Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Seite 4: Motivation

Von welcher Kompetenz sprechen wir, wenn wir für »interkulturelle« Kompetenz plädieren? Im Grunde genommen handelt es sich dabei um eine Basiskompetenz Sozialer Arbeit, sprich um die Fähigkeit, angemessen mit Angehörigen anderer Kulturen zu kommunizieren. Das erfordert ein personenorientiertes, flexibles Eingehen auf das jeweilige Gegenüber, eine annehmende und respektierende Haltung sowie eine ausgeprägte Fähigkeit zu sozialer Interaktion. Aber warum sollte das bei Migrantenfamilien schwieriger zu realisieren sein als bei anderen? Nun, eine Besonderheit der interkulturellen Kommunikation liegt darin, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung von Migrantenfamilien durch verallgemeinernde Stereotype erheblich beeinflusst wird. Wie wir am Beispiel der Diskurse über Heiratsmigrantinnen gezeigt haben, ist das Bild, das man sich hierzulande von Migranten und Migrantinnen macht, stark von Täter- und Opferdiskursen (patriarchale Parallelgesellschaft, unterdrückte Frau) geprägt.

Diese Diskurse wiederum bieten scheinbar auch eine Erklärung dafür, dass Migrantenfamilien nur unterdurchschnittlich von freiwilligen, präventiven, unterstützenden Angeboten Sozialer Arbeit Gebrauch machen: Denn angeblich lehnen sie diese Angebote entweder aus eigener Überzeugung ab oder aber sie werden von ihrer Umgebung davon abgehalten, sie wahrzunehmen. Der Schwarze Peter liegt damit klar auf der Seite der Migrantenfamilien und nicht auf der der Sozialen Arbeit.

Interkulturell kompetentes Handeln erfordert daher, genau hinzusehen, welcher Qualität die »Informationen« sind, die in der Öffentlichkeit über Migrantenfamilien kursieren, um sie nicht als entlastende Begründung dafür zu nehmen, dass man mit diesen Familien nicht erfolgreich arbeiten kann, weil sie vermeintlich nicht dazu bereit sind. Ein wichtiger Schritt, den Professionelle in einer interkulturellen Arbeitssituation vornehmen müssen, ist die Dekonstruktion von verallgemeinernden Diskursen. Dies ist besonders wichtig, weil Migranten und Migrantinnen in ihrem Alltag häufig die Erfahrung machen, dass aufgrund der weit verbreiteten Klischees ohnehin jeder davon überzeugt ist, dass er über sie Bescheid weiß. Gerade Kopftuchträgerinnen berichten immer wieder davon, dass sie schnell als unterdrückt und hilflos eingestuft werden. Viele müssen tagtäglich mit solchen und ähnlichen stereotypen Zuschreibungen umgehen und reagieren entsprechend empfindlich, weil sie sich als Subjekt und Individuum verkannt und missachtet fühlen. Umso wichtiger ist die bewusste Distanzierung der Professionellen von solchen Klischees.

»Ressourcenblick statt Defizitblick« lautet die hierzu passende Maxime aus dem Konzept der Sozialraumorientierung. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich unsere Aufmerksamkeit für »Klienten« allzu oft automatisch auf deren Defizite richtet und ihre Stärken vernachlässigt. Daher wird in Trainings zur Sozialraumorientierten Arbeit zunächst der Blick für Stärken geschärft. Entsprechend gilt es bei der Arbeit mit Migrantenfamilien darauf zu achten, dass die Wahrnehmung nicht durch Täter- bzw. Opferdiskurse getrübt wird, sondern frei ist für die Individualität des Gegenübers. Angesichts der Kraft, die diese Diskurse besitzen, gehört es zum Training interkultureller Kompetenz, sich bewusst zu machen, wie sehr man selbst durch solche Diskurse beeinflusst wird und adäquate Gegenstrategien zu entwickeln. Interkulturelles Lernen ist daher immer auch »selbstreflexives Lernen«, das sich gleichsam gegen die eigenen Gewohnheiten und Routinen des Wahrnehmens richtet (vgl. HAMBURGER 2006 u. AUERNHEIMER 2006). Ein Mittel hierzu ist das konsequente Bemühen, a) jeden Menschen als Individuum wahrzunehmen und b) bewusst die Aufmerksamkeit auf solche Aspekte zu lenken, die den üblichen Klischees widersprechen.

Die Beispiele erfolgreicher Ressourcenarbeit mit Migrantenfamilien, die wir im Rahmen unserer Studie entdeckt haben, zeichnen sich oft gerade dadurch aus, dass kultur- und migrationsspezifische Eigenarten, die im öffentlichen Diskurs als unpassend, fremdartig und hinderlich etikettiert werden, erfolgreich als Ressource genutzt werden konnten. Hierzu zählen etwa ein starker familiärer Zusammenhalt (oftmals eindimensional interpretiert als »Druck und Kontrolle«), intensive eigenethnische Netzwerkbeziehungen (sie gelten schnell als »Parallelgesellschaft«) oder die väterliche Sorge um die Zukunft der Söhne (in der Regel betrachtet als »Machismo«).