Zur Geschichte der Familienbildung

Seite 2: Mütterschulbewegung

Erste Mütterschulbewegung (1917-1936)

In dieser Zeit wachsenden Bewusstseins für die Notwendigkeit zur Unterstützung der Mütter, gründet, Luise Lampert (1891-1962) 1917 in Stuttgart die erste Mütterschule Deutschlands. Sie war von der Leiterin des Nationalen Frauendienstes, Anna Lindemann, beauftragt worden, eine Konzeption dafür zu entwickeln. Von Beruf ist Luise Lampert Kindergärtnerin. Sie erlebt das Erziehungsverhal- ten der Mütter also »hautnah«. Ihre Erlebnisse als Kindergärtnerin, die hohe Säuglingssterblichkeit und die Folgen des Krieges (Soldatenfrauen) bestärken sie in ihrem Vorhaben. Die Stuttgarter Mütterschule ist an eine Kinderkrippe und einen Kindergarten angegliedert. Das soll den Müttern den Zugang erleichtern und ihnen den Umgang mit Kindern durch praktische Erfahrungen vermitteln. Die Schwerpunktthemen  der Kurse sind Schwanger- schaft, Geburt, Pflege und Erziehung von Säugling und Kleinkind. Ziel der Stuttgarter Mütterschule ist es, die »natürliche Mütterlichkeit der Frau als Dienst am Volk« (Schymroch 1989:23) wiederherzustellen.

Das Bildungsangebot der Mütterschule
1) Kurse für werdende Mütter:
  • Pflege der Mutter vor und nach der Geburt
  • Pflege und Ernährung des Säuglings und Kleinkindes
  • Medizinische Fragen über Schwangerschaft, Geburt,Säuglings- und Kinderkrankheiten
  • Erziehungsfragen: Entwicklung der ersten Lebensjahre (Kinderbeschäftigungen und Spiele werden geübt und an Kindergartenkindern beobachtet)
2) Mütterabende für frühere Teilnehmerinnen
3) Spielzeugkurse für Mütter und Väter vor Weihnachten und Ostern;
4) Sonderkurse z.B. Familienrecht
5) Durchführung von Praktika für Schülerinnen der städtischen Frauenschule Stuttgart
6) Kindermädchenkurse (Hauswirtschaft, Kochen, Kinderpflege)
7) Erwerbslosenkurse

(Schymroch 1989:25/34)

Die (werdenden) Mütter üben die Pflege des Säuglings zunächst an Puppen und später an Babys des städtischen Kinderheims. Dadurch soll das Gefühl »wahrer Mütterlichkeit« bei den Frauen entwickelt und gestärkt werden. Die Stuttgarter Mütterschule nimmt neben der Bildungs- auch eine Ausbildungsfunktion wahr bspw. mit einem Kindermädchenkurs. Dabei werden junge Mädchen als »helfende Hand« für die Hausfrau und Mutter ausgebildet. Dieser Kurs wird später ausgebaut zur einjährigen Kinderpflegerinnenschule  mit einer starken Praxisorientierung.

Die Mütterschule wird hauptsächlich von jungen Mädchen und Frauen besucht. Die ursprüngliche Idee, getrennte Kurse für Frauen, Mädchen sowie für Frauen mit unterschiedlichem Bildungsniveau anzubieten, wird nicht umgesetzt. In der Mütterschule arbeiten größtenteils nebenamtliche Kräfte. Das hat den Hintergrund, dass diese in ihren Hauptberufen mit dem praktischen täglichen Leben in Berührung bleiben sollen. Als besonders geeignet Lehrkräfte gelten Säuglingspflegerinnen, Krankenpflegerinnen, Ärztinnen und Jugendleiterinnen. Luise Lampert selbst hegt bereits in dieser frühen Zeit den konzeptionellen Wunsch, dass auch Mütter unterrichten sollen.

Auch in der Weimarer Zeit besteht weiter das zuvor angedeutete von Fröbel geprägte Frauenbild der sogenannten »Mütterlichkeit« fort. Die gesellschaftliche Notsituation der 20er Jahre mit ihrer steigenden Arbeitslosigkeit und Inflation findet ihren Höhepunkt in der Weltwirtschaftskrise 1929. Damit einhergehend nimmt die Erwerbstätigkeit der Frau als billige Arbeitskraft in Industrie und Handel sowie im Gesundheitsbereich und in sozialpädagogischen Feldern zu. Viele Frauen müssen zu ihrer Existenzsicherung arbeiten, weil sie ihre Männer im Krieg verloren haben.

Die Wohlfahrtsarbeit, die ursprünglich im Bereich der Säuglingsfür- sorge geleistet wurde, wird nunmehr zu einer umfassenderen Kinder- und Familienfürsorge erweitert. Die vorwiegend gesundheitliche und hygienische Orientierung in der Säuglingsfür- sorge wird insbesondere durch pädagogische Aspekte ergänzt. Beschäftigungs- und Erziehungsbeiträge zum Kleinkind werden in den Wanderkursen2 der Säuglingspflege mit aufgenommen.