Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit

Theoretische Überlegungen zum Abschluss

Die in dieser Praxishilfe präsentierten Beispiele erfolgreicher Arbeit mit Migrantenfamilien zeigen deutlich, dass die methodischen Prinzipien der Sozialraumorientierung gerade bei dieser Zielgruppe ausgesprochen hilfreich sind. Präventive unterstützende interkulturelle Arbeit gelingt offensichtlich gerade dann, wenn ein konsequent sozialraumorientierter Ansatz praktiziert wird. Daher scheint es uns angebracht, abschließend zu beleuchten, wie die beiden zentralen Konzepte ineinander greifen, die dieser erfolgreichen Arbeit zugrunde liegen.

  • Da ist zum einen das Konzept der »Interkulturellen Öffnung der Sozialen Dienste«, das insbesondere Wolfgang Hinz-Rommel und Stefan Gaitanides vertreten, (25) und
  • zum anderen das Konzept der »Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit«, eng verbunden mit dem Namen Wolfgang Hinte. (26)

Die Forderung nach interkultureller Öffnung zielt darauf ab, gestützt durch den Prozess der Formulierung eines interkulturellen Leitbildes, die Nutzung sozialer Regeldienste für Menschen mit Migrationshintergrund ebenso selbstverständlich und erfolgreich werden zu lassen wie für einheimische Deutsche. Dazu müssen Zugangsbarrieren abgebaut und interkulturelle Kompetenzen verstärkt werden.

Das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit fordert ebenfalls eine Flexibilisierung bisheriger Arbeitsstrukturen, so dass sie den Bedürfnissen der Adressaten besser entsprechen. Sozialraumorientierung setzt zudem auf die Anerkennung und Stärkung individueller Fähigkeiten und auf die Mobilisierung der Ressourcen von sozialen Netzwerken und der wohnortnahen Infrastruktur. Zentral ist das konsequente Ansetzen an den Interessen der jeweiligen Adressaten. In einer durch Migration geprägten Gesellschaft impliziert dies, selbstverständlich auch die vielfältigen Lebenskonzepte von Menschen mit Migrationshintergrund aufzugreifen und die Ressourcen wahrzunehmen, die ethnische Netzwerke und Organisationen zu bieten haben.

Erstaunlicherweise werden die Konzepte Sozialraumorientierung und Interkulturelle Öffnung bislang selten in Zusammenhang gebracht. Doch gerade in Stadtteilen mit hoher ethnischer Vielfalt sind sie in der praktischen Arbeit so eng miteinander verbunden, dass die Diskussion über Sozialraumorientierung nahezu automatisch mit Überlegungen zur Interkulturellen Öffnung einhergehen müsste. Dennoch tauchen Begriffe wie »Migration«, »Interkulturalität« und »Interkulturelle Öffnung« in den einschlägigen Publikationen so gut wie nie auf.

Das wäre allerdings auch nicht weiter erwähnenswert, wenn wir bereits so weit wären, dass sich die Regeldienste der Sozialen Arbeit allgemein interkulturell geöffnet hätten. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Deshalb scheint es uns wichtig, die bisweilen in Vergessenheit geratene Forderung nach Interkultureller Öffnung in die aktuelle Debatte um Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe einzubeziehen. Bislang stehen vor allem Bemühungen, Migrantenfamilien mit unterstützenden Angeboten frühzeitig anzusprechen, noch in den Anfängen.

Das gegenwärtige Angebot von Familienbildungsstätten erreicht nur 5% der Mütter und Väter, darunter fast ausschließlich Eltern, die der Mittelschicht angehören und für Fragen der frühen Bildung und Erziehung bereits aufgeschlossen sind. Dagegen werden Migrantenfamilien mit diesen oft kostenpflichtigen Programmen (z.B. Prager Eltern-Kind- Programm) kaum erreicht (vgl. BMFSFJ 2005:258ff). Angesichts solcher Beobachtungen erscheint es um so erstaunlicher, dass im Kontext der Sozialraumorientierung die spezielle Perspektive der so genannten bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund zwar immer wieder als brisantes Thema benannt wird, empirisch jedoch bislang kaum aufgegriffen wurde (vgl. STRAßBURGER/ BESTMANN 2006).

Wir versuchen mit unserer Studie, diese Lücke zu schließen und möglichst praxisnah zu zeigen, wie konsequente sozialraumorientierte Arbeit gepaart mit interkultureller Kompetenz dazu führt, dass auch Migrantenfamilien profitieren. Zum Abschluss wollen wir nun dezidiert auf einer allgemeineren Ebene diskutieren, wie die Konzepte Interkulturelle Öffnung und Sozialraumorientierung ineinander greifen. Dazu beleuchten wir, warum Standardangebote an den Bedürfnissen von Migrantenfamilien vorbei- und sozialraumorientierte Angebote darauf eingehen. Wir verstehen diese essayistischen Ausführungen nicht zuletzt als Anregung, künftig verstärkt interkulturell bedeutsame Aspekte der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit zu thematisieren und sie in die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Fachkräften zu integrieren.

Was hindert viele Migrantenfamilien, unterstützende Angebote zu nutzen?

Letztlich gibt es drei Gründe, die dazu führen, dass Migranten- familien unterstützende Angebote nur unterdurchschnittlich nutzen (vgl. GAITANIDES 2006: 225f u. STRAßBURGER/ AYBEK 2006).

Zentrale Barrieren der Inanspruchnahme:

  • Mangelnde Lebensweltorientierung der Angebote
  • Eingeschränkte Erfahrungen mit Sozialer Arbeit im Herkunftsland
  • Fehlendes Vertrauen in monokulturell erscheinende Angebote

Die erste Barriere besteht darin, dass sich viele Angebote nicht ausreichend an der Lebenswelt ihrer Adressaten orientieren. Häufig geht schon die Konzeption von Angeboten an deren Alltagsrealität vorbei. Wohnortferne, unflexible Öffnungszeiten, Komm-Struktur, eng begrenzte Zuständigkeiten, Teilnahmegebühren etc. sind Faktoren, die insbesondere wirtschaftlich benachteiligte und stark in den Familienalltag eingebundene Bevölkerungsgruppen davon abhalten, Angebote wahrzunehmen. Mittelschichtorientierte Arbeitsansätze wie z.B. themenspezifische Seminare in Kursform oder zu wenig lebenspraktische Unterstützung sind weitere Hemmschwellen, über die keineswegs nur Migrantenfamilien stolpern.

Von den beiden anderen Barrieren sind dagegen speziell Personen mit Migrationshintergrund betroffen, da erstere auf Erfahrungen aus dem Herkunftsland basieren und letztere damit zu tun haben, wie Migranten und Migrantinnen in Deutschland behandelt werden. So bringt etwa die erste Generation bisweilen Erfahrungen aus ihrem Herkunftsland mit, die sie davon abhalten, überhaupt auf die Idee zu kommen, sich professionelle Unterstützung zu holen. Das liegt daran, dass Soziale Arbeit in einigen Herkunftsländern eine andere Funktion hat (zum Beispiel ausschließlich helfend oder kontrollierend tätig wird), so dass es dort kaum präventive und unterstützende Angebote gibt. Diese Barriere sollte man allerdings nicht überbewerten, da viele Migranten und Migrantinnen bereits seit geraumer Zeit in Deutschland leben, so dass die Erfahrungen, die sie hierzulande machen, für die meisten weit bedeutsamer sind als die Erfahrungen aus dem Herkunftsland.

Deutlich schwerer wiegt daher die dritte Barriere. Sie beruht auf fehlendem Vertrauen in die interkulturelle Sensibilität der Fachkräfte bei Angeboten, die auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, monokulturell ausgerichtet zu sein, weil beispielsweise ausschließlich Einheimische dort beschäftigt sind. Angehörige von Migrantenfamilien haben bisweilen wenig Vertrauen in solche Angebote, weil sie wiederholt die Erfahrung gemacht haben, dass diese letztlich nur für Einheimische gedacht und konzipiert sind, so dass Migranten und Migrantinnen dort schnell in die Position von Exoten und Außenseitern geraten.

Solche Erfahrungen können dazu führen, dass sie bei einem Projekt, an dem nur Einheimische mitwirken, daran zweifeln, ob ihnen dort wohl genügend Offenheit und Empathie entgegen gebracht wird. Obendrein liegt die Befürchtung nahe, dort mit dominanten Erwartungen und stereotypen Zuschreibungen konfrontiert zu werden. Das kann beispielsweise die für viele Einheimische selbstverständliche Erwartung sein, dass Treffen gemischtgeschlechtlich abgehalten werden. Wer das nicht mag, wird schnell als übertrieben konservativ, fundamentalistisch oder zumindest unterdrückt angesehen. Auch die Zuschreibung bestimmter kultureller Eigenschaften kann verhindern, dass eine vertrauensvolle Beziehung entsteht. So wird eine Mutter, die in einer Beratungssituation erwähnt, dass sie sich im Moment überfordert fühlt, eine scheinbar mitfühlende Reaktion nach dem Motto »ja, in Ihrem Kulturkreis haben es Frauen wirklich nicht leicht«, wohl kaum als Anreiz empfinden, mehr über ihre aktuelle Gefühlslage zu erzählen. Vielmehr wird sie sich veranlasst sehen, einen Rückzieher zu machen, weil sie merkt, dass nicht auf sie persönlich eingegangen wird.

Das Vertrauen von Migrantenfamilien in die Verständigungs- möglichkeit mit deutschen Fachkräften kann darüber hinaus durch die Befürchtung eingeschränkt sein, sich auf Deutsch nicht angemessen ausdrücken zu können. Diese Unsicherheit kann dazu führen, Beratungsangebote, die stark auf einer sprachlichen Basis beruhen, als wenig hilfreich einzustufen. Ein weiterer Grund, Angebote zu meiden, die eher mono- als interkulturell ausgerichtet wirken, kann auf der Angst beruhen, dass möglicherweise aufenthalts- und arbeitsrechtlich relevante Informationen weitergegeben werden könnten. Gerade wenn jemand bislang wenig Erfahrung mit nicht-kontrollierender Sozialer Arbeit hat, kann sich die Distanz zu deutschen Behörden, die angesichts der mit dem Ausländerstatus verbundenen Unsicherheiten durchaus nachvollziehbar erscheint, auch auf unterstützende Angebote Sozialer Arbeit übertragen.

Wenn man sich diese Barrieren vor Augen hält, liegt die besondere Herausforderung also vor allem darin, Nähe zur Lebenswelt von Migrantenfamilien herzustellen und Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, Vertrauen in die interkulturelle Kompetenz zu vermitteln.

Was führt dazu, dass Migrantenfamilien unterstützende Angebote nutzen?

Um unterstützende Angebote so zu gestalten, dass auch Migrantenfamilien sie als attraktiv erachten und nutzen, müssen die genannten Barrieren so weit als möglich beseitigt oder zumindest wahrgenommen und berücksichtigt werden. Das A&O scheint dabei das professionelle Selbstverständnis zu sein und eng damit verbunden die deutlich zum Ausdruck gebrachte interkulturelle Offenheit einer Trägerinstitution.

Ein Bauarbeiter lächelt und schaut in die Kamera

Die verstärkte Ansprache von Migrantenfamilien und das Eingehen auf ihre Lebenssituation, ihre Ressourcen und kulturellen Besonderheiten bedeutet auch eine ziemliche Herausforderung für die Fachkräfte. Darauf müssen sie sich erst einmal einlassen (können). Dazu gehört dezidiert anzuerkennen, dass Migrantenfamilien selbstverständlich zum eigenen Adressatenkreis und Zuständigkeitsbereich gehören. Erst der professionelle, im institutionellen Leitbild verankerte Anspruch, für alle gleichermaßen zugänglich und unterstützend zu sein, motiviert dazu, immer wieder kreativ nach den jeweils angemessenen Zugangsstrategien und methodischen Herangehensweisen zu suchen. Dieser Anspruch muss nicht notwendigerweise in einem formell verabschiedeten Leitbild verankert sein. Viel wichtiger ist ein deutlich spürbarer Geist von Offenheit, der eine Atmosphäre des Willkommen-Seins und der sozialen Wertschätzung erzeugt. Dieser sollte verbunden sein mit einer fortwährenden internen fachlichen Reflexion, die darauf abzielt, Zugangsbarrieren für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu minimieren und die Einhaltung von Qualitätsstandards zu garantieren.

Das Konzept der Interkulturellen Öffnung beinhaltet die Forderung, Migrantenfamilien grundsätzlich als Klientel der Regeleinrichtungen anzusehen und dies in einem Leitbildprozess deutlich zu machen, anstatt – insgeheim oder offen – zu erwarten, dass sich Extra-Einrichtungen um sie kümmern. Analog spricht man im Konzept der Sozialraumorientierung von »Generalisierung statt Spezialisierung« und plädiert dafür, die wohnortnahen Regeleinrichtungen zu stärken, um sie zu befähigen, besser mit Heterogenität umgehen zu können, anstatt Spezialeinrichtungen in Anspruch zu nehmen.

Solange dagegen versäumt wird, die Regeldienste zu stärken, bleibt zu erwarten, dass die dort Tätigen versucht sind, soviel Homogenität wie möglich herzustellen. Nicht etwa, weil sie Vielfalt (Heterogenität, Diversität) an sich ablehnen würden, sondern weil sie davon ausgehen, dass ihnen sonst die Arbeit über den Kopf wächst. So sind Professionelle in einer interkulturellen Arbeitssituation expliziter als sonst gefordert, von ihrem eigenen Bezugssystem Abstand zu nehmen. Sie müssen dazu bereit sein, sich auf »Fremde« einzulassen, Neues zu lernen, sich anders zu orientieren, ihre Arbeit umzustrukturieren und sich damit von Wissens- und Handlungsroutinen des eingespielten Berufsalltags zu lösen. Nur so kann es ihnen gelingen, wie im Konzept der Sozialraumorientierung postuliert, qualitativ hochwertige maßgeschneiderte Unterstützungsangebote zu machen, welche den Interessen, Bedürfnissen und Ressourcen von Migrantenfamilien entsprechen.

Hinter dieser Forderung nach passgenauen Angeboten steht das Postulat der Anerkennung und die Warnung vor der Kolonialisierung von Lebenswelten (vgl. HABERMAS 1981 u. THIERSCH 2005). In Bezug auf Migrantenfamilien impliziert dies nicht nur die Wertschätzung unterschiedlicher Sprachen und Religionen, sondern auch die Anerkennung ihrer jeweiligen Kommunikationsformen, Familienkulturen, Geschlechterrollen und Erziehungsstile, ebenso wie die positive Würdigung ihrer sozialen Netzwerke und der diversen ethnischen Organisationen, von denen sie sich vertreten fühlen (vgl. AUERNHEIMER 2006).

Bei den Mitarbeitenden steht einem ausdrücklichen »Ja zur Vielfalt« jedoch oft die Angst vor der Mehrbelastung entgegen, die sich aus Sprachschwierigkeiten, kulturellen Unterschieden oder spezifischen Empfindlichkeiten von Migranten und Migrantinnen ergeben könnte. Angesichts massiver Personaleinsparungen und Mittelkürzungen erscheinen solche Bedenken durchaus verständlich und sind ernst zu nehmen.

Die Interkulturelle Öffnung der Regeleinrichtungen und –angebote erfordert daher eine bessere Ausstattung mit Ressourcen. »Integration statt Aussonderung - Generalisierung statt Spezialisierung«, diese Maxime aus dem Konzept der Sozialraumorientierung dürfte sich in multikulturellen Sozialräumen nur dann wirklich realisieren lassen, wenn es gelingt, mehr interkulturelle Kompetenz in den Regeleinrichtungen zu lokalisieren. Dazu gehört zum einen die Weiterqualifizierung der Mitarbeiterschaft und zum anderen die Besetzung neuer Stellen mit Professionellen, die interkulturelle Kompetenz mitbringen.

Von welcher Kompetenz sprechen wir, wenn wir für »interkulturelle« Kompetenz plädieren? Im Grunde genommen handelt es sich dabei um eine Basiskompetenz Sozialer Arbeit, sprich um die Fähigkeit, angemessen mit Angehörigen anderer Kulturen zu kommunizieren. Das erfordert ein personenorientiertes, flexibles Eingehen auf das jeweilige Gegenüber, eine annehmende und respektierende Haltung sowie eine ausgeprägte Fähigkeit zu sozialer Interaktion. Aber warum sollte das bei Migrantenfamilien schwieriger zu realisieren sein als bei anderen? Nun, eine Besonderheit der interkulturellen Kommunikation liegt darin, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung von Migrantenfamilien durch verallgemeinernde Stereotype erheblich beeinflusst wird. Wie wir am Beispiel der Diskurse über Heiratsmigrantinnen gezeigt haben, ist das Bild, das man sich hierzulande von Migranten und Migrantinnen macht, stark von Täter- und Opferdiskursen (patriarchale Parallelgesellschaft, unterdrückte Frau) geprägt.

Diese Diskurse wiederum bieten scheinbar auch eine Erklärung dafür, dass Migrantenfamilien nur unterdurchschnittlich von freiwilligen, präventiven, unterstützenden Angeboten Sozialer Arbeit Gebrauch machen: Denn angeblich lehnen sie diese Angebote entweder aus eigener Überzeugung ab oder aber sie werden von ihrer Umgebung davon abgehalten, sie wahrzunehmen. Der Schwarze Peter liegt damit klar auf der Seite der Migrantenfamilien und nicht auf der der Sozialen Arbeit.

Interkulturell kompetentes Handeln erfordert daher, genau hinzusehen, welcher Qualität die »Informationen« sind, die in der Öffentlichkeit über Migrantenfamilien kursieren, um sie nicht als entlastende Begründung dafür zu nehmen, dass man mit diesen Familien nicht erfolgreich arbeiten kann, weil sie vermeintlich nicht dazu bereit sind. Ein wichtiger Schritt, den Professionelle in einer interkulturellen Arbeitssituation vornehmen müssen, ist die Dekonstruktion von verallgemeinernden Diskursen. Dies ist besonders wichtig, weil Migranten und Migrantinnen in ihrem Alltag häufig die Erfahrung machen, dass aufgrund der weit verbreiteten Klischees ohnehin jeder davon überzeugt ist, dass er über sie Bescheid weiß. Gerade Kopftuchträgerinnen berichten immer wieder davon, dass sie schnell als unterdrückt und hilflos eingestuft werden. Viele müssen tagtäglich mit solchen und ähnlichen stereotypen Zuschreibungen umgehen und reagieren entsprechend empfindlich, weil sie sich als Subjekt und Individuum verkannt und missachtet fühlen. Umso wichtiger ist die bewusste Distanzierung der Professionellen von solchen Klischees.

»Ressourcenblick statt Defizitblick« lautet die hierzu passende Maxime aus dem Konzept der Sozialraumorientierung. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich unsere Aufmerksamkeit für »Klienten« allzu oft automatisch auf deren Defizite richtet und ihre Stärken vernachlässigt. Daher wird in Trainings zur Sozialraumorientierten Arbeit zunächst der Blick für Stärken geschärft. Entsprechend gilt es bei der Arbeit mit Migrantenfamilien darauf zu achten, dass die Wahrnehmung nicht durch Täter- bzw. Opferdiskurse getrübt wird, sondern frei ist für die Individualität des Gegenübers. Angesichts der Kraft, die diese Diskurse besitzen, gehört es zum Training interkultureller Kompetenz, sich bewusst zu machen, wie sehr man selbst durch solche Diskurse beeinflusst wird und adäquate Gegenstrategien zu entwickeln. Interkulturelles Lernen ist daher immer auch »selbstreflexives Lernen«, das sich gleichsam gegen die eigenen Gewohnheiten und Routinen des Wahrnehmens richtet (vgl. HAMBURGER 2006 u. AUERNHEIMER 2006). Ein Mittel hierzu ist das konsequente Bemühen, a) jeden Menschen als Individuum wahrzunehmen und b) bewusst die Aufmerksamkeit auf solche Aspekte zu lenken, die den üblichen Klischees widersprechen.

Die Beispiele erfolgreicher Ressourcenarbeit mit Migrantenfamilien, die wir im Rahmen unserer Studie entdeckt haben, zeichnen sich oft gerade dadurch aus, dass kultur- und migrationsspezifische Eigenarten, die im öffentlichen Diskurs als unpassend, fremdartig und hinderlich etikettiert werden, erfolgreich als Ressource genutzt werden konnten. Hierzu zählen etwa ein starker familiärer Zusammenhalt (oftmals eindimensional interpretiert als »Druck und Kontrolle«), intensive eigenethnische Netzwerkbeziehungen (sie gelten schnell als »Parallelgesellschaft«) oder die väterliche Sorge um die Zukunft der Söhne (in der Regel betrachtet als »Machismo«).

Ein zentrales Ergebnis unserer Studie lautet, dass im Grunde genommen bei der erfolgreichen Arbeit mit Migrantenfamilien keine wesentlichen Unterschiede zur Arbeit mit einheimischen deutschen Familien festzustellen sind. Denn im Kern geht es immer darum, das gut zu machen, was grundsätzlich bei Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit gefragt ist: Menschen persönlich anzusprechen, mit ihren Stärken zu arbeiten und Ressourcen des sozialen Raums zu erschließen und aufzubauen; das Ganze ausgehend von ihren Interessen und angesiedelt in ihrer Lebenswelt (vgl. STRAßBURGER/ AYBEK 2006).

Das Geheimnis erfolgreicher Arbeit liegt nicht etwa in migrantenspezifischen Methoden und Techniken, sondern darin, dass die Professionellen bewährtes Handwerkszeug interkulturell sensibel anwenden. Dabei erweist es sich als hilfreich, migrationsspezifisches Know How zu besitzen. Die Prinzipien der Sozialraumorientierten Arbeit sind die Basis, aus ihnen erwächst die professionelle Grundhaltung, sie bieten das methodische Rüstzeug. Das migrationsspezifische Know How trägt dazu bei, den Horizont der eigenen Wahrnehmung zu erweitern, und dadurch besseren Zugang zur Lebenswelt von Migrantenfamilien zu finden.

Konkret scheint es wichtig – ausgehend von sozialraumorientierten Basisqualifikationen und im Bewusstsein, sich vor klischeehaften Verallgemeinerungen zu hüten –, drei migrationsspezifische Themenfelder theoretisch näher zu beleuchten bzw. praktisch vor Ort zu erkunden:

Migrationsspezifisches Know How

  • Lebenslagen von Migrantenfamilien (u.a. Einkommen, Bildung,Wohnsituation, sozialräumliche Segregation, rechtliche Einschränkungen und andere Ausgrenzungsdimensionen), d.h. die strukturelle Ebene
  • Ressourcen im sozialen Umfeld von Migrantenfamilien, bei den vor Ort ansässigen Migrantenorganisationen und in der ethnisch geprägten Infrastruktur, d.h. die Ebene der sozialen Netzwerke
  • Familienstrukturen, Lebensgeschichten, Diskriminierungserfahrungen und Bewältigungsstrategien, d.h. die individuell-biographische Ebene


Das Gefühl, das viele Migrantenfamilien von klassischen Angeboten abhält, lässt sich folgendermaßen umschreiben: Sie fühlen sich auf fremdem Terrain und können sich nicht sicher sein, was sie erwartet und wer zu ihnen hält. Das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit benutzt für diese Situation ein Bild aus dem Bereich des Sports und spricht von einem Auswärtsspiel, in dem sich Adressaten Sozialer Arbeit häufig wiederfinden. Aufgabe der Fachkräfte ist es daher, Settings zu schaffen, in denen aus dem Auswärtsspiel ein Heimspiel wird. Heimvorteile ergeben sich u.a. durch Beteiligung: beispielsweise dadurch, dass man Familien fragt, wie ein Angebot gestaltet werden soll. Oder durch das Herstellen von Transparenz, etwa indem man erklärt, warum bestimmte Dinge bislang so und so geregelt werden, und gleichzeitig verdeutlicht, dass sich das auch ändern kann.

Heimspiele für Migrantenfamilien zu arrangieren erfordert klare Signale interkultureller Sensibilität und Offenheit, also das Schaffen einer Atmosphäre des Willkommenseins und dezidierte Anerkennung von Vielfalt. Das drückt jenen Respekt aus, den Migrantenfamilien von Seiten der Mehrheitsgesellschaft oft vermissen. Die Wertschätzung unterschiedlicher Sprachen, der konstruktive Umgang mit möglichen Verständigungsschwierigkeiten, deutliche Gesten einer am Individuum interessierten Aufmerksamkeit, … all das kann signalisieren, dass eine Institution interkulturell geöffnet ist und Migrantenfamilien dort willkommen sind.

 

Besonders offensichtlich wird dies, wenn zumindest ein Teil der Mitarbeitenden einen Migrationshintergrund hat. Sie scheinen bisweilen eine regelrechte Magnetwirkung auszustrahlen. Während einheimische Fachkräfte sich das Vertrauen von Migrantenfamilien erst einmal erarbeiten müssen, genießen Fachkräfte mit Migrationshintergrund meist einen deutlichen Vertrauensvorschuss. Das verschafft ihnen Vorteile bei der Gestaltung eines erfolgreichen Zugangs; und zwar keineswegs nur bei Personen, die keine oder nur geringe Deutschkenntnisse haben. Denn abgesehen von einem rein sprachlichen Verständigungsaspekt sind noch zwei andere Faktoren dafür verantwortlich, dass sie leichter Zugang finden. Zum einen geht es um die Frage »Von wem lasse ich mir (gerne) etwas sagen?« und zum anderen um den Aspekt »Was sagt es für Migrantenfamilien aus, wenn Professionelle mit Migrationshintergrund in einem Projekt tätig sind?« In beiden Fällen geht es um den Ausdruck von Respekt und Gleichwertigkeit sowie um die Anerkennung von Heterogenität.

Wenngleich die Einstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund große Vorteile für den Zugang zu Migrantenfamilien mit sich bringt kann und hohen Symbolwert besitzt, ist gleichermaßen auch auf die fachliche Kompetenz zu achten. Die Anstellung sollte in erster Linie nach professionellen Kriterien erfolgen und nicht aufgrund ethnischer Zugehörigkeit. Es geht also um die Auswahl geeigneter Fachkräfte (oder entsprechend Qualifizierter) mit Migrationshintergrund und nicht darum, auf jeden Fall Personen mit Migrationshintergrund ins Team zu holen, unabhängig davon, ob sie professionelle Kompetenz mitbringen oder nicht.

Auch bei der Aufgabenverteilung innerhalb des Teams ist darauf zu achten, dass fachliche und nicht ethnische Kriterien den Ausschlag geben. In den meisten Fällen dürfte es langfristig gesehen lohnend sein, darauf zu achten, dass Fachkräfte mit Migrationshintergrund nicht ausschließlich für Migrantenfamilien zuständig sind, sondern auch für einheimische Familien. Ansonsten würde man einerseits dem Prinzip »Integration statt Aussonderung – Generalisierung statt Spezialisierung« zuwider handeln und andererseits den Fachkräften mit Migrationshintergrund ihre fachliche Kompetenz absprechen und sie auf ihre ethnische Herkunft reduzieren. Es gilt also nicht nur im Kontakt mit den Migrantenfamilien, sondern auch innerhalb eines interkulturell zusammengesetzten Teams auf Augenhöhe zu agieren.

Des Weiteren ist zu bedenken, dass die Anstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund nicht automatisch eine Interkulturelle Öffnung der Institution bewirkt. Zwar kommt ihr ein hohes Gewicht zu, doch in erster Linie kommt es darauf an, dass sich alle Fachkräfte mit der Migrationsthematik auseinandersetzen und sich interkulturell weiterqualifizieren. Interkulturelle Öffnung umfasst demnach sowohl Personalentwicklung als auch Mitarbeiterqualifizierung, beides einhergehend mit der Entwicklung einer gleichberechtigten, sich gegenseitig bereichernden interkulturellen Teamstruktur.

Die interkulturelle Kompetenz der Professionellen zeigt sich a) in ihrer Neugier und Offenheit gegenüber dem Unbekannten, b) in ihrer Fähigkeit, sich in ihren bisherigen Überzeugungen irritieren zu lassen und c) in ihrer Bereitschaft, andere Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmuster nicht nur passiv zu tolerieren, sondern sie neben vielen anderen Möglichen als gleichwertig und gesellschaftlich bereichernd anzuerkennen.

Folglich gründet sich die fachliche Expertise der Professionellen nicht auf vermeintlichem Wissen, sondern – wie es im Konzept der Sozialraumorientierung heißt - auf ihrer Fertigkeit des Nicht-Wissens und auf der Anerkennung von Lebensweltexpertise. Sie sind überzeugt davon, dass alle Menschen Experten ihrer jeweiligen Lebenswelt sind. Dieses Prinzip verdient umso stärkere Beachtung, wenn die Familien, mit denen man arbeitet, einen anderen kulturellen Hintergrund haben oder eine andere Bildungsbiographie vorweisen, die ein niedrigeres Bildungsniveau zu signalisieren scheint. Denn dann ist die Gefahr besonders groß, zu meinen, aufgrund der vermeintlich größeren Vertrautheit mit der Mehrheitskultur oder aufgrund der scheinbar höheren Bildung, besser zu wissen, was den Familien gut tut, als die Familien selbst. Dazu kommt, dass viele Adressaten – insbesondere dann, wenn sie eine geringe Bildung haben – ähnliche Erwartungen hegen. So kommt man leicht in Versuchung, das eigene Verständnis von »gut und richtig« zum Ausgangspunkt des Handelns zu machen – eine Falle, der man nur durch konsequentes Festhalten an fachlichen Prinzipien entkommt.

Dem Konzept der Sozialraumorientierung folgend, besteht das oberste Prinzip darin, an den Interessen der Migrantenfamilien anzusetzen. Familienunterstützende Angebote haben vor allem dann eine Chance, erfolgreich zu sein, wenn sie Themen aufgreifen, die die Familien bewegen. Folglich geht es keineswegs darum, jemanden zu etwas zu bewegen, was die Professionellen als pädagogisch wertvoll erachten, sondern darum, von den Eltern zu erfahren, wo sie eigentlich Unterstützung wollen und sie darüber hinaus aktiv in die Ausgestaltung der Unterstützung einzubinden.

Die Aufgabe der Fachkräfte besteht also zunächst einmal darin, gut hinzuhören, was Migranten und Migrantinnen interessiert, und obendrein Settings anzubieten, in denen es Menschen leicht fällt, ihre Interessen zu äußern. So hat sich beispielsweise der alltagsnahe, situativ-flexible Arbeitsansatz von Mutter-Kind-Treffs als äußerst vorteilhaft erwiesen, um herauszufinden, was Mütter bewegt. Unterstützende Beratung erfolgt dann häufig ad hoc und gleichsam nebenbei. Zudem hat sie eher lebenspraktischen Charakter und kommt damit den Bedürfnissen vieler Migrantinnen und Migranten entgegen. In einem derart alltags- und lebensweltnah gestalteten Setting spontan kompetente, fachlich fundierte Beratung anzubieten entspricht in idealer Weise den Prinzipien Sozialraumorientierter Arbeit, verlangt aber auch hohe Professionalität – ein Grund mehr, bei der Einstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund in erster Linie auf deren Qualifikation zu achten und sich nicht auf ihre Herkunft zu fixieren.

Diese theoretischen Überlegungen sollten dazu anregen, im Rahmen der fachlichen Auseinandersetzung über Sozialraumorientierung künftig verstärkt auch interkulturell bedeutsame Aspekte zu diskutieren. Gerade im Konzept der Sozialraumorientierung liegt das Potenzial, die Interkulturelle Öffnung der Sozialen Dienste zu forcieren und zu gewährleisten, dass auch Migrantenfamilien selbstverständlich und erfolgreich von unterstützenden Angeboten profitieren.

Im Grunde genommen wäre es gar nicht erforderlich, spezielle Überlegungen bezüglich der Arbeit mit Migrantenfamilien anzustellen, denn letztlich sind Eltern und Kinder mit Migrationshintergrund in erster Linie Eltern und Kinder. Ein konsequent personenorientierter Arbeitsansatz, der an den Interessen von Individuen sowie den Ressourcen ihrer sozialen Netzwerke und ihrer sozialräumlichen Umgebung ansetzt, müsste an und für sich funktionieren, ohne den Migrationshintergrund zu thematisieren, zumal dieser ja auch ein vollkommen irrelevanter Aspekt der Familiengeschichte sein kann.

Dennoch scheint es uns angesichts der Tatsache, dass Migrantenfami-lien freiwillige, unterstützende Angebote bislang nur unterdurchschnittlich nutzen, erforderlich, die Aufmerksamkeit bewusst darauf zu richten,ob die bisherigen Arbeitsansätze Migrantenfamilien ebenso gerecht werden wie einheimischen Familien. Insbesondere gilt es Sensibilität dafür zu entwickeln, wie unsere Gesellschaft mit kultureller Vielfalt umgeht, welche Position sie Migrantenfamilien zuweist und welche problematischen Auswirkungen dies auf die Inanspruchnahme unterstützender Angebote haben kann. Dazu gehören schließlich auch die Reflexion der eigenen Fremdbilder und die deutliche Distanzierung von verallgemeinernden Klischees.

Für erfolgreiche sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit gilt der Leitsatz: Differenzen sollen nicht hervorgehoben werden, aber dort, wo sie bedeutsam sind, sollte man sie auch nicht übergehen. Basierend auf den Prinzipien der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit trägt interkulturelle Kompetenz dazu bei, migrations- und kulturbedingte Spezifika wahrzunehmen und angemessen damit umzugehen. Der Kern erfolgreicher Arbeit mit Familien – sei es nun mit oder ohne Migrationshintergrund – ist immer eine wertschätzende, subjekt- und ressourcenorientierte professionelle Haltung.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

von Gaby Straßburger