Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Seite 5: Motivation

Ein zentrales Ergebnis unserer Studie lautet, dass im Grunde genommen bei der erfolgreichen Arbeit mit Migrantenfamilien keine wesentlichen Unterschiede zur Arbeit mit einheimischen deutschen Familien festzustellen sind. Denn im Kern geht es immer darum, das gut zu machen, was grundsätzlich bei Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit gefragt ist: Menschen persönlich anzusprechen, mit ihren Stärken zu arbeiten und Ressourcen des sozialen Raums zu erschließen und aufzubauen; das Ganze ausgehend von ihren Interessen und angesiedelt in ihrer Lebenswelt (vgl. STRAßBURGER/ AYBEK 2006).

Das Geheimnis erfolgreicher Arbeit liegt nicht etwa in migrantenspezifischen Methoden und Techniken, sondern darin, dass die Professionellen bewährtes Handwerkszeug interkulturell sensibel anwenden. Dabei erweist es sich als hilfreich, migrationsspezifisches Know How zu besitzen. Die Prinzipien der Sozialraumorientierten Arbeit sind die Basis, aus ihnen erwächst die professionelle Grundhaltung, sie bieten das methodische Rüstzeug. Das migrationsspezifische Know How trägt dazu bei, den Horizont der eigenen Wahrnehmung zu erweitern, und dadurch besseren Zugang zur Lebenswelt von Migrantenfamilien zu finden.

Konkret scheint es wichtig – ausgehend von sozialraumorientierten Basisqualifikationen und im Bewusstsein, sich vor klischeehaften Verallgemeinerungen zu hüten –, drei migrationsspezifische Themenfelder theoretisch näher zu beleuchten bzw. praktisch vor Ort zu erkunden:

Migrationsspezifisches Know How

  • Lebenslagen von Migrantenfamilien (u.a. Einkommen, Bildung,Wohnsituation, sozialräumliche Segregation, rechtliche Einschränkungen und andere Ausgrenzungsdimensionen), d.h. die strukturelle Ebene
  • Ressourcen im sozialen Umfeld von Migrantenfamilien, bei den vor Ort ansässigen Migrantenorganisationen und in der ethnisch geprägten Infrastruktur, d.h. die Ebene der sozialen Netzwerke
  • Familienstrukturen, Lebensgeschichten, Diskriminierungserfahrungen und Bewältigungsstrategien, d.h. die individuell-biographische Ebene


Das Gefühl, das viele Migrantenfamilien von klassischen Angeboten abhält, lässt sich folgendermaßen umschreiben: Sie fühlen sich auf fremdem Terrain und können sich nicht sicher sein, was sie erwartet und wer zu ihnen hält. Das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit benutzt für diese Situation ein Bild aus dem Bereich des Sports und spricht von einem Auswärtsspiel, in dem sich Adressaten Sozialer Arbeit häufig wiederfinden. Aufgabe der Fachkräfte ist es daher, Settings zu schaffen, in denen aus dem Auswärtsspiel ein Heimspiel wird. Heimvorteile ergeben sich u.a. durch Beteiligung: beispielsweise dadurch, dass man Familien fragt, wie ein Angebot gestaltet werden soll. Oder durch das Herstellen von Transparenz, etwa indem man erklärt, warum bestimmte Dinge bislang so und so geregelt werden, und gleichzeitig verdeutlicht, dass sich das auch ändern kann.

Heimspiele für Migrantenfamilien zu arrangieren erfordert klare Signale interkultureller Sensibilität und Offenheit, also das Schaffen einer Atmosphäre des Willkommenseins und dezidierte Anerkennung von Vielfalt. Das drückt jenen Respekt aus, den Migrantenfamilien von Seiten der Mehrheitsgesellschaft oft vermissen. Die Wertschätzung unterschiedlicher Sprachen, der konstruktive Umgang mit möglichen Verständigungsschwierigkeiten, deutliche Gesten einer am Individuum interessierten Aufmerksamkeit, … all das kann signalisieren, dass eine Institution interkulturell geöffnet ist und Migrantenfamilien dort willkommen sind.