Interesse an der Person

Ein altes und heutzutage nicht minder bedeutendes sozialarbeiterisches Prinzip lautet: Suche die Betroffenen dort auf, wo sie sind! Das ist keineswegs nur räumlich zu verstehen, sondern vor allem auch inhaltlich und emotional. Es hat viel mit der empathischen Haltung zu tun, mit einem ehrlichen, authentischen Interesse am einzelnen Menschen, an seiner bzw. ihrer jeweiligen Individualität und einmaligen Besonderheit. Ehrliches Interesse und offene Neugier vermitteln einer Person Anerkennung und Wertschätzung in ihrem aktuellen Sein.

In der Arbeit mit Migrantenfamilien ist dies besonders wichtig, weil Migrant(inn)en in ihrem Alltag häufig die Erfahrung machen, dass aufgrund der weitverbreiteten Klischees ohnehin jeder davon überzeugt ist, dass er über sie Bescheid weiß. Kommt beispielsweise eine Muslimin mit Kopftuch zur Beratung, kommt leicht der Verdacht auf, sie wird zu Hause unterdrückt. Viele Migrant(inn)en müssen tagtäglich mit solchen und ähnlichen stereotypen Zuschreibungen umgehen und reagieren entsprechend empfindlich. Viele zweifeln an der Empathiefähigkeit deutscher Mitarbeiter/innen. Deshalb erscheint es gerade für Praktiker/innen deutscher Herkunft umso wichtiger, durch ehrliches Interesse an der Person Vertrauen aufzubauen und damit auch deutlich zu machen, dass sie sich nicht an gängigen Klischees orientieren.

Eine Mitarbeiterin aus der Jugendhilfe formuliert es folgendermaßen: »Man muss viel Offenheit mitbringen und sich auf die familiären und kulturellen Gegebenheiten der Familie einlassen. Also wenn man nur starr guckt, das kenn ich, das weiß ich und mehr möchte ich nicht wissen, ist das bestimmt nicht hilfreich, wenn man mit Migrantenfamilien arbeiten möchte. Man muss Geduld mitbringen, denn es kann sein, dass nicht alles so schnell geht, wie man es gern möchte und dass einiges nicht so schnell verstanden wird. Das kann aber mit einer deutschen Familie auch passieren… Ich denke, das trifft auch auf deutsche Familien zu, dass man die Offenheit und das Interesse mitbringen muss, ja, ich möchte mit dir arbeiten. Ich will sehen, wie ich dir helfen kann, wie wir gemeinsam einen Weg finden können.«

Diese Praktikerin betont, dass sie im Grunde genommen in der Arbeit mit Migrantenfamilien keine wesentlichen Unterschiede zur Arbeit mit einheimischen deutschen Familien feststellt. Es sind lediglich graduelle Unterschiede, die sie nicht überbewerten möchte. Sie wendet sich damit gegen eine klischeehafte Verallgemeinerung kultureller Unterschiede, durch die sich Migrant(inn)en in ihrer Subjekthaftigkeit und Individualität verkannt und missachtet fühlen könnten.

Ähnlich argumentiert eine Mitarbeiterin mit eigenem Migrationshintergrund, die in der Behindertenhilfe erfolgreich Einzelberatungen anbietet. Auch sie wendet sich gegen Typisierungen und plädiert für Individualisierung: »Wenn man aus der gleichen Kultur wie die Eltern kommt und ihre Sprache spricht, ist der Kontakt natürlich relativ einfach. Aber man sollte nicht denken, man wüsste deshalb alles über Familien mit diesem kulturellen Hintergrund. Man kann die Familien nicht verallgemeinern. Es ist im Erstgespräch immer wichtig, rauszukitzeln, was habe ich für eine Familie vor mir… Ebenso wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen und gut zuzuhören. Zuhören, was die Familie im Kopf hat, vielleicht hat sie schon Ideen, was sie selbst will und was sie dazu braucht.«

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