Exkurs: Heiratsmigrantinnen

Seite 7: Projekte, Fazit

Eine der Mitarbeiterinnen betont, dass die Motivation der Frauen, den Treff aufzusuchen, in erster Linie auf dem Austausch und der Begegnung mit den anderen Frauen basiert. Sie sieht dies als Chance, an den Themen der Frauen pädagogisch und bisweilen auch weitervermittelnd anzusetzen: »Die wollen quatschen, quatschen, quatschen. Von einem Thema zu dem anderen. Ich sehe unsere Aufgabe darin, zu horchen, horchen, horchen und aufzufangen. Das heißt, beim Zuhören die Themen rauszufiltern, die wir noch mal gezielt ansprechen sollten. Darauf kommt es an!«

Auch einige Heiratsmigrantinnen erzählten im Interview, wie der Austausch mit den anderen Frauen und Mitarbeiterinnen ihnen hilft: »Wenn ich ein Problem habe, dann rede ich mit den anderen Frauen hier darüber. Ich höre, was die anderen dazu sagen und wie sie es vielleicht machen. Das hilft mir. Auch mit den Mitarbeiterinnen kann ich über meine Probleme reden. Das hilft einem.«

Um der Isolation der Heiratsmigrantinnen noch offensiver zu begegnen, sieht das Projekt je nach Interesse der Frauen regelmäßig Ausflüge zu Orten vor, die für die Frauen und Kinder interessant sind, wie zum Beispiel zu einem Zirkus oder einem Abenteuerspielplatz. So erschließen sich die Heiratsmigrantinnen, die bislang oft nur ihre alltäglichen Wege zu den Einkaufsmöglichkeiten kennen, den weiteren Sozialraum und dessen Ressourcen. Im Schutz der Gruppe trauen sie sich mehr zu: »Ich kenne mich hier auch noch nicht so gut aus. Wenn es hier irgendwo Feiern gibt, dann weiß ich das oft gar nicht. Und in einem Zirkus war ich vorher noch nie. Alleine wäre ich da bestimmt nicht hingegangen. Man sieht dann vielleicht, ah, das ist ein Zirkuszelt, aber ich gucke dann nur.«

Ein wesentlicher Arbeitsansatz des Projektes besteht darin, die Heiratsmigrantinnen an der inhaltlichen Ausgestaltung zu beteiligen und sie mit in die Verantwortung zu nehmen. Nur wenn sie selbst ihre Themen und Interessen einbringen, können sie sich an den für sie entscheidenden Punkten weiterentwickeln und an Sicherheit und Selbstbewusstsein für »das Muttersein in einem neuen Land« dazugewinnen, so die Überzeugung der Mitarbeiterinnen. Und weil sie es gemeinsam tun, einander Vorbild sind und sich gegenseitig unterstützen, lernen die Frauen selbstverständlich und auf natürlichem Wege dazu. Nicht wie in einem als distanziert oder gar hierarchisch empfundenen professionellen Verhältnis in einer Beratungsstelle oder Ähnlichem, wo die Pädagogen vielleicht gute Gesprächsführung, Analysegeschick und viel Erfahrung anzubieten haben, jedoch nie ein: »Ich kenne das selbst, bei mir war es auch so.«

Dem Prinzip der Peer-Hilfe folgt auch das Projekt »Stadtteilmütter«, wo Frauen mit Migrationshintergrund – darunter sehr viele Heiratsmigrantinnen – in einem mehrere Monate dauernden Kurs zu »Familienhelferinnen für Familien mit Migrationshintergrund« ausgebildet werden.

Das leitende Arbeitsprinzip ist hier die Annahme, dass sich viele Heiratsmigrantinnen gerne von Frauen mit dem gleichen Erfahrungshintergrund helfen lassen. Der Zugang ist unproblematisch, weil keine Sprachoder Kulturhürden zu überwinden sind, und auch die Annahme von Veränderungsvorschlägen gelingt auf einer Ebene der Gleichwertigkeit besser. Noch stärker als im Projekt Shehrazad werden hier die Heiratsmigrantinnen selbst als Expertinnen ihrer Lebenssituation geachtet und sehr erfolgreich als Multiplikatorinnen eingesetzt. Hier wurde ein semiprofessionelles Berufsfeld geschaffen, das Heiratsmigrantinnen offen steht und von ihnen besonders gut ausgefüllt werden kann. Dies hilft nicht nur den besuchten Müttern, sondern auch ihnen selbst. Zum einen weil ihre Kompetenzen in Bezug auf Familie und Beruf durch die Qualifizierung steigen, zum anderen, weil ihr Selbstbewusstsein durch die Beratungsaufgabe gestärkt wird.

Fazit

Eine Frau mit Kopftuch trägt ein kleines Kind auf dem Arm und schiebt einen Kinderwagen

Wie diese beiden Beispiele zeigen, sind die Hürden in der Arbeit mit Heiratsmigrantinnen längst nicht so hoch, wie oft befürchtet. Vielmehr zeigt sich, dass sie ein hohes Interesse haben, sich weiterzuentwickeln. Auch werden sie in aller Regel keineswegs von ihren Familien daran gehindert. Hat man erst einmal den Zugang zu ihnen gefunden, was z.B. über peers sehr leicht gelingt, kommt es in der weiteren Arbeit genau auf die gleichen Prinzipien an wie sonst auch. Das Ernstnehmen der Bedarfe, Fragen und Interessen der Heiratsmigrantinnen ermöglicht ein direktes Arbeiten an ihren aktiven Themen. Haben die Frauen Vertrauen gefasst und fühlen sich ernst genommen, sind sie im Übrigen auch keineswegs nur für niedrigschwellige Projekte erreichbar, sondern lassen sich auch für viele andere familienunterstützende Angebote gewinnen.Besonders wichtig ist den Heiratsmigrantinnen, dass sie im Rahmen solcher Angebote eigene außerfamiliäre Beziehungen aufbauen können,die auf gegenseitiger Sympathie beruhen. Wichtig ist ihnen auch die Möglichkeit, sich unabhängig von sozialen Erwartungen, die in familiären Netzwerken an sie gestellt werden, unbefangen entfalten zu können. Sie suchen den Erfahrungsaustausch mit anderen Frauen, die in der gleichen Situation sind und sich gegenseitig Ratschläge geben können. Solche Gelegenheiten zur Vernetzung zu bieten, ist eine wesentliche Aufgabe in der Arbeit mit Heiratsmigrantinnen.