Exkurs: Heiratsmigrantinnen

Seite 5: Projekte

Antworten der Sozialen Arbeit – Projekte mit und für Heiratsmigrantinnen

Wir möchten nun zeigen, wie Soziale Arbeit auf die spezielle Situation der Heiratsmigrantinnen reagieren kann. Hierzu gehen wir exemplarisch auf die Vorgehensweise von zwei Projekten ein, die uns nicht nur im Rahmen mehrerer Interviews Einblick in ihre Arbeit gewährt haben, sondern in denen wir auch die Möglichkeit hatten, teilnehmende Beobachtungen durchzuführen: das Projekt Stadtteilmütter und das Projekt Shehrazad (vgl. WITT 2006 und STRAßBURGER / BESTMANN 2006).

Shehrazad ähnelt in vielerlei Hinsicht anderen Treffangeboten wie z.B. Frühstücktreffs für Migrantinnen, die man in zahlreichen Projekten der Stadtteilarbeit und der sonstigen Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit findet. Auch daran nehmen unserer Beobachtung nach schwerpunktmäßig Heiratsmigrantinnen teil, so dass wir davon ausgehen, dass vieles, was wir hier am Beispiel von Shehrazad diskutieren, auch für andere Projekte Gültigkeit hat. Eine Besonderheit von Shehrazad ist allerdings, dass es erfolgreich interkulturell ausgerichtet ist, was sich in der Teamzusammensetzung und folglich auch bei den Nutzerinnen widerspiegelt.

Das offene Angebot des interkulturellen Mutter-Kind-Treffs Shehrazad wird keineswegs ausschließlich von Heiratsmigrantinnen genutzt. Jedoch sind alle Frauen, die man als »Stammclique« bezeichnen könnte, weil sie den Treff mit sehr hoher Frequenz aufsuchen, Heiratsmigrantinnen. Hier wird die Vermutung bestätigt, dass diese Frauen, die noch über keine differenzierten sozialen Netzwerke verfügen und aufgrund kultureller Barrieren kaum außerfamiliäre Kontakte haben, solche Angebote sehr gerne und intensiv nutzen. In vielen Interviews mit den Nutzerinnen des Treffs wurde deutlich, dass die Frauen unter der migrationsbedingten Isolation bzw. Beschränkung auf die Familie leiden und sich sehr freuen, neue Kontakte knüpfen zu können:

»Zuhause bin ich alleine, ich habe hier in Deutschland keine Freunde, ich bin ja auch erst seit fünf Jahren hier. Ich habe auch keine Kontakte zu Nachbarn. Aber hier im Shehrazad sind viele Frauen. Ich kann herkommen, wann ich will, kann über alles Mögliche reden und einfach mit anderen zusammen sein. Das ist besser für mich und für meine Kinder.«

Auch die Angehörigen ihrer Schwiegerfamilien, und besonders die Ehemänner, begrüßen die Aktivität der Frauen in diesem Projekt. Sie fühlen sich nach Aussage der befragten Frauen dafür verantwortlich, ihrer Ehefrau hier ein glückliches Leben zu bieten. Das bedeutet unter anderem, zu verhindern, dass sie den ganzen Tag isoliert zu Hause sitzt – von Heimweh geplagt oder durch die neue Rolle in dem fremden Land verunsichert. Die Männer wünschen sich genauso wie ihre Frauen, dass diese sich weiterentwickeln, Deutsch lernen, sich über Erziehungsfragen informieren und sinnvollen Freizeitaktivitäten nachgehen. Eine Heiratsmigrantin, die oft im Shehrazad ist, erzählt:

»Mein Mann findet es sehr gut, dass ich hierher komme. Bevor ich ins Shehrazad gekommen bin, saß ich immer nur alleine zu Hause. Jeden Tag. Jahrelang. Das war sehr langweilig. Ich kannte ja fast niemanden. Wo hätte ich denn hingehen sollen? Jedenfalls sagt mein Mann immer, dass das Shehrazad für mich gebaut wurde. Wenn ich nach Hause komme, habe ich jetzt immer etwas Neues zu erzählen.«

Aus dieser Aussage wird deutlich, dass sie stolz darauf ist, wenn sie ihrem Mann zu Hause etwas Neues berichten kann und nicht immer diejenige ist, die von ihm etwas erklärt oder gezeigt bekommt.

Um den Zugang zu Heiratsmigrantinnen zu finden und das Angebot so auszugestalten, dass sie es wahrnehmen wollen und können, müssen bestimmte Vorraussetzungen erfüllt sein. Im Shehrazad ist zu beobachten, dass sich das Projekt in vielerlei Hinsicht an der Lebenssituation der Frauen orientiert. Das beginnt bereits bei der Ansprache. Wissend, dass die Frauen mit dem hiesigen sozialen System kaum vertraut sind und dass sie als Neuzuwanderinnen tendenziell eher vorsichtig, ängstlich oder misstrauisch sind, wird ein aufsuchender Ansatz der Ansprache gewählt. Man geht beispielsweise zu Spielplätzen oder anderen Orten, an denen sich junge Mütter aufhalten, und erwartet nicht etwa, dass die Frauen von alleine kommen. Die Ansprache richtet sich nicht nur an sie selbst, sondern auch an ihre Ehemänner, weil die Mitarbeiterinnen davon ausgehen, dass diese sich für ihre Frauen verantwortlich fühlen. Deshalb laden sie sie freundlich ein, sich das Projekt anzuschauen. Wenn sie dann kommen, nehmen sich die Mitarbeiterinnen viel Zeit, ihnen alles zu erklären.

»Um das Misstrauen wegzukriegen und Vertrauen aufzubauen, muss man den Männern die Möglichkeit geben, uns kennenzulernen. Damit kann man mögliche Hemmschwellen überwinden.«

Bei der Ansprache kommt ein weiterer wichtiger Faktor zum Tragen: die vielfältigen Sprachkenntnisse der Mitarbeiterinnen.

Um noch mehr Familien im Stadtteil zu erreichen, werden die Nutzerinnen des Treffs immer wieder aufgefordert, selbst andere Frauen mitzubringen. So kann man über die bereits bestehenden Netzwerke weitere Zugänge schaffen. Denn vielen im Stadtteil fällt es leichter, dem Urteil einer Verwandten oder Bekannten zu vertrauen, von der man weiß, dass sie z.B. ebenso gläubig ist. Außerdem kostet es deutlich weniger Überwindung, erst einmal mit einer anderen gemeinsam ins Shehrazad zu gehen, als sich allein dorthin zu wagen.

Doch auch in dieser Hinsicht werden die individuellen Bedürfnisse der Heiratsmigrantinnen berücksichtigt. Da den Mitarbeiterinnen klar ist, dass viele Heiratsmigrantinnen sich wünschen, außerfamiliäre Kontakte aufzubauen, wird das Multiplikatorinnen-Prinzip nicht überstrapaziert. Wenn die Frauen wollen, sind sie herzlich eingeladen, ihre Schwägerinnen oder andere Familienangehörige mitzubringen. Wenn sie jedoch lieber mal ein wenig Abstand vom familiären Rollengefüge haben wollen, wird dies ebenso respektiert und unterstützt.

Darüber hinaus ist das Projekt strukturell und inhaltlich auf die Lebenssituation und Bedürfnisse der jungen Mütter abgestimmt: Der zeitliche Rahmen ist so weit, dass ihnen die Ausübung ihrer Alltagspflichten, wie Kindererziehung oder Haushaltsführung, nicht nur ermöglicht wird, sondern sie dabei auch vielfältige Unterstützung finden. Aus diesem Grund gibt es keine inhaltlichen Vorgaben. Die Zeit im Projekt wird je nach Wunsch der Frauen gefüllt.