Exkurs: Heiratsmigrantinnen

Seite 4: Heiratsmigrantinnen in Neukölln

Auch kann sie überhaupt nicht verstehen, wie negativ hier über die Türkei geredet wird. Vor allem die türkischen Mitbürger der zweiten Generation würden sehr abwertend über ihr Heimatland sprechen: von den unzureichenden sozialen Dienstleistungen bis hin zu den katastrophalen Zuständen im Gesundheitssektor. Sogar erfolgreiche, akademische Abschlüsse würden hier als völlig wertlos angesehen, wenn sie in der Türkei erworben wurden.

Frau Üsküdar fühlt sich in solchen Situationen häufig als »Repräsentantin ihres Landes« angesprochen und dafür verantwortlich, die kritisierten Zustände zu rechtfertigen. Auf die Frage, ob sie auf derlei Kritik in der Türkei genauso reagieren würde, antwortet sie mit: »Vermutlich nein. Da würde ich vielleicht sogar selber vieles kritisieren. Aber das wäre dann Kritik von innen und nicht von außen. Das ist etwas völlig anderes.«

Wie dieses Beispiel zeigt, können Heiratsmigrantinnen – besonders in der Anfangsphase – nicht nur mit Einheimischen, sondern auch mit Landsleuten, die schon längere Zeit in Deutschland leben, in ziemlich schwierige Kommunikationssituationen kommen, die von zahlreichen Missverständnissen geprägt sind.

Dabei brauchen Heiratsmigrantinnen gerade in der Anfangsphase besondere Unterstützung: Vor allem suchen sie Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen. Denn anders als ihre in Deutschland aufgewachsenen Altersgenossinnen der zweiten Migrantengeneration sind sie nicht bereits durch Schule, Ausbildung, Familie und Nachbarschaft sozial integriert. Sie müssen sich erst neue Netzwerke aufbauen und sind froh, wenn sie – z.B. in sozialen Projekten – Anknüpfungsmöglichkeiten dafür finden.

Ein wichtiger Faktor, der die hohe Präsenz von Heiratsmigrantinnen in den von uns untersuchten Projekten erklärt, ist die dort gebotene Möglichkeit, sich auch Netzwerke aufzubauen, die nicht vom Ehepartner und dessen Familie ausgehen. In aller Regel haben die Heiratsmigrantinnen, die wir getroffen haben, zwar erstaunlich viele Kontakte, aber das Gros davon kam über die Familie zustande. Traditionellerweise führt eine Familie nach der Heirat ihr neues Mitglied in ihre sozialen Netzwerke ein, indem sie andere Familien besucht oder selbst Besuche empfängt. Die frisch gebackene Ehefrau lernt auf diese Weise meist innerhalb ziemlich kurzer Zeit viele Personen kennen.

Doch all die Kontakte, die so hergestellt werden, gelten nicht der Frau als Individuum, sondern als neuem Mitglied der Familie ihres Mannes. Mit der Position der neu hinzugekommenen Braut [türkisch: gelin] sind bestimmte Erwartungen verbunden. Sie agiert in diesem Beziehungsgeflecht nicht (nur) als Individuum, sondern immer (auch) als Repräsentantin eines Haushalts. Ihr Verhalten wirkt auf das Ansehen des Haushaltes zurück.

Diese Konstellation führt dazu, dass sich viele Heiratsmigrantinnen unter Druck gesetzt fühlen, ständig ein möglichst positives Bild von ihrer Person zu präsentieren. Das hindert sie bisweilen daran, ihre wahren Gefühle auszuleben. So könnte es beispielsweise als Kritik an der Familie ihres Mannes verstanden werden, wenn sie offen zeigen, wie sehr ihnen die Trennung von ihrer Familie und ihren Freunden zu schaffen macht. Letztlich gilt es bei den Kontakten, die über die Familie des Ehemannes hergestellt werden, also immer auch diplomatisches Geschick zu beweisen und sich seiner Position bewusst zu sein.

Hinzu kommt, dass all diese neuen Bekannten wesentlich stärkere und intensivere Beziehungen zu den übrigen Familienmitgliedern haben dürften als zu der neu eingeheirateten Ehefrau. Schließlich kennen sie sich bereits seit Jahren und haben einiges gemeinsam erlebt. Somit ruht ihre Beziehung auf einer stabilen Grundlage, die sich die Heiratsmigrantinnen als »Neuankömmlinge« erst aufbauen müssen.

An dieser Stelle lässt sich in einem Zwischenfazit festhalten, dass die Lebenssituation der Heiratsmigrantinnen, die wir in Neukölln kennengelernt haben, in sozialer Hinsicht wesentlich dadurch gekennzeichnet ist, dass sie über einen relativ großen Bekanntenkreis verfügen, in dem sie soziale Nähe finden. Sie sind nicht isoliert, sondern werden von der Familie ihres Mannes ziemlich schnell in ein funktionierendes Netzwerk eingebunden. Dadurch lernen sie auch viele Personen kennen, die die gleiche ethnische Herkunft haben und meist schon lange in Deutschland leben oder hier aufgewachsen sind. Dieses Netzwerk ist wichtig für sie und gibt ihnen gerade in der Anfangsphase das Gefühl, dazuzugehören. Es ist wichtig, aber es reicht nicht aus.

Was Heiratsmigrantinnen oft vermissen, sind Kontakte, die nicht von der Familie ihres Mannes ausgehen, sondern von ihnen selbst gewählt wurden. Es sind Kontakte, in denen sie primär als Individuum gesehen werden und nicht als Mitglied eines Haushalts. Zudem suchen sie den Austausch mit anderen Frauen, die in der gleichen Situation sind wie sie selbst.

Der Aufbau dieser Art von Kontakten gelingt ihnen in vielen der Projekte, die wir untersucht haben. Sowohl in offenen Treffs als auch in Sprachkursen gibt es zahlreiche Chancen, Kontakte zu knüpfen und sich so ein eigenes, unabhängiges Netzwerk zu schaffen. Hier können die Frauen zudem selbst entscheiden, wen sie gerne näher kennenlernen möchten. Ihre dort geknüpften Netzwerke sind daher sehr viel selektiver als diejenigen, in die sie über die Familie ihres Mannes eingebunden werden. In dieser Situation sind sie in erster Linie eigenverantwortlich handelnde Akteure, die sich ein Netzwerk aufbauen und nicht Mitglieder eines Haushalts, die in bestehende Netzwerke eingeführt werden.