Entstehungsgeschichte der Praxishilfe

Eine Aufforderung zum Querlesen

Zurzeit hört man viel über die Integration von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund in die bundesdeutsche Gesellschaft. Auch in der Sozialen Arbeit wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten einiges dazu publiziert. »Wozu also noch eine weitere Publikation?« werden Sie vielleicht fragen. »Die Probleme sind bekannt. Das muss man nicht wieder und wieder beschreiben. Wichtig ist, dass man etwas unternimmt.«
Das sehen wir genauso. Deshalb schätzen wir uns glücklich, dass wir mit unserer Auftraggeberin, der Berliner Senatsverwaltung für Jugend, Bildung und Sport (heute: Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung), die Vereinbarung treffen konnten, eine dezidiert praxisorientierte Untersuchung durchzuführen. Wir brauchten unser Augenmerk nicht darauf zu richten, welche Schwierigkeiten bei der Arbeit mit Migrantenfamilien vorkommen können. Vielmehr sollten wir ausdrücklich nach den Faktoren Ausschau halten, die dazu beitragen, Angebote so zu gestalten, dass sie von Migrantenfamilien genutzt werden. Außerdem hat die Senatsverwaltung darauf verzichtet, am Ende einen »klassischen« Forschungsbericht zu erhalten. Sie wollte stattdessen ein Handbuch für die Praxis.

Wir präsentieren darin Erkenntnisse einer Forschung im Berliner Bezirk Neukölln. Ausgangspunkt war die Aussage des dortigen Jugendamtes, dass Angebote präventiver Familienunterstützung wie etwa Schwangerschafts-, Erziehungs- und Familienberatung sich stärker an der Lebenswelt und dem Sozialraum orientieren müssten, um die im Bezirk lebenden Migrantenfamilien besser zu erreichen. Entsprechend lautet die zentrale Fragestellung unserer Studie:

Wie müssen familienunterstützende Angebote strukturell und methodisch gestaltet sein, damit  Migrantenfamilien sie als attraktiv und hilfreich erachten und nutzen?

Wir haben uns auf den Weg gemacht, um nach Ansätzen Sozialer Arbeit zu suchen, denen es beispielhaft gelingt, Zugänge zu Familien mit Migrationshintergrund zu finden. Die Suche hat sich gelohnt. Es gibt in Neukölln zahlreiche Projekte, die erfolgreich arbeiten. Einige davon haben wir hinsichtlich der Geheimnisse ihres Erfolgs unter die Lupe genommen und das Ergebnis in dieser Praxishilfe zusammengestellt.

Es soll dazu beitragen, den aktuellen Herausforderungen einer zeitgemäßen Sozialen Arbeit in benachteiligten Stadtquartieren mit hoher ethnischer Vielfalt gerecht zu werden. Primäre Zielgruppe sind Erzieher und Erzieherinnen sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, darüber hinaus aber auch Personen, die sich für einen dieser Berufe qualifizieren, um in der Tagesbetreuung (Kita/ Hort) oder im Bereich der Hilfen zur Erziehung tätig zu sein. Daneben wollen wir auch Personen erreichen, die in einer Schule, im Quartiermanagement oder in der Stadtteilarbeit aktiv sind oder aber in Verbänden, Vereinen und Kommunen konzeptionelle und steuernde Aufgaben erfüllen, um Familien zu unterstützen.

Diese Praxishilfe soll Sie, die Leserinnen und Leser, dazu motivieren, die eigene Arbeitspraxis mit einem Ressourcenblick zu betrachten. Sie werden bei der Lektüre immer wieder eine Bestätigung für etwas finden,was Sie bereits tagtäglich tun. Wir wollen Sie dazu anregen, Gelingendes zu stärken, auszubauen und weiterzuentwickeln. Wenn Sie darüber hinaus noch zusätzliche Hinweise finden, die Sie in Ihrer Praxis aufgreifen können, würde uns das natürlich ebenfalls freuen!

Wir betrachten diese Praxishilfe als Werkzeugkiste, in die Sie je nach Bedarf hineingreifen und sich das herausholen können, was Ihnen für die eigene Praxis hilfreich und anregend erscheint. Selbstverständlich können Sie die Praxishilfe komplett von vorn bis hinten durchlesen. Doch die meisten werden dafür kaum Zeit haben. Scheuen Sie sich also nicht, lediglich einzelne Aspekte herauszugreifen. Genau so ist es gedacht!

Was erwartet Sie in dieser Praxishilfe?

Wir haben uns darum bemüht, diese Praxishilfe so zu gestalten, dass Praktiker und Praktikerinnen unkompliziert davon profitieren können. Da diese Zielgruppe in der Regel ziemlich wenig Zeit für das Studium von Fachliteratur hat, muss eine Handreichung leicht nachvollziehbar und unmittelbar praxisrelevant sein. Nun wollen wir aber auch fachwissenschaftlich Interessierte erreichen, die eher daran interessiert sind, Ergebnisse im Kontext relevanter Fachdiskurse verortet zu sehen. Das erfordert eine andere Form der Darstellung.

Deshalb haben wir uns dazu entschieden, unsere Ergebnisse auf drei unterschiedliche Arten zu präsentieren: zum einen, indem wir die zentralen Erfolgsfaktoren zusammenstellen, zum anderen, indem wir einzelne Projekte porträtieren und schließlich in Form von Essays und Aufsätzen, in welchen wir unsere Ergebnisse mit aktuellen Fachdiskursen verknüpfen.

Das Kernstück dieser Praxishilfe ist eine Synopse der Faktoren des Gelingens, welche sich als besonders hilfreich erwiesen haben. Sie ist in erster Linie für Praktikerinnen und Praktiker gedacht. Hier zeigen wir, welche Faktoren in der Konzeptionsentwicklung und im methodischen Handeln für den Erfolg verantwortlich sind und welche strukturellen Voraussetzungen dafür gegeben sein müssen. Die Gliederung folgt dem üblichen Handlungsverlauf des Arbeitsprozesses:

  • Was bestimmt die professionelle Haltung, die zum Gelingen beiträgt?
  • Wie kann man Migrantenfamilien erreichen? Worauf ist bei der Gestaltung des Erstzugangs zu achten?
  • Wie lässt sich der Kontakt stabilisieren? Worum soll es in der Arbeit gehen? Was wollen die Familien?
  • Wie lässt sich am besten Unterstützung geben?
  • Mit wem kann man kooperieren? Welche Vernetzung bietet sich an?
  • Welche strukturellen Voraussetzungen (Raum, Örtlichkeit, Personal, Finanzen, Konzeptionierung) unterstützen den Erfolg der Arbeit?

Während es in dieser Synopse darum geht, einzelne Erfolgsfaktoren zu identifizieren und zu systematisieren, wollen wir durch die Projektporträts ganzheitliche, plastische Einblicke in die konkrete Praxis geben. Die Projektporträts verdeutlichen, wie mehrere Faktoren des Gelingens ineinander greifen, einander bedingen und sich wechselseitig in ihrer positiven Wirkung verstärken. Wir haben bewusst Projekte aus unterschiedlichen Handlungsbereichen gewählt, um einen Einblick in das breite Spektrum der unterstützenden Angebote für Familien zu geben. Die porträtierten Projekte stehen exemplarisch für viele andere, deren erfolgreiche Arbeit wir aus Platzgründen leider nicht ebenso ausführlich darstellen können.

Die dritte Präsentationsform dient der vertiefenden Diskussion diverser Einzelaspekte. Die Essays und Aufsätze sind in erster Linie für eine fachwissenschaftlich interessierte Leserschaft gedacht, wobei wir uns auch hier um eine Sprache bemühen, die den Anforderungen einer Praxishilfe gerecht wird. Ein Text befasst sich mit der Frage, woran es liegen könnte, dass die Zielgruppe der Heiratsmigrantinnen scheinbar besonders stark von den untersuchten Projekten profitiert. Ein anderer schildert unsere Überlegungen zum Begriff der Bildungsferne. Den Schluss dieser Praxishilfe bildet ein Essay, in welchem wir zentrale Leitlinien der sozialraumorientierten interkulturellen Arbeit diskutieren und zeigen, wie die beiden zugrunde liegenden Konzepte »Sozialraumorientierung« und »Interkulturelle Öffnung« ineinander greifen.

Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Wir haben den Titel »Praxishilfe für sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit« gewählt, um das Ergebnis unserer Studie auf den Punkt zu bringen. Denn im Lauf unserer Untersuchung konnten wir immer wieder feststellen, dass dort, wo die präventive unterstützende Arbeit mit Migrantenfamilien gelingt, der Erfolg offensichtlich darauf basiert, dass die zentralen Handlungsprinzipien der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit  vorbildhaft realisiert wurden.

Prinzipien der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit

  • konsequentes Ansetzen an den Interessen der Bewohner
  • aktivierende Arbeit und Förderung von Selbsthilfe
  • Konzentration auf die Ressourcen der Bewohner und der Stadtteilinfrastruktur
  • zielgruppen- und bereichsübergreifende Arbeitsansätze
  • Kooperation und Abstimmung der professionellen Ressourcen

Sozialraumorientierung setzt auf die Anerkennung und Stärkung individueller Fähigkeiten und auf die Mobilisierung der Ressourcen von sozialen Netzwerken und der wohnortnahen Infrastruktur. Ausgangspunkt des professionellen Handelns sind immer die Interessen der Menschen, mit denen man arbeitet. Die Aufgabe der Fachkräfte besteht also zunächst einmal darin, herauszufinden, was jemanden bewegt, und obendrein Settings anzubieten, in denen es Menschen leicht fällt, ihre Interessen zu äußern.

Es handelt sich demnach nicht nur um einen dezidiert am Sozialraum orientierten, sondern auch um einen konsequent am Willen der Menschen orientierten Arbeitsansatz, in welchem die emanzipatorische Arbeit den zentralen Ausgangspunkt darstellt.  Um diesen Ansatz auch bei Migrantenfamilien erfolgreich zu praktizieren, gilt es, die vielfältigen Lebenskonzepte von Menschen mit Migrationshintergrund aufzugreifen und die Ressourcen wahrzunehmen, die ethnische Netzwerke und Organisationen zu bieten haben. Wie unsere Studie zeigt, führt sozialraumorientierte Arbeit gepaart mit interkultureller Kompetenz dazu, dass auch Migrantenfamilien von unterstützenden Angeboten profitieren. Dagegen resultiert die Vernachlässigung der oben genannten Prinzipien darin, dass Migrantenfamilien viele Angebote bislang nur unterdurchschnittlich nutzen.

Vermutlich werden Sie sich bei der Lektüre an vielen Stellen fragen: gilt das, was hier für Migrantenfamilien beschrieben wird, nicht eigentlich für alle Familien? Wir meinen: ja! Erfolgreiche Arbeit mit Migrantenfamilien basiert unserer Ansicht nach nicht auf besonderen Techniken und Methoden. Vielmehr liegt die besondere Herausforderung darin, die zentralen Prinzipien, an denen wir uns ganz allgemein orientieren, wie Empowerment, Ressourcenorientierung, Flexibilität et cetera, auch bei der Arbeit mit Migrantenfamilien ernsthaft und zielgruppenadäquat umzusetzen. Wie dies gelingen kann, wollen wir hier exemplarisch zeigen. Wenn dabei das Gefühl entsteht »das kenne ich ja auch von anderen Familien in meinem Stadtteil«, fühlen wir uns bestätigt.

Wie gesagt: die Chronologie des Textes muss nicht die Reihenfolge des Lesens bedingen. Erlauben Sie sich, im Folgenden querzublättern, an für Sie besonders interessanten Stellen zu verweilen, zurückzugehen und sich Notizen zu machen.

Nun noch ein letzter Hinweis: In vielen Kapiteln finden sich Aussagen in Anführungszeichen. Soweit keine anderen Quellen angegeben sind, handelt es sich hierbei um Originalaussagen von Fachkräften oder Nutzerinnen. Zur besseren Verständlichkeit wurden sie teilweise etwas überarbeitet.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit wurde von Wolfgang Hinte ausformuliert und in zahlreichen Publikationen ausführlich beschrieben. Beispielhaft ist hier zu nennen HINTE 2001, 2002 und aktuell HINTE/ TREEß 2007 sowie HINTE 2007. Zur Umsetzung des Konzeptes siehe auch BUDDE/ FRÜCHTEL/ HINTE 2006 und HALLER/ HINTE/ KUMMER 2007, sowie SENBJS 2002 a, 2002 b, 2003a.

Siehe dazu die Erläuterungen von Wolfgang Hinte, der eine Verkürzung des Fachkonzeptes »Sozialraumorientierung« auf »das Räumliche« vehement zurückweist (HINTE 2007:102f).

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

von Gaby Straßburger, Stefan Bestmann