure ist.

Wenn es etwa um eine Einladung zu einem Dialog geht, wären folgende Punkte interessant:

  • In welcher Situation befinden sich die Dialogpartner/innen?
  • Reagieren sie damit auf Druck?
  • Wie wird sich der Dialog auf diesen Druck auswirken?
  • Wie passt er zu dem eigenen strategischen Profil?
  • Werden eigene Stärken durch den Dialog gedämpft, Schwächen verstärkt?
  • Wie sind die Veränderungsbereitschaft und -grenzen der Dialogpartner/innen einzuschätzen und welche versteckten Ziele könnten sie mit einem Dialog-Angebot verfolgen?

Mögliche versteckte Ziele könnten sein:

  • Informationsgewinnung über Ressourcen der Aktivist/innen und über geplante Aktionen
  • Image-Transfer: Unternehmen versuchen, von dem guten Ruf der NGOs zu profitieren
  • Umlenkung der Energie der kritischen Gruppen und der öffentlichen Aufmerksamkeit
  • Entpolitisierung und Technokratisierung hochpolitischer Themen
  • Neutralisierung besonders kritischer Stimmen (Teile und Herrsche)
  • das Verwischen von Konflikten gegenüber der Öffentlichkeit
Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Judith Richter 1999: Dialog oder Konsensfabrikation? Chancen und Risiken von Gesprächen mit der Industrie. Ein Leitfaden für kritische Gruppen. Bielefeld (Buko PharmaKampagne).

Auf Grundlage solcher Fragen kann eine Organisation oder Initiative dann entscheiden, wie sie mit dem Dialog-Angebot umgeht, ob sie darauf eingeht und unter welchen Rahmenbedingungen.

Die Frage nach den (versteckten) Zielen ist auch bei anderen Gegenstrategien wichtig. So zielen vermeintlich unabhängige »Bürgerinitiativen« mit Industrieverbindungen häufig auf eine höhere Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit. Wie gezeigt, ist es ein wichtiges PR-Instrument, »glaubwürdige Dritte« für sich sprechen zu lassen, sie in der Öffentlichkeit aufzubauen und ihre getätigten Aussagen notfalls zu fingieren. Ihr Erfolg hängt maßgeblich davon ab, dass die Verbindungen zu ökonomischen Interessen nicht sichtbar sind oder zumindest nicht wahrgenommen werden.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Deshalb kann es sich in solchen Fällen lohnen, die Verbindungen solcher künstlicher Initiativen – soweit es die eigenen Kampagnenressourcen ermöglichen – genauer zu recherchieren und in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Bei konfrontativen Strategien gibt es für zivilgesellschaftliche Initiativen viele Reaktionsmöglichkeiten, die im Einzelfall genau geprüft werden müssen. Eine Möglichkeit ist es, sie einfach zu ignorieren oder ohne viel Aufhebens öffentlich Gegenargumente zu liefern. Eine weitere Möglichkeit ist es, die Angriffe positiv zu nutzen und dadurch zu versuchen, mehr öffentliche Aufmerksamkeit für das eigene Anliegen zu gewinnen.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Gerade juristische Drohungen und Klagen können zu viel Unterstützung führen, wenn man sich nicht direkt einschüchtern lässt. Dabei – und als Grundvoraussetzung für die eigene Arbeit – ist es natürlich wichtig, selbst glaubwürdig und transparent aufzutreten.

Insgesamt sollten zivilgesellschaftliche Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen, die in ihrer Arbeit auch Kampagnen einsetzen, ein Bewusstsein für Gegenstrategien entwickeln und sensibler dafür werden, wie Unternehmen mit Protesten und Konfliktthemen umgehen. Dabei hilft es, über den Einzelfall hinaus die politischen Rahmenbedingungen und den häufig einseitigen Einfluss von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden in den Blick nehmen. An dieser Stelle ist auch die Politik gefragt, klarere Schranken für den Lobbyismus zu erlassen und sich für mehr Lobbytransparenz einzusetzen. Wir wissen heute vielfach nicht, welche Lobby- und PR-Agenturen für Unternehmen tätig sind oder welche Denkfabriken von wem finanziert werden. Mehr Transparenz mag nicht in allen Fällen weiterhelfen, aber höhere Transparenzstandards machen verdeckte Strategien schwieriger.

Bei all dem ist ein gewisses Maß an Optimismus hilfreich. Denn auch wenn die Unternehmen über großen Einfluss und immense finanzielle Mittel verfügen, um ihre Ziele durchzusetzen: Dass sich Unternehmen strategische Gedanken über den Umgang mit zivilgesellschaftlichen Kampagnen machen, ist ein Beleg für den Bedeutungszuwachs von NGOs und für die starke Rolle der Zivilgesellschaft als Motor gesellschaftlicher Veränderungen.