Wertschätzung

»Sie sind mir nicht egal, sie sind mein Nachbar«, eine solche Einstellung ist handlungsleitend für Herrn Y., der schon viele Jahre im Bereich der Sozialen Arbeit tätig ist. Auch wenn er in einem Amt tätig ist, betrachtet er die Familien, die zu ihm kommen, dennoch nicht als »Fälle« oder als »Akten«, sondern sieht jeweils den individuellen Menschen. Gleichgültigkeit und Routine in der persönlichen Beziehung zwischen ihm und den Familien würden eine ehrliche Wertschätzung verhindern. Wertschätzung geht für ihn mit Gleichwertigkeit Hand in Hand: »Wir sind mit den Eltern auf der gleichen Augenhöhe, wir gucken nicht von oben nach unten.«

Ein weiteres Prinzip dieses erfahrenen, professionellen Akteurs ist das Prinzip des Optimismus, der Zuversicht und der Hoffnung als Grundhaltung für seine alltägliche Arbeit. Damit verbunden setzt er auf kleine realisierbare Schritte, die selbstinitiiert zu machen sind. Ganz im Sinn einer wertschätzenden Ressourcenorientierung geht er davon aus, dass es bei jedem Menschen, der zu ihm kommt, prinzipiell immer mindestens einen positiven Punkt gibt, an dem man anknüpfen kann, weil jeder Mensch etwas will und grundsätzlich die dafür notwendigen Potenziale in sich trägt.

Wertschätzung beginnt oft mit kleinen Gesten des Aufeinanderzugehens. Hier zwei kleine Beispiele, denen wir in Neuköllner Schulen begegnet sind, wo wir an verschiedenen Elternabenden teilnehmen konnten. Bereits die Begrüßung der Eltern, die in diesen beiden Fällen einen türkischen Migrationshintergrund hatten, drückt in vielerlei Hinsicht Wertschätzung aus.

Symbol: »Beispiel« (Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger)
  • Schon vor der Schule erklärt mir ein Herr freundlich, in welchem Raum die Versammlung stattfindet. Auch im Gebäude gibt es große Tafeln mit Informationen zum Thema des heutigen Elternabends. Im Klassenraum sitzen schon einige Mütter, die mich begrüßen. Inzwischen ist der freundliche Herr von draußen, der der Hauptinitiator des Projektes ist, gekommen und begrüßt die Eltern herzlich. Die Anrede, die er benutzt, ist nicht  formal: »Hogeldin Bacım«, was wörtlich übersetzt »Willkommen Schwester« bedeutet. Er lädt dazu ein, sich im Flur mit Getränken
    zu bedienen …
  • Zu Beginn lädt Frau A., die den Elternabend moderiert, alle Eltern dazu ein, sich aktiv einzubringen. Ja, sie bittet sogar um Unterstützung: »Es werden bestimmt unter Ihnen Eltern sein, die besser als ich übersetzen können.«

Eine in vielen Projekten wiederkehrende und daher als zentral zu identifizierende Arbeitshypothese, die den Akteuren einen gelingenden und kooperativen Zugang ermöglicht, lautet: Alle Familien möchten, dass ihre Kinder erfolgreich werden. So wollen beispielsweise viele Migrantenfamilien, dass ihre Kinder das Abitur machen, wissen aber nicht, wie sie ihre Kinder dabei unterstützen können.

Die meisten der befragten Professionellen gehen davon aus, dass im Prinzip alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen und dass sie auch aktuell das aus ihrer Sicht und ihren Möglichkeiten heraus Beste machen, wobei sie zugleich Interesse haben, es künftig noch besser zu machen.

Die Botschaft, die sie den Müttern und Vätern widerspiegeln, lautet also nicht: »Bei dir läuft was schief, du hast ein Problem!« Stattdessen vermitteln sie: »Du hast ein Interesse, dass es dir, deinem Kind und deiner Familie gut geht.« Eine zentrale Ausgangshypothese bei der Gestaltung eines unterstützenden Angebotes ist demzufolge: Jede Mutter, jeder Vater möchte, dass es dem Kind gut geht! Daraus ergibt sich als handlungsleitende Fragestellung für das weitere kooperative Vorgehen: Wie können wir gemeinsam dieses Ziel befördern?

Eine solche wertschätzende und gleichzeitig ressourcenorientierte Haltung ist die Kooperationsbasis für die gemeinsame Entwicklung weiterer Schritte. Wertschätzung bedeutet für die inhaltliche Arbeit der Mitarbeiterinnen eines offenen Mutter-Kind-Treffs unter anderem, dass es keinerlei Tabus geben darf, wenn die Mütter von sich aus Themen einbringen. Zudem ist nichts zu banal, als dass sich die Mitarbeiterinnen nicht darum kümmern würden. So geben sie auch immer wieder Tipps in ganz alltäglichen Situationen. Beispielsweise haben sie handlungsorientiert und alltagspragmatisch einer stillenden Mutter, deren Kind oft schrie, weil es Hunger hatte, den Umgang mit einer Milchpumpe nahegebracht. Gerade die unkomplizierte und praktische Art, wie die Mitarbeiterinnen Probleme angehen und Dinge erklären, ist wegen der Verständigungsproblematik für viele Mütter mit Migrationshintergrund hilfreich. Und das Lösen solcher Alltagsprobleme, bei denen eine kleine Informationslücke große und intensive Belastungen für das System der Familie auslöst, kann sehr entlastend sein.

»Jeder will das Beste für sein Kind, nur manchmal weiß man nicht, wie man es erreichen kann« … Aus der Sicht einer Mutter: »Liegt das Problem etwa darin, dass die Eltern ihre Kinder nicht lieben? Natürlich nicht! Viele Eltern sind sich aber der sozialen und individuellen Entwicklung ihres Kindes nicht bewusst. Zum einem haben viele Familien private Probleme, zum anderen kommen oft ökonomische Probleme dazu, aber auch Probleme kultureller Unterschiede und Schwierigkeiten in einem fremden Land. Viele Familien leben ja selber nicht zufrieden, wie sollen sie es dann an ihre Kinder weitergeben? Sie sind an vielen Stellen einfach überfordert.«

»Als mein erstes Kind kam, habe ich außer einem natürlichen Mutterinstinkt nichts über die Aufgaben einer Mutter gewusst. Worauf ist bei der Erziehung der Kinder zu achten? Was ist förderlich? Die Beziehung zwischen Eltern und Lehrern bzw. Erziehern muss stark sein, eine Zusammenarbeit ist erforderlich. Hemmschwellen, Hindernisse müssen abgeschafft werden.«

Keine Frage: Das hat viel mit dem eigenen, persönlichen Menschenbild zu tun!