Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Seite 2: Hinderungsgründe

Was hindert viele Migrantenfamilien, unterstützende Angebote zu nutzen?

Letztlich gibt es drei Gründe, die dazu führen, dass Migranten- familien unterstützende Angebote nur unterdurchschnittlich nutzen (vgl. GAITANIDES 2006: 225f u. STRAßBURGER/ AYBEK 2006).

Zentrale Barrieren der Inanspruchnahme:

  • Mangelnde Lebensweltorientierung der Angebote
  • Eingeschränkte Erfahrungen mit Sozialer Arbeit im Herkunftsland
  • Fehlendes Vertrauen in monokulturell erscheinende Angebote

Die erste Barriere besteht darin, dass sich viele Angebote nicht ausreichend an der Lebenswelt ihrer Adressaten orientieren. Häufig geht schon die Konzeption von Angeboten an deren Alltagsrealität vorbei. Wohnortferne, unflexible Öffnungszeiten, Komm-Struktur, eng begrenzte Zuständigkeiten, Teilnahmegebühren etc. sind Faktoren, die insbesondere wirtschaftlich benachteiligte und stark in den Familienalltag eingebundene Bevölkerungsgruppen davon abhalten, Angebote wahrzunehmen. Mittelschichtorientierte Arbeitsansätze wie z.B. themenspezifische Seminare in Kursform oder zu wenig lebenspraktische Unterstützung sind weitere Hemmschwellen, über die keineswegs nur Migrantenfamilien stolpern.

Von den beiden anderen Barrieren sind dagegen speziell Personen mit Migrationshintergrund betroffen, da erstere auf Erfahrungen aus dem Herkunftsland basieren und letztere damit zu tun haben, wie Migranten und Migrantinnen in Deutschland behandelt werden. So bringt etwa die erste Generation bisweilen Erfahrungen aus ihrem Herkunftsland mit, die sie davon abhalten, überhaupt auf die Idee zu kommen, sich professionelle Unterstützung zu holen. Das liegt daran, dass Soziale Arbeit in einigen Herkunftsländern eine andere Funktion hat (zum Beispiel ausschließlich helfend oder kontrollierend tätig wird), so dass es dort kaum präventive und unterstützende Angebote gibt. Diese Barriere sollte man allerdings nicht überbewerten, da viele Migranten und Migrantinnen bereits seit geraumer Zeit in Deutschland leben, so dass die Erfahrungen, die sie hierzulande machen, für die meisten weit bedeutsamer sind als die Erfahrungen aus dem Herkunftsland.

Deutlich schwerer wiegt daher die dritte Barriere. Sie beruht auf fehlendem Vertrauen in die interkulturelle Sensibilität der Fachkräfte bei Angeboten, die auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, monokulturell ausgerichtet zu sein, weil beispielsweise ausschließlich Einheimische dort beschäftigt sind. Angehörige von Migrantenfamilien haben bisweilen wenig Vertrauen in solche Angebote, weil sie wiederholt die Erfahrung gemacht haben, dass diese letztlich nur für Einheimische gedacht und konzipiert sind, so dass Migranten und Migrantinnen dort schnell in die Position von Exoten und Außenseitern geraten.

Solche Erfahrungen können dazu führen, dass sie bei einem Projekt, an dem nur Einheimische mitwirken, daran zweifeln, ob ihnen dort wohl genügend Offenheit und Empathie entgegen gebracht wird. Obendrein liegt die Befürchtung nahe, dort mit dominanten Erwartungen und stereotypen Zuschreibungen konfrontiert zu werden. Das kann beispielsweise die für viele Einheimische selbstverständliche Erwartung sein, dass Treffen gemischtgeschlechtlich abgehalten werden. Wer das nicht mag, wird schnell als übertrieben konservativ, fundamentalistisch oder zumindest unterdrückt angesehen. Auch die Zuschreibung bestimmter kultureller Eigenschaften kann verhindern, dass eine vertrauensvolle Beziehung entsteht. So wird eine Mutter, die in einer Beratungssituation erwähnt, dass sie sich im Moment überfordert fühlt, eine scheinbar mitfühlende Reaktion nach dem Motto »ja, in Ihrem Kulturkreis haben es Frauen wirklich nicht leicht«, wohl kaum als Anreiz empfinden, mehr über ihre aktuelle Gefühlslage zu erzählen. Vielmehr wird sie sich veranlasst sehen, einen Rückzieher zu machen, weil sie merkt, dass nicht auf sie persönlich eingegangen wird.

Das Vertrauen von Migrantenfamilien in die Verständigungs- möglichkeit mit deutschen Fachkräften kann darüber hinaus durch die Befürchtung eingeschränkt sein, sich auf Deutsch nicht angemessen ausdrücken zu können. Diese Unsicherheit kann dazu führen, Beratungsangebote, die stark auf einer sprachlichen Basis beruhen, als wenig hilfreich einzustufen. Ein weiterer Grund, Angebote zu meiden, die eher mono- als interkulturell ausgerichtet wirken, kann auf der Angst beruhen, dass möglicherweise aufenthalts- und arbeitsrechtlich relevante Informationen weitergegeben werden könnten. Gerade wenn jemand bislang wenig Erfahrung mit nicht-kontrollierender Sozialer Arbeit hat, kann sich die Distanz zu deutschen Behörden, die angesichts der mit dem Ausländerstatus verbundenen Unsicherheiten durchaus nachvollziehbar erscheint, auch auf unterstützende Angebote Sozialer Arbeit übertragen.

Wenn man sich diese Barrieren vor Augen hält, liegt die besondere Herausforderung also vor allem darin, Nähe zur Lebenswelt von Migrantenfamilien herzustellen und Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, Vertrauen in die interkulturelle Kompetenz zu vermitteln.