Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Seite 6: Motivation

Besonders offensichtlich wird dies, wenn zumindest ein Teil der Mitarbeitenden einen Migrationshintergrund hat. Sie scheinen bisweilen eine regelrechte Magnetwirkung auszustrahlen. Während einheimische Fachkräfte sich das Vertrauen von Migrantenfamilien erst einmal erarbeiten müssen, genießen Fachkräfte mit Migrationshintergrund meist einen deutlichen Vertrauensvorschuss. Das verschafft ihnen Vorteile bei der Gestaltung eines erfolgreichen Zugangs; und zwar keineswegs nur bei Personen, die keine oder nur geringe Deutschkenntnisse haben. Denn abgesehen von einem rein sprachlichen Verständigungsaspekt sind noch zwei andere Faktoren dafür verantwortlich, dass sie leichter Zugang finden. Zum einen geht es um die Frage »Von wem lasse ich mir (gerne) etwas sagen?« und zum anderen um den Aspekt »Was sagt es für Migrantenfamilien aus, wenn Professionelle mit Migrationshintergrund in einem Projekt tätig sind?« In beiden Fällen geht es um den Ausdruck von Respekt und Gleichwertigkeit sowie um die Anerkennung von Heterogenität.

Wenngleich die Einstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund große Vorteile für den Zugang zu Migrantenfamilien mit sich bringt kann und hohen Symbolwert besitzt, ist gleichermaßen auch auf die fachliche Kompetenz zu achten. Die Anstellung sollte in erster Linie nach professionellen Kriterien erfolgen und nicht aufgrund ethnischer Zugehörigkeit. Es geht also um die Auswahl geeigneter Fachkräfte (oder entsprechend Qualifizierter) mit Migrationshintergrund und nicht darum, auf jeden Fall Personen mit Migrationshintergrund ins Team zu holen, unabhängig davon, ob sie professionelle Kompetenz mitbringen oder nicht.

Auch bei der Aufgabenverteilung innerhalb des Teams ist darauf zu achten, dass fachliche und nicht ethnische Kriterien den Ausschlag geben. In den meisten Fällen dürfte es langfristig gesehen lohnend sein, darauf zu achten, dass Fachkräfte mit Migrationshintergrund nicht ausschließlich für Migrantenfamilien zuständig sind, sondern auch für einheimische Familien. Ansonsten würde man einerseits dem Prinzip »Integration statt Aussonderung – Generalisierung statt Spezialisierung« zuwider handeln und andererseits den Fachkräften mit Migrationshintergrund ihre fachliche Kompetenz absprechen und sie auf ihre ethnische Herkunft reduzieren. Es gilt also nicht nur im Kontakt mit den Migrantenfamilien, sondern auch innerhalb eines interkulturell zusammengesetzten Teams auf Augenhöhe zu agieren.

Des Weiteren ist zu bedenken, dass die Anstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund nicht automatisch eine Interkulturelle Öffnung der Institution bewirkt. Zwar kommt ihr ein hohes Gewicht zu, doch in erster Linie kommt es darauf an, dass sich alle Fachkräfte mit der Migrationsthematik auseinandersetzen und sich interkulturell weiterqualifizieren. Interkulturelle Öffnung umfasst demnach sowohl Personalentwicklung als auch Mitarbeiterqualifizierung, beides einhergehend mit der Entwicklung einer gleichberechtigten, sich gegenseitig bereichernden interkulturellen Teamstruktur.

Die interkulturelle Kompetenz der Professionellen zeigt sich a) in ihrer Neugier und Offenheit gegenüber dem Unbekannten, b) in ihrer Fähigkeit, sich in ihren bisherigen Überzeugungen irritieren zu lassen und c) in ihrer Bereitschaft, andere Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmuster nicht nur passiv zu tolerieren, sondern sie neben vielen anderen Möglichen als gleichwertig und gesellschaftlich bereichernd anzuerkennen.

Folglich gründet sich die fachliche Expertise der Professionellen nicht auf vermeintlichem Wissen, sondern – wie es im Konzept der Sozialraumorientierung heißt - auf ihrer Fertigkeit des Nicht-Wissens und auf der Anerkennung von Lebensweltexpertise. Sie sind überzeugt davon, dass alle Menschen Experten ihrer jeweiligen Lebenswelt sind. Dieses Prinzip verdient umso stärkere Beachtung, wenn die Familien, mit denen man arbeitet, einen anderen kulturellen Hintergrund haben oder eine andere Bildungsbiographie vorweisen, die ein niedrigeres Bildungsniveau zu signalisieren scheint. Denn dann ist die Gefahr besonders groß, zu meinen, aufgrund der vermeintlich größeren Vertrautheit mit der Mehrheitskultur oder aufgrund der scheinbar höheren Bildung, besser zu wissen, was den Familien gut tut, als die Familien selbst. Dazu kommt, dass viele Adressaten – insbesondere dann, wenn sie eine geringe Bildung haben – ähnliche Erwartungen hegen. So kommt man leicht in Versuchung, das eigene Verständnis von »gut und richtig« zum Ausgangspunkt des Handelns zu machen – eine Falle, der man nur durch konsequentes Festhalten an fachlichen Prinzipien entkommt.

Dem Konzept der Sozialraumorientierung folgend, besteht das oberste Prinzip darin, an den Interessen der Migrantenfamilien anzusetzen. Familienunterstützende Angebote haben vor allem dann eine Chance, erfolgreich zu sein, wenn sie Themen aufgreifen, die die Familien bewegen. Folglich geht es keineswegs darum, jemanden zu etwas zu bewegen, was die Professionellen als pädagogisch wertvoll erachten, sondern darum, von den Eltern zu erfahren, wo sie eigentlich Unterstützung wollen und sie darüber hinaus aktiv in die Ausgestaltung der Unterstützung einzubinden.

Die Aufgabe der Fachkräfte besteht also zunächst einmal darin, gut hinzuhören, was Migranten und Migrantinnen interessiert, und obendrein Settings anzubieten, in denen es Menschen leicht fällt, ihre Interessen zu äußern. So hat sich beispielsweise der alltagsnahe, situativ-flexible Arbeitsansatz von Mutter-Kind-Treffs als äußerst vorteilhaft erwiesen, um herauszufinden, was Mütter bewegt. Unterstützende Beratung erfolgt dann häufig ad hoc und gleichsam nebenbei. Zudem hat sie eher lebenspraktischen Charakter und kommt damit den Bedürfnissen vieler Migrantinnen und Migranten entgegen. In einem derart alltags- und lebensweltnah gestalteten Setting spontan kompetente, fachlich fundierte Beratung anzubieten entspricht in idealer Weise den Prinzipien Sozialraumorientierter Arbeit, verlangt aber auch hohe Professionalität – ein Grund mehr, bei der Einstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund in erster Linie auf deren Qualifikation zu achten und sich nicht auf ihre Herkunft zu fixieren.