Ad-hoc-Beratung nebenbei und peer-Ansatz

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Auf die Frage, warum die Frauen denn herkommen, kamen u.a. folgende Antworten: »Um zu quatschen, zu reden, zu lernen. Wir reden hier auch über politische Themen, man kriegt viel mit. Es ist hier einfach sehr abwechslungsreich.«

Ein Kind spielt im Kindergarten mit Buntstiften

Dieser offene Treff nutzt das Bedürfnis der Mütter nach Kontakt und Austausch. Durch die vielfältigen Kommunikations- anlässe, die er bietet, kommen die Frauen ins Gespräch. Automatisch beginnen sie, sich beim Teetrinken, beim gemeinsamen Kochen, beim Spielen mit den Kindern usw. über die Themen ihres Alltags auszutauschen. So gelingt ein Ansetzen an den echten Themen der Frauen.

Das war übrigens bereits in der konzeptionellen Phase so geplant. Es sollte ohne große didaktische Struktur einfach direkt bei den Frauen angesetzt werden. Zum einen werden die Frauen im Sinne eines demokratischen Verständnisses sehr ernst genommen, weil Selbstbestimmung ermöglicht wird und nicht etwa von Pädagoginnen gesetzte Ziele an den Frauen »abgearbeitet« werden. Zum anderen wird ein effektives Lernen ermöglicht, da direkt an aktive Themen angeknüpft wird, welche die Frauen beschäftigen und bei denen sie einen Unterstützungsbedarf und vor allem ein Veränderungsbedürfnis verspüren. Ein Jugendamtsmitarbeiter beschreibt dies als grundlegenden »Geist« der Einrichtung:

»Wir haben uns vorgenommen, wir schauen erst mal, wie sich die Kommunikation von den Müttern aus etabliert, und dann sehen wir, ob es Ansatzpunkte gibt, das eine oder andere zu unterstützen und zu fördern.«

Diese scheinbare Strukturlosigkeit ist für die Mitarbeiterinnen eine große Herausforderung, da sie, entgegen dem momentanen Trend von Schulungen und Kursen, den Frauen kein festes, didaktisch durchgestyltes Programm bieten. »Wenn du als Mutter hierher kommst, kannst du mitbestimmen. Du kannst etwas mit uns gemeinsam entwickeln. Wir sprechen miteinander und dann entdecken wir vielleicht etwas, was wir machen können.«

Konsequenterweise werden auch Tagesablauf und Programm des Treffpunktes von den Frauen gestaltet. Dabei kommt es immer wieder zu einem Erfahrungsaustausch und Diskussionen. Die Frauen machen sich über die Standpunkte der anderen Gedanken und erweitern so ihren eigenen. Da die nötige Vertrauensbasis im Lauf der gemeinsam verbrachten Zeit anwächst, können die Frauen leichter Anregungen der anderen annehmen und ihr eigenes Bild erweitern. Der Mitarbeiter des Jugendamtes, der die Konzeption der Einrichtung stark mitgeprägt hat, vertritt die Ansicht, dass die Auseinandersetzung mit den für die Familien wichtigen Themen von alleine kommt: »Ich denke, da, wo Mütter von kleinen Kindern zusammenkommen, werden Erziehungsfragen und alles, was mit Kindern zusammenhängt, immer wieder automatisch angesprochen. Anderes wird durch das Verhalten der Mütter mit ihren Kindern aktuell.«

In den Gesprächen geht es meist um alltagsnahe Dinge wie Einkaufsmöglichkeiten, Wohnungssuche, Erziehungsfragen und Kindesentwicklung oder um den Alltag von Migrantinnen in Deutschland, zu dem z.B. eine Reihe typischer Behördenangelegenheiten gehört. Es geht aber auch um Gesundheitsfragen, politische Geschehnisse, Sexualität, Liebesgeschichten, Themen der eigenen Entwicklung, Berufstätigkeit, u.v.m. In den Interviews wurde deutlich, wie sehr die Frauen diesen Austausch schätzen. Auf die Frage, was ihnen an diesem Treffpunkt besonders gut gefällt, antwortete eine Frau sehr aussagekräftig: »Das Reden und Zuhören.«

Drei Kinder – ein Mädchen und zwei Jungen im Kindergartenalter – lächeln in die Kamera. Das Mädchen umarmt die Jungen.

»Ich kann herkommen, wann ich will, kann über alles Mögliche reden und einfach mit anderen zusammen sein. Das ist besser für mich und für meine Kinder.«

»Wenn man hierher kommt, dann hört man viel und erlebt jeden Tag neue Sachen mit den anderen.«

Durch die gewonnene vertrauensvolle Atmosphäre wird kaum ein Themenbereich tabuisiert: Auch streng muslimische Frauen reden über Verhütung und ähnliche Dinge ohne Vorbehalte. In der geschützten Gruppe ist scheinbar Raum für nahezu alles. Das bestätigt auch der Mitarbeiter des Jugendamtes. Er hält gerade das Thema Sexualität für ein »heißes Thema in der Müttergruppe«, genau wie auch das Thema »Männer.«

Die Mitarbeiterinnen aus dem Projekt betonen, dass, gerade weil sie so viel Zeit mit den Frauen verbringen und viel Spaß miteinander haben, oft lachen und auch belanglos scheinende Themen, wie Kosmetik und Haarentfernung miteinander teilen, die Basis für ernste Gespräche gegeben ist: »Das ist alles eine Kette, gehört alles zusammen.«

Eine Mutter bestätigte diesen Zusammenhang im Interview. Auf die Frage, was ihr im Shehrazad besonders gut gefalle, sagte sie: »Die Gespräche. Sie sind tiefgehend und trotzdem ist hier alles ganz locker und überhaupt nicht steif. Wir können hier über alles reden, auch über wirklich intime Sachen. Das ist gar kein Problem, auch nicht unter den muslimischen Frauen. Wir hatten hier schon die krassesten Gesprächsthemen, Bettgeschichten und so. Und B. [eine ehemalige Mitarbeiterin] hat das dann alles immer für mich übersetzt (lacht). Ja und viel gelacht haben wir hier auch. Wirklich viel gelacht.«

In der Peer-Hilfe kommt die Annahme, dass die Mütter viele Kompetenzen mitbringen und Experten ihres Alltags sind, deutlich zum Tragen: Gerade weil sie sich in ähnlichen Situationen befinden, können sich die Frauen hilfreich zur Seite stehen und gegenseitig zum Vorbild werden. Ein Beispiel dafür sind die Überlegungen einer kurdischen Frau, ob sie ihre Tochter in eine Kita geben soll:
»Ich habe bei den anderen Müttern gesehen, dass es ganz schön ist, wenn die Kinder mal weg sind. (lacht). Die Zwillinge von F. [eine andere Mutter] sind doch auch in einem Kindergarten. Da haben sie richtig gut Deutsch gelernt. Das ist wichtig, wenn sie in die Schule kommen.«

Eine sehr wichtige Säule zur Weiterentwicklung der Frauen ist der Aus-tausch in der Müttergruppe, die sogenannte Peer-Beratung. Damit dieser Austausch möglichst vielfältig ist und diskussionsfördernde, gegenteilige Ansichten zusammentreffen, ist eine gute Mischung der Frauen wichtig: zwischen den Kulturen und Ethnien genauso wie zwischen konservativen und moderneren Frauen. Die Frauen im Shehrazad erleben diese Mischung als etwas sehr Gutes: »Alle sind Ausländer, das ist schön. Man hat Gemeinsamkeiten. Aber auch, dass deutsche Frauen kommen, ist gut. Hier können wir uns wirklich kennenlernen und verständigen. Auf der Straße ist das anders.«