Aktive Nachbarschaft gestalten

In Baesweiler/Setterich haben sich Bewohner/innen in einem benachteiligten Stadtquartier eigene Strukturen geschaffen, um proaktiv ihre Interessen formulieren und einbringen zu können. Es gelang, die Themen, die ihnen unter den Nägeln brannten, auch selber auf die Tagesordnung zu setzen. Der CO-Prozess konnte durch die Kooperation der örtlichen evangelischen Gemeinde mit dem Stadtteilmanagement initiiert, mit weiteren Partnern ausgeweitet und »organisiert« werden.

Aktive Nachbarschaft in Baesweiler/Setterich

Aktive Nachbarschaft: Aktive bei der ersten Zuhöraktion in Baesweiler

Im Rahmen ihrer Tätigkeit beim DRK Städteregion Aachen e. V. führte die Stadtteilmanagerin Ute Fischer ab Februar 2010 Aktivierende Gespräche mit potenziellen Multiplikator/innen im Stadtteil durch. In Baesweiler/Setterich leben viele Menschen mit Migrationshintergrund und Empfänger/innen staatlicher Transferleistungen. Im Austausch mit einem engagierten und am Gemeinwesen orientierten evangelischen Pfarrer entstand die Idee, dass die Evangelische Gemeinde einen CO-Prozess mit dem Community Organizer Paul Cromwell initiieren könnte. Menschen aus dem Programmgebiet sollten aktiviert werden, sich für ihre Interessen selbst einzusetzen und nicht nur auf vorgeschlagene Projekte und Maßnahmen zu reagieren. Die Finanzierung der Workshops gelang über den Verfügungsfond Soziale Stadt. Im Jahr 2011 wurden weitere Kooperationspartner gewonnen, welche die Gruppe unterstützen: Evangelische Gemeinde Setterich-Siersdorf, St. Marien Baesweiler-Setterich, Nachbarschaftstreff KAB (Katholische Arbeitnehmer Bewegung), Marokkanischer Verein Setterich und Umgebung e. V. und der Integrationsrat Baesweiler. Ein Aktionskern von etwa 15 regelmäßig aktiven Mitwirkenden plus 10 weiteren, die themenorientiert mitmachen, bildete sich aus. Im Rahmen aktivierender Gespräche der Aktiven wurden zahlreiche gemeinsame Interessen ermittelt. Aus diesen wurden in Bewohnerversammlungen Schwerpunkte gesetzt und dann entsprechende Aktionen durchgeführt. Der Aktionskern setzt sich aus Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen und wurde für sein Engagement mit einem Preis der Städteregion Aachen »Miteinander« ausgezeichnet. Im Januar 2013 wurden die  Wohnumfeldverbesserungsmaßnahmen vorgestellt, bei der sämtliche Überlegungen der Bewohner/innen zur Gestaltung und Nutzung der öffentlichen Flächen einbezogen wurden.

Die Organisation

Bisher sind die Akteure der Aktiven Nachbarschaft ein loser Zusammenschluss von Menschen, die sich für ihren Stadtteil einsetzen. Die unterstützenden Einrichtungen engagieren sich für die Gruppe durch persönliches Engagement oder bei Antragstellungen. Die Aktive Nachbarschaft wird von den Stadtteilmanagerinnen des Stadtteilbüros DRK/Soziale Stadt Setterich Nord, Feride Demirci und Ute Fischer unterstützt, die sich mit dem Organizer Paul Cromwell austauschen und beraten.

Eine engagierte Bewohnerin trägt vor bei einer Bewohnerversammlung.

Die Stadtteilmanagerinnen begleiten die Aktive Nachbarschaft im Rahmen ihres Auftrages der Bürgerbeteiligung und dem Aufbau nachhaltiger Strukturen. Es engagieren sich Einwohner/innen unterschiedlicher Herkunft (kulturell und religiös) und Milieus aus dem Stadtteil Setterich und einige auch aus anderen Stadtteilen Baesweilers. Die Stadtteilmanagerinnen unterstützen den Prozess, indem sie die »Leader« (Schlüsselpersonen) im Rahmen ihrer Tätigkeit aktivieren, unterstützen und begleiten. Für die Zukunft muss sichergestellt werden, dass jemand mit dem entsprechenden Know-how die Gruppe weiter begleiten kann. Die Aktiven bilden derzeit ein Lenkungsgremium und tragen sich mit dem Gedanken, einen Verein zu gründen.

Finanzierung

Die Workshops mit Community Organizer Paul Cromwell wurden über den Verfügungsfond Soziale Stadt finanziert. Die Räume für Versammlungen und Treffen werden von den Kooperationspartnern oder durch das Projekt Soziale Stadt (Bürgerbegegnungsstätte Haus Setterich) zur Verfügung gestellt. Die Stadtteilmanagerinnen werden derzeit über das Projekt Soziale Stadt finanziert und begleiten die Gruppe Aktive Nachbarschaft. Spätestens mit Ende des Projektes wird sich die Finanzierungsfrage für die weitere Begleitung der Gruppe stellen. Bis dahin gilt es, die eigenständige Strukturbildung und Weiterbildung der »Lenkenden« zu unterstützen.

Ziele

Entwicklungsziel/langfristiges Ziel
  • Aufbau nachhaltiger Bewohnerstrukturen, die auch nach Projektende Soziale Stadt weiter bestehen und sich weiter für die Belange des Stadtteils einsetzen
Projektziel
  • Aufbau von Interessengruppen von Bewohner/innen im Stadtteil Setterich Nord und deren Vernetzung
  • Aufbau eines Unterstützerkreises Aktive Nachbarschaft
  • Verantwortung/Aufgaben werden durch die Aktiven übernommen
  • Empowerment der Akteure und Förderung eines konstruktiven Miteinanders im Rahmen demokratischer Aushandlungsprozesse
  • Sicherstellung personeller Kapazitäten (ca. 20 Stunden) für die Zeit nach Projektende für Organizer
Maßnahmen/Leistungen
  • Erfolgreiche Aktionen und Maßnahmen rund um die priorisierten Themen: Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen; Verbesserung des Wohnumfeldes
  • Moderation einer konstruktiven Zusammenarbeit der Akteure
  • Sicherstellen, dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Milieus einbringen
  • Ausweitung der Gruppe durch Eins-zu-eins-Gespräche und Strategieentwicklung

Methodisches Vorgehen

Insbesondere die Anwendung des Zuhörprozesses und der Eins-zu-eins-Gespräche wurde vom Community Organizing übernommen. Es wurde darauf geachtet, immer wieder für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Aufbau von Beziehungen und der Aktivierung rund um die subjektiven Eigeninteressen der Gesprächspartner/innen zu sorgen.

Aktionen und Beispiele

Ein Aktiver erläutert die Pläne der Bewohner/innen.

Thema Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen
Eines der wichtigsten Ziele der Bewohner/innen war die Verbesserung der Bildungssituation. Ziel war es, ergänzende Lernmittel kostengünstig zur Verfügung stellen zu können, da viele der Bewohner/innen von staatlichen Transferleistungen leben.
Gemeinsam mit der örtlichen Katholischen Öffentlichen Bücherei erstellten die Aktiven eine Wunschliste an Büchern und Lernheften. Danach wurden Sponsoren zur Finanzierung dieser Anschaffungen gesucht und gefunden (Lions-Club; St. Marien Baesweiler-Setterich) und ein extra Regal mit ergänzenden Lernmitteln in der Bücherei aufgestellt. Im Mai 2012 wurde über diesen Erfolg in der örtlichen Presse und in den Schulen berichtet. Seit Juni 2012 stehen den Settericher Schüler/innen ab der 4. Klasse Lernmittel kostenlos zur Verfügung.
Es gelang, eine Gruppe von Jugendlichen so zu interessieren, dass sich ihr Sprecher auf einer Bewohnerversammlung zu Wort meldete und die Wünsche der Gruppe zur Wohnumfeldverbesserung vorbrachte (Fußballplätze, Spielplätze). Zudem gelang es, Vertreter der Jugendgruppe in die Treffen der Gruppe Aktive Nachbarschaft zu integrieren.

Verbesserung des Wohnumfeldes

  • Über den Zuhörprozess gelang es, persönliche Kontakte zu Bewohner/innen aufzubauen, die in besonders benachteiligten Straßenzügen leben. Die meisten dieser Einwohner/innen haben einen Migrationshintergrund, einige haben eine sehr geringe Schulbildung. Es gelang, in den Gesprächen herauszufinden, wo ihre Probleme liegen und welcher Änderungsbedarf besteht. Bei einer Bewohnerversammlung brachten die Sprecher/innen aus den jeweils aktivierten Straßenzügen Probleme und Lösungsvorschläge aus ihrem Wohnbereich ein. Vertreter der Stadt und Wohnungsbaugesellschaft, die zu der Bewohnerversammlung eingeladen worden waren, erklärten sich bereit, die Vorschläge der Bewohner/innen bei ihren Planungen zu berücksichtigen. Die Gruppe Aktive Nachbarschaft veranstaltete zwei »Reinigungsaktionen« des Stadtteils. Bis zu 300 Kinder und Erwachsene beteiligten sich jeweils beim Müllsammeln und die örtliche Presse berichtete darüber. Diese gemeinsamen Aktionen trugen dazu bei, dass der Kontakt unter den Beteiligten sich weiter verbesserte und sie weckte bei bisher unbeteiligten Neugierigen Interesse an der Aktiven Nachbarschaft.

Aktivierungsaktion beim Stadtteilfest

  • Im Rahmen des jährlich stattfindenden Stadtteilfestes beteiligte sich die Gruppe Aktive Nachbarschaft mit eigenen Aktionen: Mit einer Rose (2012) und mit Luftballons (2013) wurde den Besuchenden ein Flyer der Aktiven Nachbarschaft überreicht. Dabei kamen die Aktiven mit vielen Personen ins Gespräch und konnten damit auf die Gruppe, ihre Ziele und Aktivitäten aufmerksam machen. Außerdem präsentierte sich die Gruppe im Rahmen des Bühnenprogramms vor ca. 1500 Besucher/innen.

Überregionale Zusammenarbeit

  • Durch die Zusammenarbeit mit Paul Cromwell sind Kontakte zu anderen Organisationen im FOCO Netzwerk entstanden, die durch ein Treffen verschiedener Projekte aus Deutschland vertieft wurde. Fünf der bürgerschaftlich Engagierten und zwei Hauptamtliche nahmen an der FOCO Jahrestagung in Berlin (2012) teil, wo sie in Kleingruppen Erfahrungen austauschen konnten. Darüber hinaus besuchten sie Engagierte aus der Stadtteilvertretung in Düren-Nord, eine Bürgerorganisation, die ebenfalls in einem Programmgebiet der Sozialen Stadt aufgebaut worden war. Dort war schon 2011 eine Aktion zum Thema »Sauberes Norddüren« durchgeführt worden. So konnten die Settericher Erfahrungen mit dort engagierten Bewohner/innen austauschen. In Saarbrücken Malstatt lernten sie 2013 das dortige Projekt kennen und mehr über Fundraising im eigenen Umfeld (»grassroot fundraising«, Joan Flanagan)

Erfolge

Bei einer Versammlung der Bewohnerinnen und Bewohner in Baesweiler

Über die aktivierenden Gespräche konnte zunächst eine Kerngruppe von interessierten und aktiven Bewohner/innen gebildet und später ausgeweitet werden. Diese Gruppe Aktive Nachbarschaft hat viel positive Resonanz in der Öffentlichkeit erhalten. Ganz praktisch konnte die Lebenssituation von benachteiligten Kindern in Setterich verbessert werden, indem jetzt kostenlose Lernmittel für Kinder und Jugendliche in der örtlichen Stadtteilbücherei zur Verfügung stehen und die Wünsche und Vorstellungen von Jugendlichen in die Wohnumfeldplanungen einbezogen wurden.
Insgesamt wurde erreicht, dass sich Einwohner/innen aus einem benachteiligten Stadtteil, viele mit Migrationshintergrund und Menschen, die z. T. keine Schulbildung haben, an Bewohnerversammlungen (mit 80 bis 100 Personen!) beteiligten. Es gelang, diese Menschen, die sonst schwer zu erreichen sind, zu aktiv Beteiligten zu machen. Sie brachten ihre Anliegen auf Augenhöhe bei städtischen Verantwortlichen, Planern und der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft vor, die diese bei ihren Planungen für Wohnumfeldverbesserungen berücksichtigten.
Über die Aktivitäten der Aktiven Nachbarschaft sind Kontakte zwischen Menschen deutscher Herkunft und mit Migrationshintergrund entstanden, die es vorher so kaum gab. Hier konnte gezeigt werden, dass Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Milieus und Religionszugehörigkeit gelingen kann. Die Aktiven haben »Empowerment« erfahren und erlebt, wie sie durch gemeinschaftliches Handeln in direkter Demokratie mitwirken und mitgestalten können.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Die Planungen und Maßnahmen im Stadtteil orientierten sich an den Bedürfnissen und Wünschen der Betroffenen. So entstand ein für beide Seiten fruchtbarer »direkter Draht«.

Potenziale

Bisher stand den Stadtteilmanagerinnen für die Unterstützung der Gruppe nur wenig Zeit zur Verfügung (im Rahmen einer von 20 vordefinierten Projektmaßnahmen). Dadurch, dass die Stadtteilmanagerinnen viele Einzelmaßnahmen durchzuführen hatten, konnten die darüber entstandenen Kontakte auch zur Unterstützung der Gruppe Aktive Nachbarschaft genutzt werden (Beispiel Frauenfrühstück; künstlerische Beteiligungsmaßnahmen etc.). Aus der Gruppe Aktive Nachbarschaft beteiligten sich wiederum Engagierte in den Einzelprojekten in der im September 2012 eröffneten Bürgerbegegnungsstätte »Haus Setterich«. So konnten zwischen den verschiedenen Bereichen Synergieeffekte erzielt werden.

Zu Beginn beteiligten sich viele Menschen, die sich allgemein für den Prozess interessierten oder an einer Zusammenarbeit mit den konkret Beteiligten interessiert waren. Sie wünschten sich Verbesserungen für den Stadtteil, kamen aber nicht zwingend selbst aus dem Gebiet. Durch die aktivierenden Gespräche in einem besonders benachteiligten Gebiet wurden dortige Bewohner/innen hinzugewonnen, deren Interesse noch konkreter spürbar bezogen auf die o. g. Themen war.
Für die Zukunft wird es wichtig sein, beide Gruppen (These: mehr beziehungsorientiert, mehr interessenbezogen) beisammenzuhalten und damit deren jeweilige, unterschiedliche Potenziale nutzen und entfalten zu können.

Für Bewohner/innen eines benachteiligten Stadtteils, von denen sich viele an Planungsprozessen zum ersten Mal beteiligen, sind Entscheidungsprozesse von Politik und Verwaltung (hier: Planung, Antragstellung bis zum Bewilligungsbescheid) oft länger, als diese erwarten und hoffen. Deshalb überlegte sich die Gruppe eine Aktion, um die gerade geknüpften Kontakte aufrechtzuhalten bzw. zu vertiefen und gleichzeitig dem Ziel der Verschönerung des Wohnumfeldes durch eigene gemeinschaftliche Aktivitäten näherzukommen. Sie führten eine Reinigungsaktion im Stadtteil durch, an der sich in 2012 ca. 200 Menschen (und 2013 bis zu 300 Menschen) beteiligten.
Schließlich konnte die Planung des Amtes für Stadtentwicklung bei einer Bewohnerversammlung im Januar 2013 vorgestellt werden. Es wurde deutlich, dass viele Vorschläge der Bewohner/innen im öffentlichen Bereich noch im Jahr 2013, manche im Jahr 2014 umgesetzt werden. Auch die Wohnungsbaugesellschaft nahm die Vorschläge aus der Versammlung auf. Diese gilt es noch detaillierter abzusprechen.

Ermutigt durch die eigenen Erfolge, gibt es in letzter Zeit häufigere Lenkungstreffen der Gruppe Aktive Nachbarschaft und immer mehr eigene Initiativen – unabhängig von der Beratung.
Viele Menschen unterschiedlicher Herkunft engagieren sich trotz sprachlicher Barrieren. Die Gruppenatmosphäre ist sehr positiv und angenehm. Persönliche Beziehungen wachsen zwischen den Beteiligten. Sie erleben, dass sie Einfluss im Sinne von Mitwirkung und Mitgestaltung haben (können).

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Ute Fischer, Stadtteilbüro DRK
Haus Setterich
Emil-Mayrisch-Straße 20
52499 Baesweiler
Tel. (0 24 01) 6 03 72 38
fischer.ute(at)gmx.de

www.sosta-setterich-drk.de
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