Digitalisierung als Chance

Digitalisierung als Chance

Die Relevanz des digitalen Wandels für zivilgesellschaftliche Akteur/innen zeigt sich nicht nur in der Möglichkeit, sich leichter zu vernetzen und die eigene Arbeit einem größeren Publikum bekannt und zugänglich zu machen. Sie zeigt sich auch in der Chance, online neue Möglichkeiten des Engagements zu schaffen, die auch jenen Menschen eine Beteiligung erlauben, deren Lebenssituation (z.B. aufgrund des Alters) bisher ein analoges Engagement verhindert oder die sich mit dem herkömmlichen Ehrenamt nicht identifizieren können.

Effektivere Gestaltung vorhandener Strukturen

Durch den digitalen Wandel können bereits bestehende Engagementformate effektiver gestaltet werden. Dies kann sich besonders für Vereine in ländlichen Regionen als Chance erweisen, die durch die geringe Bevölkerungsdichte oftmals größere Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Mitglieder haben als Vereine in städtischen Räumen. Fast jeder vierte Verein in Dörfern und Gemeinden verzeichnet Rückgänge bei den Engagiertenzahlen und zahlreiche Vereine haben sich bereits aufgelöst. Problematisch ist vor allem der demografische Wandel, der die Aufrechterhaltung eines aktiven Vereinswesens durch eine schrumpfende Bevölkerung, Abwanderung vom Land in die Städte sowie die Alterung ländlicher Bevölkerungen erschwert. Hingegen ist in Städten nur etwa jeder zehnte Verein von sinkenden Mitgliederzahlen betroffen, während jeder vierte städtische Verein die Engagiertenzahlen sogar steigern konnte. Auch Vereinsgründungen finden überwiegend in den dichter besiedelten urbanen Räumen Deutschlands statt.

Vor diesem Hintergrund kann die Nutzung digitaler Technologien dazu beitragen, die Probleme zu überwinden, mit denen insbesondere Vereine in ländlichen Räumen in ihrer täglichen Praxis konfrontiert sind. Sie bieten die Möglichkeit, Engagement effektiver zu vernetzen, den Informationsfluss zu steigern und die interne Arbeit zu erleichtern. Wer sich engagieren möchte, kann durch soziale Medien leichter erreicht werden und viele gemeinnützige Organisationen generieren ihre Ressourcen inzwischen online. Als Ergänzung zum Ehrenamt vor Ort können Vereine Engagement so nicht nur attraktiver gestalten, sondern auch ihr Einzugsgebiet vergrößern.

Symbol: »Beispiel« (Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger)

In der Praxis zeigt zum Beispiel der Ginsheim-Gustavsburger Tafel e.V., wie die Nutzung digitaler Möglichkeiten die Arbeit erleichtern kann. Die Tafel vermittelt bei Möbelspenden online direkt zwischen Spendern und Bedürftigen und spart dadurch nicht nur Zeit, sondern durch gesunkene Fahrt- und Lagerraumkosten auch Geld.
www.tafel-gigu.de/

Ackerdemia e.V. hat das Ziel der nachhaltigen Bildung und mehr Wertschätzung für Natur und Lebensmittel. Im Rahmen des Bildungsprogramms »GemüseAckerdemie« werden in Schulen und Kitas gemeinsam mit den Kindern Acker angelegt und bepflanzt. Zusätzlich zu dem Engagement vor Ort erhalten die Teilnehmer/innen digital individualisierte, standortbezogene und bedarfsgerechte Informationen.
www.gemueseackerdemie.de/

Das Projekt »Geschäftsstellenlösungen 2018« des LandesSportBunds Niedersachsen e.V. möchte kleinen und mittleren Landesfachverbänden dabei helfen, Verwaltungsarbeit effizienter zu gestalten und dadurch Ehrenamtliche zu entlasten. Das Projekt hilft zum Beispiel dabei, das anfallende Aufgaben über Cloudlösungen erledigt werden können, was vor allem das Engagement auf der Vorstandsebene erleichtert und flexibler macht.
www.lsb-niedersachsen.de/lsb-themen/lsb-organisationsentwicklung/lsb-vereins-verbandsentwicklung/lsb-oe-entwicklung-landesfachv/kickoff-projekt-geschaeftsstellenloesungen-2018/?L=0

Neue Formen des Engagements

Digitalisierung bietet auch eine Möglichkeit zur Schaffung gänzlich neuer Engagementformate. Die Motive, aus denen sich Menschen heutzutage engagieren, sind individuell und vielfältig; eine hohe Mobilität, knappe Zeitbudgets und flexible Lebensmodelle ändern die Erwartungshaltung an das Engagement. Viele junge Menschen, die ihre digitalen Kompetenzen im studentischen und beruflichen Alltag ständig erweitern, sind bereit sich zu engagieren. Sie finden jedoch keinen Zugang zu klassischen Ehrenamtsformen, die nicht auf die Bedürfnisse der digital affinen Zielgruppe zugeschnitten sind. Davon ausgehend ermöglicht der digitale Wandel die Entstehung neuer zivilgesellschaftlicher Organisationen, die durch die Verwendung digitaler Tools ein flexibles Online-Engagement realisieren, welches den veränderten Bedürfnissen der Engagierten entspricht. Vor allem in der Altersgruppe der ab 20-Jährigen, die ihr Engagement häufig mit Beruf und Familie vereinbaren müssen, übersteigt die Zahl der Online-Engagierten die Zahl der Engagierten vor Ort. Das onlinebasierte Engagement ist längst kein Nischenphänomen mehr, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil des modernen freiwilligen Engagements.

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Ein Beispiel, wie sich Menschen durch Digitalisierung orts- und zeitungebunden engagieren können, ist die Website »mundraub«, auf der Mitglieder die Standorte von (der Öffentlichkeit zugänglichen) Obstbäumen und -sträuchern kartieren, sich vernetzen und an Aktionen teilnehmen können.
www.mundraub.org/

Die Online-Plattform »CyberMentor« ist ein Online-Mentoring-Programm, um Mädchen die Arbeit im MINT-Bereich näherzubringen. Die Plattform vernetzt Schülerinnen der 5. – 12. Klasse mit Mentorinnen, die per Mail, Chat und in Foren Informationen zu Studium und Berufen mit den Schülerinnen teilen und sie bei einem Einstieg in den MINT-Bereich unterstützen.
www.cybermentor.de/index.php

Big Data

Mit der Frage nach den Chancen der Digitalisierung verknüpft ist das Schlagwort Big Data. Unter dem Begriff versteht man die großen Datenmengen, die das Internet und der Mobilfunk, der Finanz- und Energiesektor sowie Verkehrsbewegungen, die Gesundheitswirtschaft und vieles mehr täglich produzieren. Obwohl das massenweise Erheben und Verarbeiten von Daten durch wenig kontrollierte privatwirtschaftliche Akteure oftmals kritisch gesehen wird, entstehen durch eine kluge Nutzung der generierten Daten durchaus neue Handlungschancen, die dem Wohle vieler dienen können. Einmal verarbeitet und im System können die Daten durch ihre schnelle und zuverlässige Abrufbarkeit eine gute Hilfestellung bei Problemlösungen geben; beispielsweise mit Blick auf die vielen Gesetze, Verordnungen und Regelungen, die in der Sozialarbeit gekannt werden müssen. Je mehr sich gemeinnützige Organisationen mit dem gezielten Sammeln und Aufbereiten von Daten auseinandersetzen, desto besser können sie selbst und mit ihnen die Zivilgesellschaft von diesen Daten profitieren.

Symbol: »Beispiel« (Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger)

Wie ein solches Sammeln und Aufbereiten von Daten in der Praxis aussehen kann, zeigt das ehrenamtliche Projekt »Offener Haushalt« der Open Knowledge Foundation Deutschland, das eine Antwort auf die Frage geben möchte, wie viel Geld der Staat für welche Leistungen ausgibt. Zu diesem Zweck werden Haushaltsdaten auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene grafisch erschlossen und in offenen Dateiformaten zugänglich gemacht. Indem die Informationen ausgewertet und mit anderen Daten vergleichbar gemacht werden, können Bürger/innen die Finanzen ihrer Gemeinenden leichter einsehen und verstehen. Ziel des Projekts sind mehr politische Beteiligung, ein höheres Politikverständnis und ein verbesserter politischer Dialog.
www.offenerhaushalt.de/

Auf der Website »klimafakten.de« werden Fragen zum Klimawandel und zum Klimaschutz beantwortet. Für eine konstruktive Debatte werden Ergebnisse aus der Klimaforschung verständlich aufbereitet und erläutert. Zusätzlich werden auf der Website gelungene Praxisbeispiele, nützliche Handreichungen und relevante Akteur/innen zum Thema vorgestellt.
www.klimafakten.de/

Die Informations- und Beteiligungsplattform »democracy« macht das Gesetzgebungsverfahren im Bundestag transparent. Nutzer/innen können beispielsweise vergangene, aktuelle und zukünftige Abstimmungen in Echtzeit verfolgen, sich über Gesetzesvorlagen und Anträge informieren und mit anderen Nutzer/innen diskutieren.
www.democracy-deutschland.de/