Zur Geschichte der Familienbildung

Seite 3: Familienbildung, Nationalsozialismus

Durch die Erlassung des Reichs-Jugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) 1922 wird eine einheitliche Rechtsgrundlage für die Jugendhilfe und Pflege geschaffen. Trotz der schlechten Zeiten (Nachkriegszeit, Weltwirtschaftskrise) werden die Angebote und Themen der Mütterschule erweitert. Neu dazu kommen Kurse zur

  • Erziehung des Klein- und Schulkindes
  • Eigenart und Behandlung des Jugendlichen
  • Religiöse Erziehungsfragen
  • Häusliche Krankenpflege
  • Diätküche
  • Haushaltsführung und Heimgestaltung
  • Frauengymnastik und Gymnastik für Schwangere.

(Schymroch 1989:34)

Bereits in dieser Phase der Mütterschulen werden zudem die Wünsche der Teilnehmerinnen bei der Programmplanung berücksichtigt. Seit 1920 werden zusätzlich in den Außenbezirken (von Stuttgart) Kurse angeboten. Dieser dezentralisierte Arbeitsansatz begründet sich vor allem aus der finanziellen und zeitlichen Situation der Mütter. Da die Fahrt mit der Tram zur Mütterschule für die Frauen oft zu teuer und zudem mit großem Zeitverlust verbunden ist, versucht man, die Angebote direkt in der alltäglichen Lebenswelt zu verankern.

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte der Familienbildung

Luise Lampert verbreitet die Idee und die Konzeption der Mütterschule durch intensive Öffentlichkeitsarbeit (Vorträge, Zeitschriftartikel), wodurch in anderen Städten Deutschlands (und im benachbarten Österreich) weitere Mütterschulen entstehen. 1928 wird in Wuppertal die erste Mütterschule nach dem Stuttgarter Modell gegründet als zweitälteste Mütterschule in Deutschland. Weitere Gründungen folgen 1929 in Esslingen und München.

In den 20er Jahren findet die Mütterschularbeit (auch als Mutterschulung bezeichnet) mit dem Gedanken „für das Wohl des Volkes einen Beitrag zu leisten“ einen regen Aufschwung. Neben den Mütterschulen bieten verschiedene Vereine und konfessionelle Verbände Kurse zur Säuglingspflege an.

Die Mütterschulen zur Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)

Die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkämpften Rechte und Einflussmöglichkeiten der Frau werden in der Zeit des Faschismus wieder eingeschränkt. In dieser Zeit wird die Frau deutlich zweckbestimmt betrachtet: als Gebärende oder als Arbeitskraft.

Für die Nationalsozialisten ist Frau-Sein ohne biologische Mutterschaft wertlos. Das mütterliche Prinzip, welches nicht allein an die biologische Mutterschaft gekoppelt ist (Fröbel; Frauenbewe- gung), geht verloren. Dahingegen wird ab 1938 Müttern kinderreicher Familien der sogenannte Mutterorden verliehen.

Für die Nationalsozialisten hat die körperliche Erziehung deutlich Vorrang. Die seelische und geistige Förderung des Menschen sind zweit- und drittrangig. Die nationalsozialistische Ideologie nennt die Familie  zwar  eine »Keimzelle des Volkes«, doch (Schymroch 1989:46) die Erziehungsfunktion der Familie verschwindet immer stärker und wird auf die Erzeugerfunktion reduziert. »Es ist Verpflichtung der Eltern, die Kinder für den Staat zu zeugen…ihre Aufgabe besteht darin, gute Erbmasse im biologischen Sinne weiter zu geben« (Schymroch 1989:46).

Zugleich übernehmen die NS-Organisationen Erziehungsfunktionen (z.B. Hitlerjugend). Die Mütterschulen erscheinen in diesem Kontext als eine geeignete Institution, um das nationalistische Frauen- und Mutterbild zu verbreiten. Diese Zielsetzung bewirkt eine starke Förderung der Mütterschulen. Ab 1933 entstehen so eine Reihe neuer Mütterschulen.

Trotz deutlich geänderter ideologischer Ausrichtung bleibt das thematische Angebot der Mütterschulen während der NS-Zeit nahezu identisch. Neu hinzu kommen insbesondere hauswirtschaft- liche Tätigkeiten. Ein Grund dafür ist das sog. Ehestandsdarlehen, welches die Eheschließung und Familiengründung fördern soll. Es wird jungen Ehepaaren gewährt und bezieht sich auf hauswirt- schaftliche Kenntnisse der Frau. Das Ehestandsdarlehen ist zu dieser Zeit an den Besuch von Mütterschulungskursen gekoppelt, die junge Frauen absolvieren müssen.

Der Mütterschule wird somit durch die Ehestandsdarlehen eine konkrete Aufgabe zu gewiesen. Ferner wird ihr dadurch ein Kreis von Frauen zugeführt, der ihr sonst fern geblieben wäre. Seit 1933 gibt es zudem sogenannte Mütterschulungsstätten (Mütterober- schulen), die geeignete Frauen für Leitung und Unterricht an Mütterschulen ausbilden.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus werden die Mütterschulen als NS- Bildungsstätten eingestuft und zunächst aufgelöst. Die hohe Anzahl von Mütterschulen während des Nationalsozialismus wird nach 1945 nicht mehr erreicht.