Die Auswahl der Themen: Was wollen die Familien?

Seite 2: Was wollen die Familien?

Wurde der erste Kontakt als attraktiv und hilfreich erlebt, entsteht Neugier, was wohl bei den nächsten Treffen kommen wird. Nun gilt es, die Familien nicht mit Angeboten und Vorschlägen zu überrennen. Zwar können Professionelle aufgrund ihrer Erfahrung bisweilen sehr gut erahnen, was Familien vermutlich interessieren und bewegen wird, doch kann dies in der ganz konkreten und individuellen Situation immer nur eine Vermutung sein. Wir erinnern hier an die Leitmaxime: Die Menschen sind die Expert(inn)en ihrer jeweiligen Lebenswelt. Wichtig sind die Themen der Familien, nicht die der Professionellen! Gefragt ist deshalb in erster Linie die professionelle Fertigkeit des Nicht-Wissens.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, noch einmal zu reflektieren, mit welcher konzeptionellen Zielstellung das eigene Angebot jeweils entwickelt wurde. Wer soll wobei unterstützt werden? Wer konstatiert Unterstützungsbedarf? Erlaubt das Konzept partizipative Handlungsansätze?

Familienunterstützende Angebote haben die größte Chance auf Akzeptanz, wenn sie Themen bearbeiten, die die Familien bewegen und interessieren. Das Bemühen zielt folglich in den untersuchten Projekten keineswegs darauf ab, die erreichten Menschen zu etwas zu bewegen, was die Professionellen als pädagogisch wertvoll erachten, sondern darauf, von den Eltern zu erfahren, wo sie eigentlich Unterstützung wollen! D. h. die Eltern selbst bestimmen die inhaltlichen Themen und sind auch an der Ausgestaltung der Unterstützung aktiv beteiligt.

Partizipation im Sinne von Mitgestaltung bedeutet zunächst einmal, genau zu klären, was die Eltern wollen. So wird beispielsweise am Ende einer regelmäßig stattfindenden Elternveranstaltung immer gefragt, welche Themen die Eltern aktuell beschäftigen: »Wir beteiligen die Eltern an der Auswahl der Themen. Wir fragen, worüber wollen Sie sich das nächste Mal unterhalten?« Wenn die Eltern sich mehrheitlich für ein Thema entscheiden, wird es auf der nächsten Veranstaltung angeboten. »Wir nehmen die Eltern direkt mit.«

Beteiligung durch Transparenz im Auswahlprozess und Flexibilität hinsichtlich der Angebotsinhalte, dieser partizipative Ansatz wird auch im Projekt der Stadtteilmütter praktiziert. Sie erklären zu Beginn ihrer Beratungsreihe erst einmal, welche Themen zur Auswahl stehen. Die besuchten Mütter sind so von vornherein über die Inhalte der kommenden zehn Termine informiert. Nun liegt es in ihrer Hand, zu entscheiden, welches Thema zuerst besprochen werden soll. Zwar stehen die Inhalte der Beratungstermine fest, aber die Reihenfolge und damit der Aufbau des Beratungsprozesses wird von den besuchten Müttern aktiv mitgestaltet und orientiert sich an ihren Präferenzen. In einem Treffpunkt wird die Orientierung des Angebotes an den Themen der Mütter besonders konsequent umgesetzt. Nach Aussage der Mitarbeiterinnen haben sie von Beginn an keine Angebote geplant, sondern alles gemeinsam mit den Müttern entwickelt:

»Wir haben die Mütter gefragt: Was wollt ihr denn hier gerne machen? Lasst uns Ideen sammeln und ein Programm daraus entwickeln!«

Das Angebot verändert sich immer wieder. Monatlich werden mit den Müttern neue Pläne erstellt, die bisweilen sehr unterschiedlich ausfallen. Wenn die Resonanz seitens der Mütter und Kinder positiv ist, entwickeln sich manche Ideen zu festen Angeboten und finden fortan wöchentlich statt, wie etwa ein Deutschkurs,eine Gymnastikstunde oder auch regelmäßige Kochtage.

Durch den alltagsnahen, situativ-flexiblen Arbeitsansatz in solchen offenen Treffs kristallisieren sich im Lauf des Kooperationsprozesses immer wieder Themen heraus, welche die Mütter bewegen. Daraus lassen sich Beratungs- oder Bildungsangebote konzipieren, die bei den Müttern großen Anklang finden, weil es »ihre« Themen sind. Auf diese Weise kamen in den untersuchten Projekten Freizeitangebote wie etwa ein Yoga-Kurs, ein Kosmetikkurs, Bastelangebote, kleine Ausflüge oder gemeinsame Feste zustande. Einige Mütter äußerten das Interesse, die Freizeitmöglichkeiten und Infrastruktur des Kiezes (und darüber hinausgehend auch die Ressourcen des Gesamtbezirks und anderer Bezirke) gemeinsam besser kennenzulernen. Daraufhin besuchten sie z.B. einen Abenteuerspielplatz, das Puppentheater und einen Zirkus oder erkundeten gemeinsam Einkaufsmöglichkeiten außerhalb des eigenen Kiezes. Durch diese Aktionen konnten sie viele Erfahrungen sammeln, die sie zum Teil unmittelbar in ihren eigenen Alltag integrieren und bisweilen sogar in ihrem jeweiligen Umfeld »multiplizieren« wie z.B. regelmäßig zum Kita-Elternabend zu gehen oder immer wieder einen Kindertheaterbesuch am Wochenende einzuplanen.

Großes Interesse besteht selbstverständlich an allen Themen rund um Kind und Familie: Gesundheit, Physiotherapie für die Kinder, Ernährungsberatung, Rechts- und Ämterberatung, Umgang mit häuslicher Gewalt und eine Vielzahl weiterer Aspekte, die das Familienleben beeinflussen können.

Sobald der Zugang gelingt und die Ansprache funktioniert, sind die Mütter aus Sicht der befragten Professionellen sehr vielseitig interessiert. Eine Projektkoordinatorin: »Wir müssen die Themen eigentlich nur aufgreifen und organisieren. Da brauchen wir uns gar keinen Kopf darüber machen, was bieten wir bloß an? Das kommt alles von den Frauen.«