Organisatorischer Rahmen

Organisatorischer Rahmen

Charrette ist ein für den Planungsalltag außergewöhnliche Herangehensweise. Es bedarf der Bereitschaft, sich auf einen solchen Prozess einzulassen, der von den gewohnten Abläufen abweicht. Es bedarf des konzertierten Zusammenwirkens von verschiedenen Abteilungen der Verwaltung und der unkonventionellen Handhabung von Abläufen, da stets mit Unerwartbarem gerechnet werden muss. Charrette ist eine Anstrengung auf Zeit, die aber auch das weitere Handeln aller Beteiligten verändert. Alle lernen sich aus den gewohnten Bahnen zu bewegen; das kann auch als Störung oder gar Zumutung empfunden werden. Eine offene Kommunikation darüber ist auch nicht a priori selbstverständlich.

Es bedarf in der Regel ein bis ein halbes Jahr Vorbereitung, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen und die finanziellen Grundlagen herzustellen. Wesentlich ist die Raumfrage – eine Charrette muss am Ort des Planungsobjektes stattfinden und es muss für eine Atmosphäre gesorgt werden, die animiert, die einlädt und die die Kommunikation befördert. Das muss nicht teuer sein, ist aber unumgänglich.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Entscheidend ist aber die Bereitschaft zur kooperativen Arbeit und zu unkonventioneller, nichthierarchischer Kommunikation. Da das Ziel darin besteht, EINEN gemeinsam getragenen Plan zu erstellen, zwingt dies alle Beteiligten zur Zusammenarbeit.

Anwendungsfelder

Charrette ist keine »Allzweckwaffe«, sie ersetzt kein gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren. Vielmehr gibt die Charrette den Rahmen für den weiteren Planungsprozess vor. Wäre der Planung von Stuttgart 21 eine Charrette vorgeschaltet worden, hätte es mit großer Wahrscheinlichkeit eine andere Kultur des Planens und letztlich auch eine bessere Lösung gegeben.

Charrette sollte an neuralgischen Orten und in schwierigen Situationen stattfinden, um strategische Weichenstellungen vorzubereiten und grundsätzliche Lösungswege zu finden. Charrettes können kein »Dauerzustand« darstellen. Aber die Kultur der offenen Beteiligung kann »abfärben«.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Charrette sollte immer bei größeren Projekten oder Umbauvorhaben eingesetzt werden, bei denen eine breite Öffentlichkeit betroffen ist oder die von großem öffentlichen Interesse sind.

Anders als in vielen europäischen und nordamerikanischen Ländern, beginnen Charrette-Verfahren oder deren Varianten erst allmählich in Deutschland Fuß zu fassen. Erste Erfahrungen wurden bereits in den 1990er Jahren am Bauhaus Dessau gemacht. Seitdem finden in Deutschland jährlich etwa zwei bis drei Charrettes statt – Tendenz steigend.

Stärken und Grenzen

Charrette mobilisiert die »kommunale Intelligenz«, sie legt die kreativen Kräfte der Öffentlichkeit frei und generiert das Wissen vieler Menschen für die Lösung eines Planungsproblems. Damit ist sie ein starkes Instrument zur kommunalen Kultur des wechselseitigen Lernens und bewussten Gestaltens der Lebensumwelt.

Sie hat ihre Schwäche in dem Konsensansatz. Die kreative Störung durch einen »genialen« Entwurf kann sie nur bedingt leisten. Derartige Impulse sollten nicht ersetzt werden. Sie sollten bewusst als weiteres Element (z. B. über Wettbewerbe, Kreativverfahren) mit der Charrette in Verbindung gebracht werden.

Die Schwäche der Methode ist zugleich ihre Stärke: Sie bedarf eines hohen Engagements aller Beteiligten und ist risikobehaftet. Charrette ist ergebnisoffen. Ihr Vorteil: Charretteergebnisse stellen ein von der breiten Öffentlichkeit getragenes Resultat dar, das nicht teurer ist als Wettbewerbe. Es hängt aber stark von einer erfahrenen Moderation ab.

»Ich habe nicht gedacht, dass Planen soviel Spaß macht!« – lautete das Fazit einer Bürgerin, die an der Charrette in Sundern (NRW) teilgenommen hatte: Auf welcher Bürgerversammlung hört man schon ein solches Kompliment?
Westfalenpost, 21. 8. 2007

Charrette verringert auf diese Weise ganz erheblich die sog. »Transaktionsaufwendungen«, die sich aus einem Nacheinander von Verwaltungs- und Beteiligungsschritten ergeben. Die Planungszeit verkürzt sich, die Bewohner oder Investoren oder Fördermittelgeber sehen umsetzbare Ergebnisse, und die Stadträte haben abgestimmte Planungen (an denen sie zuvor auch selbst mitgewirkt haben) als Beschlussgrundlagen. Die Umsetzung kann eher eingeleitet werden.

Dennoch wird durch die im Verfahren »eingebaute« stete Rückkopplung aller Planungsschritte eine größtmögliche Abwägung und Erörterung von Lösungsmöglichkeiten gewährleistet. Und ganz »nebenbei« wird auf diese Weise Baukultur praktiziert: Sie wächst im gemeinsamen Tun und allmählichen Verstehen der Ansichten von Raumexpert/innen, Verwaltungsmitarbeiter/innen und Bürger/innen sowie Investor/innen. Das klingt romantisch oder idealtypisch – ist aber tatsächlich im Verlauf der Charrettes zu beobachten.