Mutter-Kind-Treff Shehrazad

Seite 3: Mutter-Kind-Treff Shehrazad
Fünf Mädchen stehen vor einer Wand, die mit Grafitti bemalt ist

Die meisten Kinder ziehen sich nach und nach vom Tisch zurück, spielen und zeichnen im Spielzimmer oder fahren mit Bobbycars durchs Shehrazad. Einige der ganz Kleinen werden zum Schlafen mit ihrem Kinderwagen ins Büro geschoben. Mittlerweile haben sich auch einige Kinder im Grundschulalter eingefunden, teilweise wurden sie kurz von ihren Müttern abgeholt, teilweise kommen sie wie selbstverständlich nach der Schule ins Shehrazad, als sei es ihr Zuhause.

Die Runde am Tisch hat sich ein wenig gelockert. Die Frauen bewegen sich völlig frei und selbstverständlich – nicht wie Besucherinnen, sondern wie Gastgeberinnen. Sie übernehmen gemeinsam die Verantwortung fürs Abräumen des Tisches und Aufräumen der Küche. Danach sitzen sie je nach Situation wieder in verschiedenen Gesprächgruppen, teilweise auch nach Sprachgruppen getrennt, in unterschiedlichen Ecken des Caféraums.

Die Mitarbeiterinnen mischen sich unter die Frauen und beteiligen sich an den Gesprächen, strukturieren diese jedoch nur, wenn es nötig ist, weil z.B. eine Frau eine offensichtlich intolerante Haltung einer anderen gegenüber einnimmt. Die Atmosphäre ist sehr locker, vertraut und familiär. Man hört die Frauen über die Erlebnisse und Befindlichkeiten der letzten Tage plaudern und sich über Anziehsachen unterhalten. Andere sprechen über ihre Bedenken und Ideen zu Ausflügen, die die Shehrazad-Frauen gemeinsam planen. Bisweilen kann man auch Diskussionen über Kopftücher, Verhütung und Politik verfolgen.

Ein immer wieder dominierendes Gesprächsthema sind die Kinder. Alle Mitarbeiterinnen sind den Kindern gegenüber sehr herzlich, nehmen sie immer wieder auf den Arm, drücken sie und albern mit ihnen herum. Die Mütter wirken dann sehr stolz und tauschen sich über alle möglichen Kinderthemen, wie Entwicklungsstand, Informationen über Kitas u.v.a.m. aus. Eine Mitarbeiterin hat ein Kind auf dem Schoß und macht unter viel Lachen gemeinsam mit der Mutter Sprachübungen: Zum Ärger aller gelingt dem Töchterchen das »Ba-ba« besser als das »Ma-ma.«

Eine Frau hat für die Schulkinder in der Küche Reste des Mittagessens aufgewärmt, eine andere kocht unterdessen Tee im Samowar und bringt für alle ein Teeglas herein. Als der Sohn einer der arabischen Frauen über längere Zeit hinweg ein anderes Kind ärgert, fängt seine Mutter ausbruchsartig an, ihn anzuschreien. Für einen Moment scheint er darüber erschrocken zu sein, drei Minuten später beißt er jedoch erneut das andere Kind. Nachdem sich das ein paar Mal wiederholt hat, beginnt eine Mitarbeiterin, die Mutter zu unterstützen. Sie interveniert aber erst, als deutlich ist, dass die Mutter offensichtlich überfordert ist. Locker macht sie ihr vor, wie sie mit dem Sohn umgehen würde: Sie erklärt ihm, warum er nicht beißen soll, und sucht ihm ein Buch, um ihn vor nervtötender Langeweile zu bewahren. Außerdem fragt sie die Mutter, wie sich ihr Sohn ansonsten benimmt, wie seine Position in der Familie ist usw. So entspinnt sich ein unkompliziertes Gespräch über Erziehungsmuster.

Kurze Zeit später kommt eine junge Türkin, die sofort das Gespräch mit einer Mitarbeiterin sucht. Es geht um ihre Heirat, die bereits kurz bevorsteht, obwohl sie sich noch gar nicht sicher ist, ob sie heiraten will. Hier wird deutlich, dass die Mitarbeiterin viel Lebens- und Beratungserfahrung mitbringt: Sie ist knapp fünfzig und stammt aus relativ traditionellen Verhältnissen in der Türkei. Mit zwölf kam sie nach Deutschland und zog später gegen den Willen der Eltern von zu Hause aus, um einen Beruf zu erlernen. Zweimal hat sie schon geheiratet und sich wieder getrennt. Erst mit 27 Jahren machte sie ihren Hauptschulabschluss nach. Mittlerweile hat sie auf dem zweiten Bildungsweg das Studium der Heilpädagogik absolviert und seitdem in mehreren sozialen Einrichtungen gearbeitet, dabei auch immer wieder mit muslimischen Frauen. Sie ermutigt die Ratsuchende, die ihren Zukünftigen ganz offensichtlich nicht aus Liebe heiratet, zunächst einmal die Verlobungszeit um ein Jahr zu verlängern und damit die Hochzeit aufzuschieben. Das scheint ihr für die junge Frau leichter umzusetzen zu sein, als die Hochzeit schon jetzt komplett abzusagen.

So vergehen die Stunden im Shehrazad. Eine weitere Frau – eine Ägypterin – kommt mit ihren zwei Kindern dazu, zwei andere Frauen haben sich verabschiedet, zwei weitere gehen für ein Stündchen einkaufen und kommen dann zurück. Die älteren Kinder können sie solange beruhigt im Shehrazad lassen.

Einige jüngere Frauen sitzen in einer Ecke und amüsieren sich über lustige türkische Sprüche, welche eine von ihnen aus dem Internet auf ihr Handy geladen hat. Eine Mitarbeiterin übersetzt: Es handelt sich um einen Dialog, in dem ein Mann sehr vulgär mit einer Frau redet, trotzdem aber stets die Respektbezeichnung »abla« (große Schwester) anfügt, was im Kontrast sehr lustig wirkt.

Eine andere Mitarbeiterin ist mittlerweile mit einer schwangeren Frau im Büro verschwunden: Dort suchen sie gemeinsam aus der Berliner Hebammenliste eine den Wünschen der Frau entsprechende Hebamme heraus und führen auch gleich ein paar Telefonate.

Am späten Nachmittag schauen zwei Türkinnen, die noch nie da waren, unsicher zur Tür herein. Sofort geht eine Mitarbeiterin auf sie zu und bittet sie herein. Sie bietet ihnen Tee aus dem Samowar an und nimmt sich Zeit für ein längeres Gespräch in der orientalischen Sofaecke. Ob die Frauen fortan häufiger kommen, ist unklar, denn manche Frauen aus dem Kiez nutzen das Angebot des Shehrazad auch für einmalige Anliegen oder Beratungsbedarfe.

Als es kurz vor sechs ist, werden auch die Kinder in die Verantwortung genommen: Sie werden zum Aufräumen des Spielzimmers angehalten. Nach erledigter Arbeit erhalten sie viel Lob und einen Keks.

Der Ehemann einer der konservativ-muslimischen Frauen ist erschienen, um seine Familie abzuholen. Er kommt kurz herein, bleibt aber mit Res-pekt im Eingangsbereich stehen, da Männer im Shehrazad nicht ohne weiteres Zugang haben. Eine Mitarbeiterin geht auf ihn zu, begrüßt ihn freundlich und führt ein wenig Smalltalk mit ihm. Eine Kurdin redet, auch im Interesse ihrer Tochter, solange auf die albanische Mutter ein, sie möge sie mit ihren Kindern noch auf den Spielplatz begleiten, bis diese lachend einwilligt. Auch die anderen Frauen machen sich fertig und verabschieden sich herzlich voneinander. Als die Frauen das Shehrazad verlassen, winken einige Kinder zum Abschied. Offensichtlich trennen sie sich nur ungern von den anderen Kindern und den Spielmöglichkeiten. Ein »Bis morgen!« scheint Kinder und Frauen gleichermaßen zu trösten.