Zur Geschichte der Familienbildung

Seite 1: Friedrich Fröbel, Frauenbewegung

»Mutter sein ist ein so ungemein hoher Begriff, weil der Inhalt die Menschenbildung ist in körperlicher und geistig-seelischer Beziehung, weil zu seiner Erfüllung körperliche, geistige und seelische Arbeit notwendig ist, weil die Aufgabe vom ganzen Menschen geleistet werden muss und einen Menschen durch die größte Zeit seines Lebens hindurch fordert. Die Frau für diese umfassende Aufgabe zu gewinnen, vorzubilden und anzuleiten, ist die Aufgabe der Mütterschule.« (Luise Lampert: Mütterschulung. Leipzig 1934)

Einleitung

Der folgende Text möchte zu einem kleinen historischen Ausflug einladen. Familienunterstützende Angebote sind keine Innovation des 21. Jahrhunderts sondern fußen auf historischen Wurzeln, die in Deutschland zumindest bis ins 18. Jahrhundert zu verfolgen sind. Deutlich wird hierbei die je nach historischer Epoche bestehende gesellschaftspolitische Funktionszuschreibung von Familie und damit insbesondere der Mütter. Die gesellschaftspolitische Rahmung kritisch zu reflektieren kann historisch aber auch gerade aktuell sehr hilfreich sein bei der konzeptionellen Ausgestaltung von Unterstützungsangeboten und deren methodischer Umsetzung.

Der Kindergarten nach Friedrich Fröbel

Die Wurzeln der Mütterschule führen auf Friedrich Fröbel (1782-1852) zurück. Fröbel sieht die Menschenerziehung als Aufgabe der Frau in der Familie. Er verfolgt den Gedanken der »Mütterlichkeit«, d.h. jede Frau wird als Mutter betrachtet. Fröbel erwartet von der Mutter, dass sie neben der leiblichen Pflege des Kleinkindes auch für das geistige Wohl und die geistige Entwicklung des Kindes sorgt. Deshalb hält er es für notwendig, die Frau für diese Aufgabe zu bilden und auszubilden.

Die Gründung des Kindergartens im 19. Jahrhundert hat für Fröbel neben der Funktion einer Spiel- und Beschäftigungsanstalt für Kleinkinder auch die Funktion einer Bildungs- und Ausbildungsstätte für Mädchen, Frauen und Mütter. Für den Kindergarten entwickelte er Spielgaben1 und Spieltätigkeiten, die dem jeweiligem Entwicklungstand des Kindes angemessen sind. Fröbel ist der Meinung, dass eine bildende Wirkung der Spielgaben erst durch die Anleitung von Erwachsenen erreicht wird.

Der Kindergarten als Bildungsstätte für Frauen und Mütter nach Fröbel bezieht sich auf die Bausteine

  • Vorbereitung auf die Mutterfunktion,
  • Anleitung zur Erziehung und
  • Ausbildung zur Kinderpflegerin.

 

Die (bürgerlich-liberale) Frauenbewegung

Kurs für Säuglingspflege im Jahre 1927
Kurs für Säuglingspflege im Jahre 1927 (Schymroch 1989)

Das Konzept des Kindergartens von Friedrich Fröbel wird in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts von Erziehungs-, Frauen- und Kindergartenvereinen weiter verbreitetet. Der Gedanke der Mütterlichkeit wird durch die Frauenbewegung gesellschaftlich erweitert und fortgeführt. Für die Frauen entstehen Berufe in Erziehung, Bildung und sozialpädagogischen Bereichen. 1873 errichtet die Nichte Fröbels Henriette Schrader - Breymann (1827-1899) in Berlin das Pestalozzi-Fröbel-Haus, in dem Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen ausgebildet werden.

Bei der Entwicklung von der bürgerlich-liberalen Frauenbewegung zur Mütterschule sind zwei Organisationen als maßgebliche Zwischenstation zu nennen:

Zum einen die »Mädchen- und  Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit«, die von Minna Cauer (1842-1922) und Jeanette Schwerin (1852-1929) im Jahr 1893 gegründet wurden. Ziel dieser Gruppen ist es, Mädchen und Frauen aus höheren bürgerlichen Kreisen in einheitlicher Form anzuleiten und zwar zum »Wohle des ganzen Volkes«. Hier liegen auch die Wurzeln des Freiwilligen Sozialen Dienstjahres für Mädchen und Frauen. Alice Salomon (1872-1948) findet über diese Gruppe, später als dritte Vorsitzende, in die Frauenbewegung und schließlich zu der von ihr maßgeblich entwickelten Wohlfahrtsschule (1908).

Zum anderen ist der »Frauenbildungsverein« zu nennen, in dem aus ideeller und praktischer Sicht Frauenfragen behandelt werden. So führt bspw. der Badische Frauenverein bereits 1885 Kurse zu hauswirtschaftlichen und pflegerischen Themen durch. Neben Tageskursen werden auch Abendveranstaltungen für Fabrikarbeiterinnen angeboten (Rollik 2003).

Ein weiteres Ziel der Mütterschulen liegt in der Reduzierung der hohen Säuglingssterblichkeit. Sie ist verursacht durch die Verelendung und Not der Arbeiterbevölkerung und damit verbundene Folgen wie mangelnde Ernährung, schlechte Wohnverhältnisse und hohe Alltagsbelastung der Arbeiterinnen. Hinzu kommen die mangelhaften Kenntnisse in Hygiene, Pflege und Erziehung vieler Mütter. Als erste weisen Kinderärzte auf die hohe Sterblichkeitsrate hin. Zur Bekämpfung regen sie die Gründung privater Kreise an. Die Ärzte verfassen Werke, in denen Möglichkeiten beschrieben werden, der Säuglingssterblichkeit entgegenzuwirken. Mütter sollen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden.

Um dies zu erreichen, werden verschiedene Einrichtungen, die für das Wohl von Mutter und Kind arbeiten, initiiert. Der Staat erlässt zudem das Mutter- und Kinderschutzgesetz. In den höheren Mädchenschulen und Fortbildungsschulen für Mädchen werden Erziehungskunde und Kleinkindpflege als Fächer aufgenommen. Viele Träger bieten in dieser Zeit Mütterschulungen und Mütterkurse an. Dazu zählen z.B. das 1907 in Berlin gegründete »Kaiserin Auguste Victoria Haus«, der »Verein für Säuglingsführsorge« sowie konfessionelle Frauenvereine und –verbände.