Mutter-Kind-Treff Shehrazad

Seite 2: Mutter-Kind-Treff Shehrazad

Ein Tag im Shehrazad

Betritt man kurz vor zwölf das Shehrazad in der Roseggerstraße Nr. 9, ein Eckladen im Erdgeschoss, taucht man in eine geschäftige und lockere Atmosphäre ein: Der Deutschkurs der Volkshochschule, der vormittags in den Räumen des Shehrazad stattfindet, ist gerade beendet, und einige Frauen nehmen gleich an einem der Tische im Caféraum Platz. Zwei Mitarbeiterinnen des Shehrazad begrüßen die Frauen, teilweise mit Küsschen rechts, Küsschen links, und werden sogleich in Gespräche verwickelt. Die Themen variieren dabei von Lob über einen besonderen Sari bis zu echter Beratung. So hat beispielsweise eine Frau Probleme mit dem Krankenhaus: Nach der Schwangerschaft erhielt sie keinen Nachweis über ihre dortige Entbindung, weswegen die Krankenkasse die Kosten nicht übernehmen will.

Eine Mitarbeiterin nimmt sich sofort der Sache an. Die knapp Dreißigjährige ist türkischer Herkunft, aber in Deutschland geboren und zur Schule gegangen. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften fing sie an, im Shehrazad zu arbeiten. Sie kennt sich mit dem deutschen System sehr gut aus und, weil die Frauen das wissen, gilt sie bei schwierigen Fragen oft als direkte Ansprechpartnerin. Ihre Herangehensweise ist prompt und unbürokratisch. Das gilt auch für die anderen Mitarbeiterinnen. Wenn beispielsweise die Rat suchenden Frauen nicht wissen, wer bei bestimmten Sachverhalten der zuständige Sachbearbeiter oder Ansprechpartner ist, nutzen die Mitarbeiterinnen ihre vielfältigen Kontakte zu anderen Institutionen und rufen jemand an, der wissen könnte, wer weiterhelfen kann.

Auch in diesem Fall führt die Mitarbeiterin gemeinsam mit der Frau im Caféraum mehrere Telefonate, um Abhilfe zu schaffen. Eine andere Frau sitzt derweil mit einer Menge Fragen vor den vielen Seiten des Erziehungsgeldantrags. Eine weitere Mitarbeiterin und eine Mutter, die gerade selbst einen Antrag gestellt hat, helfen ihr bereitwillig.

Ansonsten ist im Shehrazad mittlerweile Ruhe eingekehrt, es bleiben zunächst nur vier Frauen mit ihren Kindern da. Diese vier sind konservativ-muslimisch und »gehen bedeckt.« Zwei sind aus dem Iran, zwei aus dem Libanon. Jede hat mehrere Kinder, die vertraut im Shehrazad herumwuseln. Die Mütter sitzen in der orientalischen Sofaecke und klären mit einer Mitarbeiterin die letzen Fragen aus dem Deutschkurs. Dann unterhalten sie sich über Wohnungssuche – drei von ihnen wollen wegen Familienzuwachs umziehen. Diese vier Frauen gehören zur Kerngruppe, sie kommen schon seit über einem Jahr fast jeden Tag. Das Shehrazad ist ihnen und ihren Kindern ein zweites Zuhause geworden.

Eine Mitarbeiterin hat das Baby einer der Frauen auf dem Schoß und beteiligt sich am Gespräch. Zu ihr haben diese Frauen einen besonderen Draht: zum einen deswegen, weil sie als einzige Mitarbeiterin auch kurdisch und arabisch spricht, zum anderen wegen ihrer eigenen Geschichte: Geboren ist die Mittvierzigerin im Irak, erst mit knapp dreißig Jahren kam sie nach Deutschland. Sie hat eine handfeste Ausbildung als Kosmetikerin und Friseurin, was ihr die Möglichkeit eines anderen, schon von sich aus lebensweltnäheren Zugangs zu den Frauen bietet.

Genauso häufig wie diese Kerngruppe konservativ-muslimischer Frauen kommt eine weitere Frau ins Shehrazad. Sie ist Albanerin, stammt aus dem Kosovo und hat drei Kinder. Als sie heute mit ihnen hereinkommt, wird ihre vierjährige Tochter mit einem lauten Schrei und einer stürmischen Umarmung von einer kurdischen Dreijährigen begrüßt und ins Spielzimmer entführt. Sie selbst setzt sich zu einer der Mitarbeiterinnen und zu zwei mittlerweile dazu gekommenen türkischen Frauen an den Tisch. Hier wird mit den Kindern gepuzzelt und nebenbei gemütlich gequatscht. Eine junge Türkin hat erst ein Kind und berichtet von Problemen beim Abstillen. Im Gespräch sind alle mit einem Rat dabei: Eine rät, dass sie sich Essig an die Brust schmieren sollte, damit das Kind nicht mehr trinken wolle. Die Nächste erzählt, dass sie sich Ketchup an die Brustwarze strich und dem Kind gegenüber so tat, als ob sie blute. Daraufhin wollte das Kind nicht mehr trinken. Das wiederum findet die junge türkische Mutter gemein. Sie fragt nach hilfreichen Medikamenten. Es entwickelt sich eine Diskussion über verschiedene schulmedizinische und homöopathische Präparate.

Da kommt die dritte Mitarbeiterin zur Tür herein. Lachend und mit einem Spruch auf den Lippen begrüßt sie die anwesenden Mütter, Kinder und Kolleginnen. Dann ergreift sie wie so oft die Initiative und fragt, wie es denn mit dem für heute geplanten Kochen aussehe. Nach einem kurzen Austausch ist entschieden, was gekocht wird: das Falafelrezept einer der Frauen aus dem Libanon. Zwei Frauen gehen gemeinsam zum türkischen Laden an der Ecke einkaufen, und bald sind alle dabei, das Essen zuzubereiten: In der Küche wird geschnippelt, geknetet und gebraten, im Caféraum wird der Tisch gedeckt. Dabei wird viel geredet, übers Kochen und andere Themen, auch viel Lachen ist zu hören. Während das Essen zubereitet wird, kommen noch zwei arabische Frauen dazu. Die beiden Freundinnen schauen ein- bis zweimal in der Woche im Shehrazad vorbei. Sie sind modern gekleidet und machen nach einer allgemeinen Begrüßung arabische Popmusik im Caféraum an. Während sie darauf warten, dass das Essen fertig wird, tanzen sie gemeinsam mit ein paar Kindern. Die Mitarbeiterin ist begeistert und ermuntert die Frauen durch Klatschen.

Schließlich ist das Essen fertig, alle sind am Tisch versammelt, und es wird gemeinsam mit den Kindern gemütlich gegessen. Freundschaftlich reichen die Frauen einander Schüsseln und Teller. Während der Unterhaltung am Esstisch wird die wichtige Position einer der Mitarbeiterinnen deutlich. Als Kommunikationsmittel am Tisch dient die deutsche Sprache, da die Frauen im Deutschlernen unterstützt werden sollen und sich so alle an der Unterhaltung beteiligen können. Bei schwierigen Wörtern jedoch, die auch durch Mimik und Gestik kaum transportierbar sind, ist es erleichternd, dass eine Mitarbeiterin im Notfall übersetzen kann.

Da eine der Frauen nicht mitisst, weil sie ihr Übergewicht in den Griff kriegen will, wird längere Zeit über das Thema Diäten und Ernährung geredet. Viele Frauen erzählen von ihren Erfahrungen, was half und was eher nicht. Ein weiteres Gesprächsthema ergibt sich, als eine Mitarbeiterin allen ihr neuestes Schnäppchen zeigt: eine silberne Uhr vom Trödel. Sogleich entspinnt sich eine Unterhaltung über kostengünstige Einkaufsmöglichkeiten, jede ist interessiert und hat etwas dazu beizutragen.