Stadtteilmütter

Seite 3: Hausbesuch, Ausblick

Eines der Lieblingsthemen der Stadtteilmutter Frau Ghaban ist »Der Besuch einer Kindertagesstätte.« Sie berichtet von den Vorbehalten der Familien, ihre Kinder in einer Kita anzumelden: »Wenn ich mit ihnen am Anfang darüber spreche, haben sie erst einmal etwas dagegen. ›Warum soll ich meine Kinder dorthin schicken? Ich habe doch genug Zeit, um selber auf sie aufzupassen. Außerdem müssen wir Geld sparen …‹ Das sind die typischen Argumente. Dann sage ich: ›Wo sparst du denn da Geld? Sag doch mal bitte! Das ist doch eigentlich gar nicht so. Wenn du selbst ein Spielzeug kaufst, ist das ganz schön teuer, oder? Aber im Kindergarten kann dein Kind mit ganz vielen verschiedenen Spielzeugen spielen‹.«

Mittlerweile ist Frau Ghaban dabei, unterstrichen von einer lebendigen Gestik, viele Fragen zum heutigen Thema Medienerziehung anzusprechen: Wie lange sollten Kinder maximal vor dem Fernseher sitzen? Welche Sendungen sind gut? Warum schadet zu viel Fernsehen? Dann lässt sie nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Kinder etliche Materialien da.Neben den inhaltlichen Themen bleibt den beiden Frauen auch genug Zeit für Aktuelles und Persönliches. Gerade wenden sie sich dem kleinen Sohn zu, der die beiden Frauen die ganze Zeit über friedlich beobachtet. Frau Ghaban freut sich offensichtlich sehr, das Baby wiederzusehen, redet freundlich mit ihm und küsst ihn. Die Mutter sitzt daneben und lacht stolz. So ergibt sich ein Gespräch über das Baby. Die Mutter macht sich Sorgen, weil es noch keine Zähne hat. Doch da kann die Stadtteilmutter sie beruhigen. Das wäre in dem Alter noch ganz normal.

Dann ist die Stunde für heute um, die Zeit ist mal wieder sehr schnell vergangen. Frau Lubnani begleitet ihre Stadtteilmutter zur Tür. Dort gibt es eine herzliche Verabschiedung mit den unter arabischen Freundinnen üblichen Küsschen.

Auch nach dem zehnten Treffen wird die Unterstützung für Familie Lubnani nicht unbedingt abrupt abbrechen. Oft vermittelt Frau Ghaban die von ihr betreuten Mütter zu anderen sozialen Angeboten weiter und erleichtert ihnen dort den Zugang. So gibt es z.B. eine neu aufgebaute offene Donnerstagsgruppe im Interkulturellen Elternzentrum. Dorthin sind Stadtteilmütter und besuchte Mütter gleichermaßen eingeladen. Die Frauen können gemeinsam kochen, spielen oder über alles Mögliche diskutieren. So ging es beispielsweise bislang um so bunte Themen wie Bundestagswahlen, Hitler und Nationalsozialismus, Schadstoffe im Gemüse u.v.a.m. Vielleicht kommt aber für Frau Lubnani auch ein Deutschkurs infrage oder eine Elternschule in ihrer Muttersprache. Dies wird sie sich im Laufe der nächsten Wochen gemeinsam mit ihrer Stadtteilmutter überlegen.

Der Ausblick

Ein Baby gähnt

Das Projekt Stadtteilmütter hat sich im Quartiersmanagementgebiet Schillerpromenade sehr bewährt. Der Zugang zu interessierten Müttern mit Migrationshintergrund ist kein Problem, weil es keine Sprach- oder Kulturhürden zu überwinden gibt. Die Akzeptanz von Veränderungsvorschlägen ist groß, weil man sich von einer Stadtteilmutter, die die Lebenssituation mit einem teilt, lieber etwas sagen lässt als von Außenstehenden.

Nachdem sich das Projekt herumgesprochen hatte und von Frau zu Frau weiterempfohlen wurde, war der Andrang von Müttern, die eine »Stadtteilmutter« zu sich einladen wollten, von den bis zu diesem Zeitpunkt zwanzig qualifizierten Stadtteilmüttern gar nicht mehr zu bewältigen. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky bezeichnete das Projekt als das erfolgreichste, das er in Berlin zum Thema Integration kennt.

Da die oben geschilderten Bedarfslagen nicht nur in der Schillerpromenade zu finden sind, wurde mittlerweile beschlossen, das Projekt auf alle neun Quartiersmanagementgebiete mit ca. 200 Stadtteilmüttern auszuweiten. Kooperationspartner der Umsetzung und Finanzierung sind die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, das Bezirksamt Neukölln, das Jobcenter, der Beschäftigungsträger Wille e.V. und das Diakonische Werk.