Exkurs: Heiratsmigrantinnen

Seite 3: Geschlechtsrolle, Heiratsmigrantinnen in Neukölln

Heiratsmigration und Geschlechtsrolle

Welche Folgen kann eine Heiratsmigration für die Partnerschaft mit sich bringen? Wie wirkt sie sich auf die Geschlechtsrollen aus? Diese Fragen wurden im Rahmen einer Studie über das Heiratsverhalten der zweiten Migrantengeneration angesprochen (STRAßBURGER 2003).Dabei wurde zunächst darauf hingewiesen, dass eine Heiratsmigration an sich in der weiblichen Biografie keineswegs außergewöhnlich ist. Viele Frauen ziehen nach der Heirat zu ihrem Mann und müssen sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden. Erst die Tatsache, dass die Migration Staatsgrenzen überwindet, weil der Ehepartner in Deutschland lebt, macht sie zu etwas Besonderem.

Denn bei einer internationalen Heiratsmigration sind die Migrantinnen weit stärker auf ihren Ehepartner angewiesen (vgl. WOLBERT 1984). Solange sie nicht Deutsch können, sind sie in ihrer Kommunikation und damit auch in ihrer Mobilität eingeschränkt. Überdies fehlt ihnen bei (Ehe-)Problemen die Unterstützung durch ihre Herkunftsfamilie oder durch ein partnerunabhängiges soziales Netzwerk. Außerdem macht sich die rechtliche Abhängigkeit negativ bemerkbar, falls eine Heiratsmigrantin von ihrem Mann misshandelt wird oder aus anderen Gründen nicht mehr mit ihm zusammenleben möchte. Heiratsmigration kann deshalb unter Umständen in einem Abhängigkeitsverhältnis resultieren. Doch ist dies unserer Erfahrung nach die Ausnahme und nicht die Regel.

Es gibt mehrere Faktoren, welche die Eingliederung der frisch verheirateten Frauen in den neuen sozialen Kontext unterstützen und ihnen helfen, die typischen Probleme der Eingewöhnung und Einsamkeit zu überwinden. So leben Heiratsmigrantinnen meist zunächst mit ihrem Mann bei dessen Eltern und werden auf diese Weise in ihre neue Familie integriert. Viele können sich über ihre Schwägerinnen relativ schnell ein partnerunabhängiges Netzwerk aufbauen, welches sie in ihrer innerehelichen Position stärkt. Somit sind sie nicht in allen Sozialbezügen auf ihren Ehemann angewiesen, wenngleich der Großteil ihrer Beziehungen in Deutschland zunächst einmal über seine Familie zustande kommt.

So weit zum bisherigen Forschungsstand. Wie gesagt, er ist relativ dünn und wirft beinahe mehr Fragen auf, als er beantwortet. Hierzu gehört unter anderem die Frage nach der Mutterschaft, die die meisten Heiratsmigrantinnen als wesentlichen Bestandteil ihrer Geschlechtsrolle ansehen. Spätestens mit der Geburt des ersten Kindes wächst ihnen in Deutschland eine eigene, wichtige Aufgabe zu. Das kann bei der Migrationsbewältigung durchaus hilfreich sein, zumal den Heiratsmigrantinnen ansonsten wenig zentrale Lebensaufgaben zur Auswahl stehen. Ihre Aussichten, berufstätig zu werden, sind jedenfalls in aller Regel ziemlich gering.

Doch wie geht es den jungen Müttern in ihrem neuen Land? Welche Unterstützung suchen und welche finden sie in unserer Gesellschaft? Welche Bedeutung kommt den Begegnungen mit anderen jungen Müttern zu? Wie wichtig ist ihnen der Austausch mit anderen Heiratsmigrantinnen? Wir gehen diesen Fragen weiter nach, indem wir die Erkenntnisse zusammentragen, die wir im Lauf unserer Forschung in Neukölln gewonnen haben.

Heiratsmigrantinnen in Neukölln: Merkmale ihrer Lebenssituation

Wir wollen versuchen, ein möglichst klischeefreies Bild der besonderen Lebenssituation von Heiratsmigrantinnen zu skizzieren. Die Informationen stammen aus vielen Begegnungen mit Heiratsmigrantinnen in diversen Neuköllner Projekten, die familienunterstützende Angebote anbieten.

Demnach haben Frauen, die aufgrund einer Eheschließung nach Deutschland kommen, bei ihrer Ankunft nur selten eigene Bekannte. Ihr zentraler Bezugspunkt sind daher in der ersten Zeit ihre Ehemänner und deren Familien. Diese fühlen sich dafür verantwortlich, ihrem neuen Familienmitglied Orientierung und Unterstützung in dem für sie fremden Land zu bieten. Und zwar in allen Bereichen des Alltags, angefangen beim Einkauf oder bei Arztbesuchen bis hin zur Initiierung von sozialen Kontakten.

Die Heiratsmigrantinnen haben viele Anforderungen zu bewältigen: die deutsche Sprache zu lernen, Zugang zum öffentlichen Leben zu finden, das neue Eheleben gut zu gestalten, ein Kind zu erziehen und nicht zuletzt neue Kontakte zu knüpfen. Um diese Situation zu verdeutlichen, möchten wir Meral Üsküdar zu Wort kommen lassen, eine 24-jährige Frau, die gerne bereit war, uns in mehreren ausführlichen Gesprächen ihre Situation zu schildern. Frau Üsküdar hat ihren Mann vor drei Jahren in der Türkei kennengelernt. Obwohl ihre Familie gegen die Heirat war und immer wieder versucht hat, sie davon abzubringen, hat sie sich für ihren Mann und damit für das Leben in Deutschland entschieden.

Mittlerweile lebt sie seit zwei Jahren in Berlin. »Aber die Umstellung hatte ich mir wirklich einfacher vorgestellt.« Besonders die Sehnsucht nach ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis machen ihr das Leben in Deutschland schwer. Ohne deren Rückhalt fühlt sie sich sehr unsicher. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die fehlenden Kenntnisse über die hiesige Gesellschaft, vor allem aber durch die noch nicht ausreichenden deutschen Sprachkenntnisse. Es nervt sie ziemlich, immer wieder auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.

Auch ihr Ärger über die gängigen Fremdzuschreibungen kommt deutlich zum Ausdruck: »Ich weiß wohl, dass viele denken, wir wären nicht aus Liebe zu unserem Mann hierher gekommen, sondern wegen Deutschland. Wir sind für viele die ›Dummerchen‹, die hier außer Kochen und Putzen nichts zu tun haben.« Sie wehrt sich gegen das Stereotyp der abhängigen Heiratsmigrantin aus dem türkischen Dorf, die in Deutschland eingesperrt ist, sich nicht wehren kann, ihre Schwiegermutter bedienen muss et cetera: »Die haben doch gar keine Ahnung!«