Aktive Lotsen im Unterstützungsdschungel

In vielen Projekten verstehen sich diejenigen, die den Erstzugang erfolgreich gestaltet haben, als aktive und kompetente Lotsen zu weiteren Unterstützungsangeboten und Ressourcen im Kiez. Die Nachhaltigkeit des gelingenden Zugangs wird durch eine sozialräumliche Vernetzung mit den bestehenden Angeboten und Ressourcen im Kiez gewährleistet. Aus diesem Grund stellen die meisten Befragten das Prinzip der professionellen Vernetzung als zentral dar.

Ein Mann lächelt

»In unserem Projekt geht es um eine Lotsenfunktion. Also wenn jemand kommt und Probleme hat mit der Wohnung, mit seiner Nachbarschaft, mit dem Arbeitsamt, Jugendamt, mit der Schule, … dann lotsen wir ihn. Wir stellen fest, was braucht er, um sich besser in diese Gesellschaft zu integrieren.«

Damit die Mitarbeiterinnen als kompetente und aktive Lotsen agieren können, müssen sie mit den Kiezressourcen und -angeboten vertraut und mit den Infrastruktureinrichtungen kontinuierlich vernetzt sein. »Egal, mit welchem Thema jemand kommt, wir lotsen ihn. Wenn er z.B. kommt und sagt, ›Ich habe ein Problem mit meinem Aufenthalt‹, wo wir ihm also nicht direkt helfen können, dann lotsen wir ihn«, so umschreibt ein Praktiker den Ansatz, der sich am Modell der »Hilfen aus einer Hand« (vgl. KLATETZKI 1995) orientiert.

Die Mitarbeiterin eines anderen Projektes formuliert es folgendermaßen: »Die Frauen können mit allem zu uns kommen. Wir machen da keine Einschränkungen, aber das heißt natürlich nicht, dass wir gleich alles lösen können.«

Vernetzung bedeutet für die untersuchten Projekte einerseits, über bestehende Ressourcen Bescheid zu wissen und entsprechende persönliche Kontakte zu haben. Andererseits ist sie eine wichtige Form der qualitativen Öffentlichkeitsarbeit für das eigene Projekt, um selbst einen wachsenden Bekanntheitsgrad zu erlangen.

Die Vernetzungsarbeit und der persönliche Besuch von Angeboten im Kiez macht es zudem möglich, hilfreiche Informationen an Migrantenfamilien weiterzugeben und sie mit eigenen Erfahrungen aus erster Hand qualitativ anzureichern. So werden diese Informationen plastisch und enthalten beispielsweise auch Beschreibungen zu emotionalen Aspekten, die für die Familien ausschlaggebend sein könnten. So haben etwa die Frauen, die eine Qualifizierung zur »Stadtteilmutter« absolviert haben, während ihrer Ausbildung die im Kiez bestehenden Angebote und Ressourcen selbst besucht bzw. dort teilweise sogar hospitiert. Nun können sie anderen Müttern authentisch über das jeweilige Angebot berichten:

»Ich war auch in der Erziehungsberatung, der Mann war wirklich nett, ich habe sogar eine Tasse Kaffee bekommen.«

»Der Weg ist so und so, und es gibt da auch Parkplätze.«

»In diesem Jugendclub gibt es Hausaufgabenbetreuung, die Betreuer sind nett, und ihr könnt da einfach hingehen. Es sieht zwar alles ein bisschen komisch aus, aber es ist trotzdem ganz gut.«

Solche konkreten Informationen sind nach Ansicht der befragten Mitarbeiterinnen bei den Familien hochbegehrt, was man auch daran merken kann, dass sie diese in ihren persönlichen sozialen Bezügen weitergeben! Aus den Berichten der befragten Praktiker/innen lässt sich erkennen, dass viele Migrantenfamilien eine hohe Bereitschaft zeigen, sich zu informieren und weiterzubilden. Entscheidend ist allerdings, dass es zunächst gelingt, Zugang zu den Familien zu finden! Denn die prinzipiell an vielen Orten bereitgehaltenen Informationen kommen auf den bisherigen Wegen nur selten bei den Migrantenfamilien an. Wenn jedoch der Zugang gelingt, ergeben sich erfahrungsgemäß zahlreiche Gelegenheiten, an den Interessen der Familien entlang Zugänge zu weiteren Informationen und Angeboten im Kiez zu ermöglichen.

So endet beispielsweise das bereits erwähnte Stadtteilmütterprojekt nicht einfach abrupt nach dem zehnten Hausbesuch. Vielmehr ist der Abschluss mit der Einladung verbunden, künftig an den kieznahen Angeboten des Trägers zu partizipieren, z.B. an einem interkulturellen Elternzentrum, wo eine türkischsprachige Elternschule, Deutschkurse, Computerkurse oder eine offene Donnerstagsgruppe angeboten werden. Die persönliche Begleitung durch eine Stadtteilmutter ist aus Sicht einer befragten Projektkoordinatorin sehr hilfreich.

»Wenn sie einmal mit einer Stadtteilmutter hierher gekommen sind, dann finden sie auch später den Weg hierher. Außerdem sind sie dann nicht alleine, weil sie hier schon jemanden kennen. So trauen sie sich eher hierher.«

Für viele Nutzer/innen ist es aufgrund der Tatsache, dass sie erst relativ kurz in Deutschland leben oder dass sie sich häufig innerhalb ihrer eigenethnischen Netzwerke bewegen, ausgesprochen hilfreich, Informationen über sogenannte Stadtteilressourcen zu bekommen.

  • Wann kann ich mit meinem Kind ins Schwimmbad gehen? Gibt es einen Frauentag?
  • In welcher Bücherei gibt es arabische Kinderbücher?
  • Was ist das eigentlich für ein Kinderzirkus an der Ecke? Kann da jeder hin?
  • Gibt es hier wirklich ein Kindertheater?
  • Wo gibt es einen guten Sportverein?

Ein Begegnungstreff macht mit den Müttern Kiez-Spaziergänge zu verschiedenen Orten, »so dass die Frauen lernen, wohin sie mit ihrem Kind auch mal alleine gehen können. Sie sehen dadurch, was es in diesem Kiez alles für Möglichkeiten gibt.« In diesem Rahmen werden gemeinsam Projekte besichtigt, Theater- und Kinovorstellungen besucht sowie Ausflüge und Picknicks gemacht. Die ersten Vorschläge kommen allerdings oft von den Projektmitarbeiterinnen:

»Wenn die Mütter die Umgebung nicht gut kennen, dann wissen sie ja meist nicht, wohin. Wir sagen dann, es gibt das und das, worauf hättet ihr Lust? So versuchen wir, das Interesse und den Mut zu wecken, sich mit der Gegend hier vertraut zu machen.«

Neben Informationsvermittlung und eher gruppenbezogenen Stadtteilbegehungen bieten einzelne Projekte auch individuelle Erstbegleitungen an, beispielsweise zu Ämtern. Sie sehen sich als Schnittstellenakteure, die vermitteln und überleiten und dadurch Zugangsschwellen senken. In diesem Zusammenhang ist die Zielstellung eines Projektleiters arabischer Herkunft einzuordnen: »Für mich ist es wichtig, zu kontrollieren, ob die gleiche Person jeden Monat wieder zu uns kommt. Wenn ich feststelle, das sind andere Leute, dann freue ich mich. Denn das bedeutet, dass sich meine Beratung, meine Orientierung, mein Lotsen gelohnt hat. Ich hab ihr geholfen, so dass sie das jetzt selber machen kann. Das ist mir wichtig.«

Wenn Eltern unterstützt werden, ist damit immer auch eine Empowerment-Strategie verknüpft, um mittels Stärkung und Qualifikation der Selbsthilfekompetenzen langfristig zu helfen.