Stadtteilmütter

Seite 2: Doppelter Ansatz, Hausbesuch

Neben diesem Anspruch niedrigschwelliger Informationsvermittlung verfolgt das Projekt auch das Ziel, interessierte Migrantinnen weiterzubilden und ihnen dadurch den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Viele Stadtteilmütter sind als Heiratsmigrantinnen nach Deutschland gekommen, andere sind hier aufgewachsen. Vor dem Projekt waren sie alle arbeitslos. Durch die Ausbildung zu semiprofessionellen Helferinnen haben sie eine gewisse berufliche Qualifikation und damit den Zugang zu einer entlohnten Beschäftigung erhalten. Auch ihre eigenen Erziehungskompetenzen sind deutlich gewachsen. Ihre neue Aufgabe und die Vorbildfunktion, die sie nun für andere Mütter im Stadtteil haben, stärken ihr Selbstbewusstsein, was sich wiederum positiv auf ihr Familienleben auswirkt.

Eine Stadtteilmutter erzählt: »Es stimmt wirklich, meine Persönlichkeit hat sich verändert. Ich habe viel mehr Selbstbewusstsein und kann auf andere Menschen besser zugehen und Kontakte finden.«

Eine zweite ergänzt: »Ich habe mich bei den Stadtteilmüttern weiter qualifiziert. Selbst wenn es keine großartige nachweisbare Qualifikation ist, habe ich trotzdem für die Erziehung meiner eigenen Kinder viel dazugelernt und kann das auch an andere Mütter weiterleiten.«

Die Projektleiterin bestätigt das: »Die Stadtteilmütter haben, als Frauen und als Mütter, eine sehr positive Entwicklung durchgemacht. Sie haben für ihr Erziehungsverhalten viel dazugelernt, sie sind alle viel selbstständiger und offener geworden. Sie sind in dieser Gesellschaft wirklich angekommen. Sie werden von ihren Männern bewundert, weil sie etwas geschafft haben, das von Frauen nicht erwartet wurde.«

Ein Hausbesuch (20)

Ein Mädchen im Kindergartenalter lächelt und schaut in die Kamera

Um 11 Uhr morgens klingelt die Stadtteilmutter Frau Ghaban an einer Tür im dritten Stock eines Neuköllner Mietshauses. Sie ist Mitte vierzig, im Libanon geboren und war vor der Ausbildung zur Stadtteilmutter arbeitslos. Mittlerweile arbeitet sie schon fast ein halbes Jahr erfolgreich und sehr engagiert als Stadtteilmutter.

Heute besucht sie wieder einmal Frau Lubnani, eine Mutter aus dem Stadtteil. Den Kontakt zu ihr hat sie leicht gefunden, da es sich um eine Nachbarin handelt, die ebenfalls Libanesin ist – die beiden Frauen kannten sich bereits. Dies ist ein typischer Zugang zu Müttern innerhalb des Projektes: Um die Zielgruppe zu erreichen, nutzen die Stadtteilmütter die informellen Netze ihres eigenen Bekannten- und Freundeskreises. Darüber hinaus suchen sie auch an anderen Orten, wo sich Mütter typischerweise aufhalten, z.B. in der Kita oder auf Trödelmärkten nach Frauen, die Interesse haben könnten, sich »in Sachen Familie« zu informieren, auch wenn sie von alleine nie eine Beratungsstelle aufsuchen würden.

Frau Lubnani fand es zum Beispiel sehr interessant, zu erfahren, dass ihre Kinder das Recht auf die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Da sie nur gebrochen Deutsch spricht und fast ausschließlich Kontakt zu anderen arabischen Frauen hat, hätte sie ohne ihre Stadtteilmutter womöglich erst Jahre später davon erfahren.

Als die etwa zehn Jahre jüngere Frau Lubnani die Tür öffnet, hat sie ein Baby auf dem Arm, ihr siebtes Kind. Freundlich begrüßt sie ihre Stadtteilmutter und bittet sie mit einer einladenden Geste herein. Man merkt gleich: Die besuchte Mutter fühlt sich als Gastgeberin, nicht als Klientin oder gar als Kontrollierte. Sie führt Frau Ghaban ins gemütlich eingerichtete Wohnzimmer und bittet sie, Platz zu nehmen.

Die Stadtteilmutter legt ihre Tasche auf den Tisch: Infozettel und Flyer auf Deutsch und Arabisch quellen heraus. Darin viele Tipps zu Themen wie Erziehung, gesunde Ernährung, sexuelle Aufklärung, Suchtprävention, eine Broschüre zum deutschen Schulsystem, Hinweise zur Verhütung von Unfällen bei Kindern, eine Liste aller Kindertagesstätten und anderer wichtiger Adressen für Familien. Frau Ghaban zeigt einen speziellen Flyer: »Ein Netz für Kinder – Surfen ohne Risiko.« »Der ist richtig gut«, kommentiert die Stadtteilmutter ihn und greift das Heft über Medienerziehung heraus, denn das ist das heutige Thema.

Insgesamt wird sie Frau Lubnani zehnmal besuchen, und jedes Mal steht ein anderes Thema im Fokus. Nach und nach geht es um alle möglichen Informationen aus den Bereichen Erziehung, Bildung, Gesundheit, Einwanderung, Sprache, Arbeit, Recht usw. Auch die Frage, wie man Kinder und Jugendliche gezielt fördern kann, gehört zum Programm. In welcher Reihenfolge die beiden sich über die verschiedenen Themen unterhalten, bestimmt Frau Lubnani. Je nachdem, was sie als Nächstes interessiert, das nehmen sie sich vor. Interessanterweise entscheiden sich viele der besuchten Mütter zuerst einmal für die Themen sexuelle Aufklärung, zweisprachige Erziehung und das deutsche Schulsystem, so die Leiterin des Projektes. »Das sind für viele die Highlights.«

Damit die Stadtteilmütter kompetente Ansprechpartnerinnen für diese Themen werden, durchlaufen sie eine mindestens sechsmonatige Ausbildung inklusive Praktikum. Dabei werden ihnen aktuelle Fakten und pädagogische Erkenntnisse zu den einzelnen Themen vermittelt. Zudem werden sie in Grundlagen der Erwachsenenbildung eingeführt und erfahren, wie sie ihr Wissen am besten weitergeben können. Hierzu gehört auch ein Training in Gesprächsführung.

Die meisten haben ihre Ausbildung in ihrer Muttersprache erhalten. Das macht insofern Sinn, als sie ihre Tätigkeit als Stadtteilmutter ebenfalls in ihrer Herkunftssprache ausüben sollen. Außerdem konnten so auch Frauen an der Ausbildung teilnehmen, die erst im Erwachsenenalter nach Deutschland kamen (wie z.B. viele Heiratsmigrantinnen) und noch nicht so gut Deutsch verstehen.