Exkurs: Heiratsmigrantinnen

Seite 6: Projekte

Dadurch finden die Frauen hier genau das, was ihnen ansonsten fehlt. Außerfamiliäre Kontakte, Informationen über das neue Land und Austausch mit Frauen, die die gleiche Situation zu meistern haben wie sie: Mutter zu sein in einem neuen Land. Der Austausch hilft, die eigene Situation besser zu verstehen und zu verarbeiten. Die Heiratsmigrantinnen finden im Shehrazad einen Raum, in dem sie ihr Heimweh zeigen können, ohne befürchten zu müssen – wie es in manch anderen Kontexten der Fall ist – damit ihre Ehe zu belasten oder einen schlechten Eindruck von ihrer Schwiegerfamilie zu erzeugen.

Zwei Kurdinnen erzählten von den schönen Momenten der gemein-samen Erinnerung im Projekt:

»Das ist so: Wir sind ja hier in einem fremden Land. Und wenn ich dann hierher ins Shehrazad komme, kann ich mich wie zu Hause fühlen.«

»Ja, das stimmt. Ich treffe Leute aus meiner Heimat und dann hören wir Musik aus der Heimat, kochen etwas von zu Hause. Das ist wie ein Stück Heimat.«

Doch nicht nur die Möglichkeit, Frauen aus dem gleichen Kulturkreis zu treffen, empfinden die Frauen als Bereicherung. Sie hören auch gerne etwas über die Lebensweise und Kultur ihres neuen Heimatlandes Deutschland. Außerdem finden sie es interessant, wenn Migrantinnen aus anderen Ländern berichten. So erzählte eine kurdische Heiratsmigrantin:

»Ich finde es sehr schön, andere Kulturen kennenzulernen. Neulich war eine Frau aus Tunesien hier. Sie hat mir Hochzeitsfotos gezeigt, und es war sehr interessant zu sehen, wie sie das alles machen.«

Dieser interkulturelle Austausch hat einen sehr positiven Nebeneffekt, der hilft, eines der größten Probleme der Heiratsmigrantinnen zu lösen. Um sich mit den Frauen aus anderen Ländern verständigen zu können, muss zwangsläufig deutsch gesprochen werden. Auch wenn die Deutschkenntnisse der meisten gering sind, ist Deutsch doch die einzige Sprache, die alle zumindest ein wenig können – und da auch viele andere nicht gut deutsch sprechen, ist die Angst, sich zu blamieren, relativ gering. Auf diese Weise steigt die Sprachkompetenz der Heiratsmigrantinnen ziemlich schnell.

Anders als zu Hause sind die Frauen im Shehrazad nicht so stark auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau festgelegt. Hier können sie mit Frauen ihres Alters über ihre Männer oder Schwiegermütter tratschen, über ihre eigenen Ziele und Wünsche diskutieren oder sich einfach nur gemeinsam bei Tanz oder Musik amüsieren. So entdecken sie, dass sie sich als Frauen und Mütter gar nicht so sehr von anderen Stadtteilbewohnerinnen unterscheiden, unabhängig davon, ob es sich nun um einheimische Deutsche oder um Frauen aus anderen Ländern handelt. Sie sehen, dass sich auch die anderen mit ähnlichen Themen beschäftigen und dass alle sich viel zu erzählen haben. Da die Frauen im Projekt gemeinsam ein Stück ihres Alltags teilen, fangen sie auch ganz automatisch an, einander zu unterstützen, und sich beispielsweise gegenseitig Tipps in Bezug auf Amtsangelegenheiten oder Fragen der Kindererziehung zu geben, Adressen für Kurse oder Kindertagesstätten auszutauschen oder auch nur günstige Einkaufsadressen weiterzuempfehlen. Eine Nutzerin erzählte:

»Egal, wo wir Mütter herkommen, hier können wir uns unterhalten. Wir reden oft über die gleichen Themen und helfen uns untereinander, z.B. bei der Wohnungssuche oder bei Männerproblemen.«

Die Frauen setzten sich auf diese Weise mit ihren eigenen Standpunkten auseinander, beginnen z.B. überholte Erziehungsmuster zu hinterfragen oder anzupassen. Ein Mitarbeiter, der an der konzeptionellen Weiterentwicklung des Projektes beteiligt ist, erklärt diesen Effekt folgendermaßen:

»Wenn man es schafft, dass die Mütter miteinander reden, wird jeder Mutter deutlich, dass es da vielleicht auch andere Ansichten gibt, und dann kommt eine Diskussion zustande.«

So werden auch die Heiratsmigrantinnen in ihrer neuen Rolle im fremden Land sicherer, werden selbstständiger und selbstbewusster und lernen, sich mithilfe der anderen Frauen und der Mitarbeiterinnen in Deutschland zu orientieren.