Die Auswahl der Themen: Was wollen die Familien?

Bei unseren Nachfragen, welche Themen denn für die Migrantenfamilien interessant sind und daher in den untersuchten Projekten aufgegriffen werden, stießen wir in erster Linie auf Fragen, die man völlig unabhängig von der Herkunftskultur als typische Themen von Familien in Neukölln bezeichnen kann. Nach Ansicht der befragten Akteure sind es »soziale Probleme«, die auch für Familien deutscher Herkunft zentral sind. »Die deutschsprachigen Eltern in Neukölln brauchen das im Grunde genauso. Die sozialen Probleme sind ja die gleichen.«

Offensichtlich hängen die für die Migrantenfamilien interessanten Themen nicht maßgeblich mit der Herkunftskultur zusammen, sondern mit der jeweiligen sozioökonomischen Situation und der damit verbundenen Lebenslage.

Themen, die neben den bereits genannten bislang nachgefragt wurden, waren beispielsweise: »Schadstoffe im Gemüse«, »Hakenkreuz und Nazizeit« oder anlässlich der Bundestagswahlen die Frage, »Was ist der Unterschied zwischen CDU und CSU?« Zudem wollten einige Frauen wissen, worin der Unterschied zwischen katholisch und evangelisch besteht. Diese Antwort wurde  beispielsweise mit einem Kirchenbesuch verbunden. Analog resultierte die Frage »Warum heißt unser Kiez eigentlich böhmisches Dorf?« in einer kleinen historischen Exkursion im Herzen Neuköllns.

Offensichtlich geht es nicht zuletzt um Fragen, die eng mit der deutschen Gesellschaft verbunden sind. Auf der Ebene des Interesses ist folglich eine deutliche Bereitschaft zu Integration (im Sinne von gesellschaftlicher Teilhabe) zu konstatieren. Voraussetzung ist allerdings, dass erst einmal der Zugang zu den Migrantenfamilien gelingt, um in einen Dialog über solche gesellschaftlichen Fragen zu treten.

Wenn die Themen von den Familien kommen und man flexibel darauf eingehen will, darf das Verständnis des eigenen Zuständigkeitsbereiches nicht allzu eng sein. Entsprechend fasst ein langjährig tätiges Beratungsprojekt den Begriff der Sozialberatung sehr weit und ganzheitlich:

»Es geht um alle Bereiche des Lebens: Die Frauen können mit einem Brief vom Sozialamt ankommen, aber auch mit einem Werbeprospekt, den sie nicht verstehen. Ebenso können sie Fragen bezüglich ihrer Kinder, einer Trennung oder diverser Wohnungsangelegenheiten stellen. Sie werden bei allem beraten. Wir sagen ihnen zuallererst, dass sie mit allem, was sie sich vorstellen können, zu uns kommen können. Wir haben keine Tabus, was natürlich noch lange nicht heißt, dass wir alles wissen.«

Die Migrantinnen betrachten den Verein als erste Anlaufstelle für alle Fragen. Die Mitarbeiterinnen helfen ihnen erst einmal dabei, zu verstehen,worum es geht und erarbeiten dann konkrete weitere Schritte mit ihnen. Oft wird an andere Einrichtungen verwiesen. Dafür verfügt der Verein über eine umfangreiche Sammlung von Informationen zu verschiedenen Einrichtungen und Angeboten. Oft kennen die Mitarbeiterinnen auch die Institutionen und die dort Tätigen persönlich. So können sie den Frauen detaillierte und lebensnahe Informationen geben, die ihnen den Zugang erleichtern. Ihrem professionellen Selbstverständnis nach sind sie spezialisierte Generalistinnen.

Wie wichtig es ist, die Themen der Migrantenfamilien aufzugreifen und darauf aufbauend mit ihnen gemeinsam unterstützende Angebote zu entwickeln, zeigt auch ein Negativbeispiel. Es wurde uns von einer Praktikerin geschildert, die vormals bei einem anderen Träger einen Mütter-sprachkurs organisiert hatte, der ihres Erachtens zahlreiche Mängel aufwies. Besonders negativ machte sich bemerkbar, dass das Unterrichtsmaterial und Curriculum zu starr waren und das Angebot einzig und allein auf den Aspekt Spracherwerb fixiert war. Ganzheitliches und sozialraumorientiertes Vorgehen war dadurch nicht mehr möglich. Aus Sicht unserer Gesprächspartnerin wäre es viel hilfreicher gewesen, wenn die Kursleiterinnen stattdessen die Themen der neu zugewanderten Mütter hätten aufgreifen können. Beispielsweise hätte sie selbst gerne zu bestimmten Themen Expert/innen eingeladen oder passende Institutionen besucht. So hätten die Mütter entlang ihrer lebensweltlichen und alltagsbezogenen Themen einerseits die Sprache erlernen und andererseits aktuelle Informationen bekommen können.

Ein angenehmer Nebeneffekt eines solchen lebensweltbezogenen Ansatzes wäre gewesen, dass es für die Sprachkursteilnehmerinnen nachvollziehbar geworden wäre, wozu sie die deutsche Sprache wirklich brauchen können. Sie hätten Impulse bzw. Unterstützung bekommen und gleichzeitig alltagsbegleitend Deutsch gelernt. Für einen solchen Ansatz hätte man allerdings wissen müssen, welche Angebote und Träger im Stadtteil den Müttern in ihrem Alltag nützlich und hilfreich sein könnten. »Da gibt es Beratungsstellen für türkische Frauen, die seit 30 Jahren wunderbare Arbeit leisten. Warum kennt die bei dem Träger keiner? Warum konnte uns keiner mit Adressen weiterhelfen, wenn wir Kursleiterinnen im Büro aufgeregt nach Unterstützung gefragt haben?«

Wurde der erste Kontakt als attraktiv und hilfreich erlebt, entsteht Neugier, was wohl bei den nächsten Treffen kommen wird. Nun gilt es, die Familien nicht mit Angeboten und Vorschlägen zu überrennen. Zwar können Professionelle aufgrund ihrer Erfahrung bisweilen sehr gut erahnen, was Familien vermutlich interessieren und bewegen wird, doch kann dies in der ganz konkreten und individuellen Situation immer nur eine Vermutung sein. Wir erinnern hier an die Leitmaxime: Die Menschen sind die Expert(inn)en ihrer jeweiligen Lebenswelt. Wichtig sind die Themen der Familien, nicht die der Professionellen! Gefragt ist deshalb in erster Linie die professionelle Fertigkeit des Nicht-Wissens.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, noch einmal zu reflektieren, mit welcher konzeptionellen Zielstellung das eigene Angebot jeweils entwickelt wurde. Wer soll wobei unterstützt werden? Wer konstatiert Unterstützungsbedarf? Erlaubt das Konzept partizipative Handlungsansätze?

Familienunterstützende Angebote haben die größte Chance auf Akzeptanz, wenn sie Themen bearbeiten, die die Familien bewegen und interessieren. Das Bemühen zielt folglich in den untersuchten Projekten keineswegs darauf ab, die erreichten Menschen zu etwas zu bewegen, was die Professionellen als pädagogisch wertvoll erachten, sondern darauf, von den Eltern zu erfahren, wo sie eigentlich Unterstützung wollen! D. h. die Eltern selbst bestimmen die inhaltlichen Themen und sind auch an der Ausgestaltung der Unterstützung aktiv beteiligt.

Partizipation im Sinne von Mitgestaltung bedeutet zunächst einmal, genau zu klären, was die Eltern wollen. So wird beispielsweise am Ende einer regelmäßig stattfindenden Elternveranstaltung immer gefragt, welche Themen die Eltern aktuell beschäftigen: »Wir beteiligen die Eltern an der Auswahl der Themen. Wir fragen, worüber wollen Sie sich das nächste Mal unterhalten?« Wenn die Eltern sich mehrheitlich für ein Thema entscheiden, wird es auf der nächsten Veranstaltung angeboten. »Wir nehmen die Eltern direkt mit.«

Beteiligung durch Transparenz im Auswahlprozess und Flexibilität hinsichtlich der Angebotsinhalte, dieser partizipative Ansatz wird auch im Projekt der Stadtteilmütter praktiziert. Sie erklären zu Beginn ihrer Beratungsreihe erst einmal, welche Themen zur Auswahl stehen. Die besuchten Mütter sind so von vornherein über die Inhalte der kommenden zehn Termine informiert. Nun liegt es in ihrer Hand, zu entscheiden, welches Thema zuerst besprochen werden soll. Zwar stehen die Inhalte der Beratungstermine fest, aber die Reihenfolge und damit der Aufbau des Beratungsprozesses wird von den besuchten Müttern aktiv mitgestaltet und orientiert sich an ihren Präferenzen. In einem Treffpunkt wird die Orientierung des Angebotes an den Themen der Mütter besonders konsequent umgesetzt. Nach Aussage der Mitarbeiterinnen haben sie von Beginn an keine Angebote geplant, sondern alles gemeinsam mit den Müttern entwickelt:

»Wir haben die Mütter gefragt: Was wollt ihr denn hier gerne machen? Lasst uns Ideen sammeln und ein Programm daraus entwickeln!«

Das Angebot verändert sich immer wieder. Monatlich werden mit den Müttern neue Pläne erstellt, die bisweilen sehr unterschiedlich ausfallen. Wenn die Resonanz seitens der Mütter und Kinder positiv ist, entwickeln sich manche Ideen zu festen Angeboten und finden fortan wöchentlich statt, wie etwa ein Deutschkurs,eine Gymnastikstunde oder auch regelmäßige Kochtage.

Durch den alltagsnahen, situativ-flexiblen Arbeitsansatz in solchen offenen Treffs kristallisieren sich im Lauf des Kooperationsprozesses immer wieder Themen heraus, welche die Mütter bewegen. Daraus lassen sich Beratungs- oder Bildungsangebote konzipieren, die bei den Müttern großen Anklang finden, weil es »ihre« Themen sind. Auf diese Weise kamen in den untersuchten Projekten Freizeitangebote wie etwa ein Yoga-Kurs, ein Kosmetikkurs, Bastelangebote, kleine Ausflüge oder gemeinsame Feste zustande. Einige Mütter äußerten das Interesse, die Freizeitmöglichkeiten und Infrastruktur des Kiezes (und darüber hinausgehend auch die Ressourcen des Gesamtbezirks und anderer Bezirke) gemeinsam besser kennenzulernen. Daraufhin besuchten sie z.B. einen Abenteuerspielplatz, das Puppentheater und einen Zirkus oder erkundeten gemeinsam Einkaufsmöglichkeiten außerhalb des eigenen Kiezes. Durch diese Aktionen konnten sie viele Erfahrungen sammeln, die sie zum Teil unmittelbar in ihren eigenen Alltag integrieren und bisweilen sogar in ihrem jeweiligen Umfeld »multiplizieren« wie z.B. regelmäßig zum Kita-Elternabend zu gehen oder immer wieder einen Kindertheaterbesuch am Wochenende einzuplanen.

Großes Interesse besteht selbstverständlich an allen Themen rund um Kind und Familie: Gesundheit, Physiotherapie für die Kinder, Ernährungsberatung, Rechts- und Ämterberatung, Umgang mit häuslicher Gewalt und eine Vielzahl weiterer Aspekte, die das Familienleben beeinflussen können.

Sobald der Zugang gelingt und die Ansprache funktioniert, sind die Mütter aus Sicht der befragten Professionellen sehr vielseitig interessiert. Eine Projektkoordinatorin: »Wir müssen die Themen eigentlich nur aufgreifen und organisieren. Da brauchen wir uns gar keinen Kopf darüber machen, was bieten wir bloß an? Das kommt alles von den Frauen.«