Entstehungsgeschichte der Praxishilfe

Seite 2: Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Wir haben den Titel »Praxishilfe für sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit« gewählt, um das Ergebnis unserer Studie auf den Punkt zu bringen. Denn im Lauf unserer Untersuchung konnten wir immer wieder feststellen, dass dort, wo die präventive unterstützende Arbeit mit Migrantenfamilien gelingt, der Erfolg offensichtlich darauf basiert, dass die zentralen Handlungsprinzipien der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit  vorbildhaft realisiert wurden.

Prinzipien der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit

  • konsequentes Ansetzen an den Interessen der Bewohner
  • aktivierende Arbeit und Förderung von Selbsthilfe
  • Konzentration auf die Ressourcen der Bewohner und der Stadtteilinfrastruktur
  • zielgruppen- und bereichsübergreifende Arbeitsansätze
  • Kooperation und Abstimmung der professionellen Ressourcen

Sozialraumorientierung setzt auf die Anerkennung und Stärkung individueller Fähigkeiten und auf die Mobilisierung der Ressourcen von sozialen Netzwerken und der wohnortnahen Infrastruktur. Ausgangspunkt des professionellen Handelns sind immer die Interessen der Menschen, mit denen man arbeitet. Die Aufgabe der Fachkräfte besteht also zunächst einmal darin, herauszufinden, was jemanden bewegt, und obendrein Settings anzubieten, in denen es Menschen leicht fällt, ihre Interessen zu äußern.

Es handelt sich demnach nicht nur um einen dezidiert am Sozialraum orientierten, sondern auch um einen konsequent am Willen der Menschen orientierten Arbeitsansatz, in welchem die emanzipatorische Arbeit den zentralen Ausgangspunkt darstellt.  Um diesen Ansatz auch bei Migrantenfamilien erfolgreich zu praktizieren, gilt es, die vielfältigen Lebenskonzepte von Menschen mit Migrationshintergrund aufzugreifen und die Ressourcen wahrzunehmen, die ethnische Netzwerke und Organisationen zu bieten haben. Wie unsere Studie zeigt, führt sozialraumorientierte Arbeit gepaart mit interkultureller Kompetenz dazu, dass auch Migrantenfamilien von unterstützenden Angeboten profitieren. Dagegen resultiert die Vernachlässigung der oben genannten Prinzipien darin, dass Migrantenfamilien viele Angebote bislang nur unterdurchschnittlich nutzen.

Vermutlich werden Sie sich bei der Lektüre an vielen Stellen fragen: gilt das, was hier für Migrantenfamilien beschrieben wird, nicht eigentlich für alle Familien? Wir meinen: ja! Erfolgreiche Arbeit mit Migrantenfamilien basiert unserer Ansicht nach nicht auf besonderen Techniken und Methoden. Vielmehr liegt die besondere Herausforderung darin, die zentralen Prinzipien, an denen wir uns ganz allgemein orientieren, wie Empowerment, Ressourcenorientierung, Flexibilität et cetera, auch bei der Arbeit mit Migrantenfamilien ernsthaft und zielgruppenadäquat umzusetzen. Wie dies gelingen kann, wollen wir hier exemplarisch zeigen. Wenn dabei das Gefühl entsteht »das kenne ich ja auch von anderen Familien in meinem Stadtteil«, fühlen wir uns bestätigt.

Wie gesagt: die Chronologie des Textes muss nicht die Reihenfolge des Lesens bedingen. Erlauben Sie sich, im Folgenden querzublättern, an für Sie besonders interessanten Stellen zu verweilen, zurückzugehen und sich Notizen zu machen.

Nun noch ein letzter Hinweis: In vielen Kapiteln finden sich Aussagen in Anführungszeichen. Soweit keine anderen Quellen angegeben sind, handelt es sich hierbei um Originalaussagen von Fachkräften oder Nutzerinnen. Zur besseren Verständlichkeit wurden sie teilweise etwas überarbeitet.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit wurde von Wolfgang Hinte ausformuliert und in zahlreichen Publikationen ausführlich beschrieben. Beispielhaft ist hier zu nennen HINTE 2001, 2002 und aktuell HINTE/ TREEß 2007 sowie HINTE 2007. Zur Umsetzung des Konzeptes siehe auch BUDDE/ FRÜCHTEL/ HINTE 2006 und HALLER/ HINTE/ KUMMER 2007, sowie SENBJS 2002 a, 2002 b, 2003a.

Siehe dazu die Erläuterungen von Wolfgang Hinte, der eine Verkürzung des Fachkonzeptes »Sozialraumorientierung« auf »das Räumliche« vehement zurückweist (HINTE 2007:102f).

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

von Gaby Straßburger, Stefan Bestmann