Berliner Bürgerplattform Neukölln

In der Berliner Bürgerplattform WIN haben sich annähernd 30 unterschiedliche Gruppen aus Nord- und Süd-Neukölln zusammengeschlossen, um gemeinsam ihren Stadtteil mitzugestalten. Dazu gehören z. B. Kitas, Kirchengemeinden und Moscheevereine, freie Gruppen, ein Schulförderverein und eine Vätergruppe.

Der soziale Frieden und wirkliche Integration sind Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben und eine prosperierende Stadt. Viele Menschen haben das Bedürfnis, sich an der Gestaltung ihres Lebensraumes zu beteiligen und sich politisch zu engagieren, ohne einer Partei angehören zu müssen. Viele sind bereit, sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen in ihrem Stadtteil aktiv einzusetzen und ihre Interessen selbst zu vertreten. Dies waren gute Voraussetzungen für den Aufbau der dritten vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) begleiteten Bürgerplattform in Berlin, im Stadtteil Neukölln.

Der Ansatz von Community Organizing setzt dabei auf den Aufbau bisher selten vorhandener oder nur schwach entwickelter Beziehungen zwischen den Menschen und deren Gruppen und Institutionen im Stadtteil. Denn die Grundlage einer Bürgerplattform bildet ein Netz von öffentlichen, jedoch persönlichen Beziehungen der Menschen zueinander, Beziehungen des gegenseitigen Vertrauens und des Respektes füreinander. Das heißt vor allem, individuelle Gespräche mit möglichst vielen unterschiedlichen Akteuren des Stadtteiles zu führen und dem Gegenüber zuzuhören, bei der Antwort auf die Fragen: Wo kommt der Andere her? Wie denkt er? Warum denkt er, wie er denkt? Was hat er schon alles erlebt, das ihn zu diesem Denken bringt?

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Beziehungen bilden das Rückgrat jeder Bürgerplattform und das Kriterium des Erfolges ist das Zustandekommen eines vielfältigen Zusammenschlusses lokaler Gruppen, die in der Lage sind, kooperativ und koordiniert im öffentlichen Bereich zu handeln.

Gründungsveranstaltung Anfang 2012 in Berlin Neukölln

Die Bürgerplattform WIN – Wir in Neukölln wurde, wie auch die beiden anderen Berliner Bürgerplattformen, in einem sogenannten benachteiligten Stadtteil aufgebaut. Er setzt sich aus 5 Ortsteilen zusammen, die die Gebiete von Nord-Neukölln und Süd-Neukölln bilden. Neukölln ist einer der buntesten und dicht besiedeltsten Bezirke Berlins mit ca. 316.000 Einwohnern. Der Migrantenanteil beträgt 128.359 Personen aus 147 Nationen und unterschiedlichen Herkunftskulturen. Der Anteil der Bewohner nicht deutscher Staatbürgerschaft an der Bevölkerung ist überdurchschnittlich hoch, er ist in den letzten drei Jahren um fast einen Prozentpunkt auf 39,6 Prozent gestiegen, Neukölln liegt damit an zweiter Stelle in Berlin. Bei den unter 18-Jährigen liegt der Anteil bei 78,8 Prozent. Das heißt, dass 4 von 5 Kindern und Jugendlichen in diesem Gebiet einen Migrationshintergrund haben.

Methodisches Vorgehen

Der Entstehungsprozess von WIN hat im Sommer 2009 mit Einzelgesprächen vor Ort begonnen, um das Interesse zu sondieren und Beziehungen zueinander aufzubauen. Bis zur Gründung wurden etwa 250 solcher Beziehungsgespräche geführt und die interessierten Gruppen haben sich in regelmäßigen Treffen nach und nach kennen- und vertrauen gelernt. Nach einem Jahr hatte sich ein Kreis von 18 Gruppen gebildet, der sich bis zur Gründung auf fast 30 erweiterte. Dazu wurden Trainings und Seminare für alle Interessierten zur Vermittlung der Grundlagen des Community Organizing und der Methoden der Selbstorganisation durchgeführt. Gleichzeitig wurden weitere Unterstützer gewonnen, die die Arbeit finanziell abgesichert haben.

Organisation

In der Bürgerplattform WIN haben sich ca. 30 unterschiedliche Gruppen aus Nord- und Süd-Neukölln zusammengeschlossen, um gemeinsam ihren Stadtteil mitzugestalten. Dazu gehören z. B. Kitas, Kirchengemeinden und Moscheevereine, freie Gruppen, ein Schulförderverein, eine Vätergruppe und andere. Am 25. Januar 2012 kamen dann über 1.150 Teilnehmer/innen zusammen, um die offizielle Gründung der Bürgerplattform »WIN – Wir in Neukölln« zu feiern. (1)

Mit der Gründungsveranstaltung wurde die Plattform der Öffentlichkeit vorgestellt und der Themenfindungsprozess eingeleitet. Als die beiden ersten Themen wurden »Bildung« und »Öffentlicher Raum« gewählt. Zu beiden Themen bildeten sich sogenannte Aktionsteams, die Schwachpunkte und Problemfelder im Stadtteil recherchierten, erste Gespräche mit Verantwortlichen führten und Lösungsvorschläge erarbeiteten.

Aktionen und Erfolge

Noch während ihres Aufbaus beteiligte sich WIN an der ersten gemeinsamen Veranstaltung aller drei Berliner Bürgerplattformen anlässlich der Berliner Wahlen. Die vier Spitzenkandidaten waren eingeladen. Die Plattformneulinge aus Neukölln konnten dabei Erfahrungen sammeln und von den beiden anderen Bürgerplattformen lernen. Sie sind dadurch auch deren Mitgliedern nähergekommen und haben Kontakte in die anderen beiden Stadtteile geknüpft.

Die Arbeit an den Veranstaltungen hat allen Beteiligten die Demokratie erlebbarer gemacht und die intensive Beschäftigung mit dem Thema Wahlen und der Kontakt zu politischen Entscheidungsträgern haben vor allem auch den nichtdeutschen Mitgliedern gezeigt, dass es sehr wohl eine Möglichkeit gibt, sich an Entscheidungen zu beteiligen, auch wenn sie vielleicht keinen deutschen Pass besitzen und deshalb nicht wahlberechtigt sind.

Die Bürgerplattform WIN arbeitet mit einer professionellen Organizerin. Sie wird über Beiträge der Mitgliedsgruppen und Spenden aus der Wirtschaft und von Stiftungen finanziert, es werden jedoch keine Staatsgelder angenommen, um politisch unabhängig zu bleiben. Die Plattform ist finanziell, religiös und parteipolitisch ungebunden und offen für alle Gruppen, die sich engagieren wollen.
Die Gruppenmitglieder der Plattform bringen ihre Zeit, ihre Energie, ihr Engagement und dazu noch ihr Geld in die Plattformarbeit ein, was für viele nicht einfach ist, denn sie arbeiten meist selbst voll, sie haben eine Familie oder sind Schüler, Studenten oder Rentner und kommen aus einem nicht gerade reichen Stadtteil. Doch sie sind bereit, sich persönlich für die Verbesserung ihres Lebensumfeldes einzusetzen und ihren Stadtteil selbst mitzugestalten.

Nach einer mehrmonatigen Recherchezeit haben sich jetzt für die beiden Arbeitsthemen konkrete Vorhaben herauskristallisiert. So sollen beim Thema »Öffentlicher Raum« Verbesserungsvorschläge für die Verkehrssituation und Infrastruktur erarbeitet werden, wobei es um fehlende Radwege und um die Verbesserung der Linienführung bestimmter Buslinien geht. Beim Thema Bildung konzentriert sich das Aktionsteam auf fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze für junge Menschen. Zusätzlich arbeitet ein weiteres Aktionsteam gemeinsam mit dem Team der Schwesterplattform »SO mit uns in Berlin Süd-Ost« an der Verbesserung der Ärzteverteilung in ihren beiden Stadtteilen.

»WIN – Wir in Neukölln« möchte positive Veränderungen bei den gewählten Arbeitsthemen bewirken und die Lebensqualität im Stadtteil verbessern. Dazu sollen neue Partnerschaften zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft geschmiedet werden. Verbindliche Zusagen der Entscheidungsträger sollen in direkten Verhandlungen mit Politik und Verwaltung vereinbart werden.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Besonders wichtig für die aktive Arbeit der Plattform ist die Stärkung der Potenziale und Handlungskompetenzen der Mitglieder durch Aufbau von Schlüsselpersonen innerhalb der Organisation.

Es bleibt zudem eine ständige Aufgabe aller Beteiligten, neue Mitglieder zu gewinnen. Mit der Anzahl seiner Mitgliedsgruppen gewinnt die Plattform an Stärke und Durchsetzungskraft. Sie gewinnt an Potenzial und Kompetenzen, die von den einzelnen Akteuren eingebracht werden. Zugleich wird es auch immer nötig sein, neue Förderer der Plattform zu finden und einzubinden.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Deutsches Institut für Community Organizing
E-Mail: info(at)dico-berlin.org