Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Seite 3: Motivation

Was führt dazu, dass Migrantenfamilien unterstützende Angebote nutzen?

Um unterstützende Angebote so zu gestalten, dass auch Migrantenfamilien sie als attraktiv erachten und nutzen, müssen die genannten Barrieren so weit als möglich beseitigt oder zumindest wahrgenommen und berücksichtigt werden. Das A&O scheint dabei das professionelle Selbstverständnis zu sein und eng damit verbunden die deutlich zum Ausdruck gebrachte interkulturelle Offenheit einer Trägerinstitution.

Ein Bauarbeiter lächelt und schaut in die Kamera

Die verstärkte Ansprache von Migrantenfamilien und das Eingehen auf ihre Lebenssituation, ihre Ressourcen und kulturellen Besonderheiten bedeutet auch eine ziemliche Herausforderung für die Fachkräfte. Darauf müssen sie sich erst einmal einlassen (können). Dazu gehört dezidiert anzuerkennen, dass Migrantenfamilien selbstverständlich zum eigenen Adressatenkreis und Zuständigkeitsbereich gehören. Erst der professionelle, im institutionellen Leitbild verankerte Anspruch, für alle gleichermaßen zugänglich und unterstützend zu sein, motiviert dazu, immer wieder kreativ nach den jeweils angemessenen Zugangsstrategien und methodischen Herangehensweisen zu suchen. Dieser Anspruch muss nicht notwendigerweise in einem formell verabschiedeten Leitbild verankert sein. Viel wichtiger ist ein deutlich spürbarer Geist von Offenheit, der eine Atmosphäre des Willkommen-Seins und der sozialen Wertschätzung erzeugt. Dieser sollte verbunden sein mit einer fortwährenden internen fachlichen Reflexion, die darauf abzielt, Zugangsbarrieren für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu minimieren und die Einhaltung von Qualitätsstandards zu garantieren.

Das Konzept der Interkulturellen Öffnung beinhaltet die Forderung, Migrantenfamilien grundsätzlich als Klientel der Regeleinrichtungen anzusehen und dies in einem Leitbildprozess deutlich zu machen, anstatt – insgeheim oder offen – zu erwarten, dass sich Extra-Einrichtungen um sie kümmern. Analog spricht man im Konzept der Sozialraumorientierung von »Generalisierung statt Spezialisierung« und plädiert dafür, die wohnortnahen Regeleinrichtungen zu stärken, um sie zu befähigen, besser mit Heterogenität umgehen zu können, anstatt Spezialeinrichtungen in Anspruch zu nehmen.

Solange dagegen versäumt wird, die Regeldienste zu stärken, bleibt zu erwarten, dass die dort Tätigen versucht sind, soviel Homogenität wie möglich herzustellen. Nicht etwa, weil sie Vielfalt (Heterogenität, Diversität) an sich ablehnen würden, sondern weil sie davon ausgehen, dass ihnen sonst die Arbeit über den Kopf wächst. So sind Professionelle in einer interkulturellen Arbeitssituation expliziter als sonst gefordert, von ihrem eigenen Bezugssystem Abstand zu nehmen. Sie müssen dazu bereit sein, sich auf »Fremde« einzulassen, Neues zu lernen, sich anders zu orientieren, ihre Arbeit umzustrukturieren und sich damit von Wissens- und Handlungsroutinen des eingespielten Berufsalltags zu lösen. Nur so kann es ihnen gelingen, wie im Konzept der Sozialraumorientierung postuliert, qualitativ hochwertige maßgeschneiderte Unterstützungsangebote zu machen, welche den Interessen, Bedürfnissen und Ressourcen von Migrantenfamilien entsprechen.

Hinter dieser Forderung nach passgenauen Angeboten steht das Postulat der Anerkennung und die Warnung vor der Kolonialisierung von Lebenswelten (vgl. HABERMAS 1981 u. THIERSCH 2005). In Bezug auf Migrantenfamilien impliziert dies nicht nur die Wertschätzung unterschiedlicher Sprachen und Religionen, sondern auch die Anerkennung ihrer jeweiligen Kommunikationsformen, Familienkulturen, Geschlechterrollen und Erziehungsstile, ebenso wie die positive Würdigung ihrer sozialen Netzwerke und der diversen ethnischen Organisationen, von denen sie sich vertreten fühlen (vgl. AUERNHEIMER 2006).

Bei den Mitarbeitenden steht einem ausdrücklichen »Ja zur Vielfalt« jedoch oft die Angst vor der Mehrbelastung entgegen, die sich aus Sprachschwierigkeiten, kulturellen Unterschieden oder spezifischen Empfindlichkeiten von Migranten und Migrantinnen ergeben könnte. Angesichts massiver Personaleinsparungen und Mittelkürzungen erscheinen solche Bedenken durchaus verständlich und sind ernst zu nehmen.

Die Interkulturelle Öffnung der Regeleinrichtungen und –angebote erfordert daher eine bessere Ausstattung mit Ressourcen. »Integration statt Aussonderung - Generalisierung statt Spezialisierung«, diese Maxime aus dem Konzept der Sozialraumorientierung dürfte sich in multikulturellen Sozialräumen nur dann wirklich realisieren lassen, wenn es gelingt, mehr interkulturelle Kompetenz in den Regeleinrichtungen zu lokalisieren. Dazu gehört zum einen die Weiterqualifizierung der Mitarbeiterschaft und zum anderen die Besetzung neuer Stellen mit Professionellen, die interkulturelle Kompetenz mitbringen.