Exkurs: Heiratsmigrantinnen

Seite 2: Diskurse, Fakten

Typische Diskurse

In dieser Beschreibung begegnen uns einige der typischen Opferdiskurse über die orientalische Frau, mit denen sich auch Christine Huth-Hilde-brandt in ihrem Buch »Das Bild von der Migrantin« (HUTH-HILDEBRANDT 2002) ausführlich befasst.

  • Da ist zum einen der Primitivitätsdiskurs: Die jungen Frauen werden beschrieben als naive Dorfmädchen, die einem archaischen Brauch folgend von ihren Eltern verheiratet werden. Dadurch werden sie in die Moderne katapultiert. Doch von der deutschen Großstadt bleiben sie ähnlich isoliert wie die Opfer einer Entführung von der Umgebung ihres Verstecks.
  • Wir sehen hier eine deutliche Bezugnahme zum Diskurs über die Parallelgesellschaft. Ihm zufolge verhindern eigenethnische Sozialkontakte, dass Migrantinnen sich zu vollwertigen Mitgliedern der hiesigen Gesellschaft entwickeln. Notgedrungen scheinen die Heiratsmigrantinnen in dem Stadium zu verharren, in dem sie sich bei ihrer Ankunft befanden.
  • Im Bild der Entführten, die dem eigenen Umfeld nicht entfliehen kann, ist auch der Patriarchatsdiskurs enthalten: die Heiratsmigrantin erscheint als »Sklavin« ihres Mannes und seiner Mutter. Gleichzeitig wird sie zum Schicksal ihrer Kinder, an die sie die Ausweglosigkeit ihrer eigenen, türkisch und muslimisch geprägten Biografie weitervererbt.
  • Schließlich kommt noch der Fundamentalismusdiskurs zum Tragen, wenn die Autorin die Ansicht äußert, dass viele Heiratsmigrantinnen unter dem Einfluss von Moscheegemeinden stehend mit Deutschen gar nichts zu tun haben wollen und deren Lebensweise verachten.

Würde die Schilderung von Kelek zutreffen, wäre sie also wirklich typisch für das Gros der Heiratsmigrantinnen, dürften in den von uns untersuchten Projekten eigentlich kaum Heiratsmigrantinnen auftauchen. Weder hätten sie selbst ein Interesse daran, noch würde man es ihnen erlauben. Da wir aber ganz im Gegenteil festgestellt haben, dass es oft gerade Heiratsmigrantinnen sind, die die familienunterstützenden Angebote nutzen, stellt sich die Frage, ob es auch Ausnahmen von dieser Schilderung gibt oder ob die Schilderung möglicherweise sowieso nur im Ausnahmefall zutrifft. Wenden wir uns also der Wissenschaft zu und werfen einen Blick in eine der wenigen Studien, die uns Anhaltspunkte liefern können.

Einige Fakten

Quelle: Aydin u. a. 2003, S.54

Bei der Suche nach Untersuchungen, die uns mehr über die Situation von Heiratsmigrantinnen sagen könnten, stoßen wir auf eine interessante Erhebung, die in den deutschen Konsulaten und der Botschaft in der Türkei durchgeführt wurde. Warum dort? Ganz einfach: Alle Anträge auf Ehegattennachzug zu einem in Deutschland lebenden Partner laufen über die Auslandsvertretungen. Folglich ist dort der ideale Ansatzpunkt für die Forschung.

Die Untersuchung, von der hier die Rede ist, wurde im Jahr 2002 vom Zentrum für Türkeistudien durchgeführt (AYDIN u.a. 2003). Dabei wurden 1500 Frauen und Männer interviewt, als sie vor einer Auslandsvertretung warteten, um einen Antrag auf Ehegattennachzug einzureichen. Dies entspricht in etwa einem Zehntel aller Personen, die jährlich im Rahmen einer Heiratsmigration aus der Türkei nach Deutschland kommen.

Die 789 interviewten Frauen waren im Durchschnitt 22,7 Jahre alt, als sie heirateten (a. a. O. S. 51). Das Visum für den Ehegattennachzug beantragten sie meist im ersten Jahr nach der Heirat, so dass damit zu rechnen ist, dass das Gros der Heiratsmigrantinnen, die aus der Türkei nach Deutschland kommen, zwischen 20 und 25 Jahre alt ist.

Besonders interessant ist, wie die Frauen ihre Ehepartner gefunden haben. Arrangierte Ehen, bei denen die Partner einander zum Zweck einer möglichen Heirat vorgestellt werden, scheinen unter Heiratsmigrantinnen in spe längst nicht so weitverbreitet zu sein, wie meist vermutet wird. Sie liegen jedenfalls deutlich hinter Ehen, bei denen die Ehepartner selbst die Initiative ergriffen haben, nachdem sie sich im Urlaub oder im Bekanntenkreis kennengelernt haben. Eheschließungen mit »Verwandten« – zu denen auch weit entfernte oder angeheiratete Verwandte gezählt werden – machen rund ein Sechstel aller Ehen aus.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland wird ein Fünftel der befragten Frauen (zunächst) zu den Schwiegereltern ziehen. In den meisten Fällen wird dies allerdings lediglich eine Übergangslösung darstellen (a.a.O. S. 52).

Besonders aufschlussreich ist die Studie von AYDIN u.a. hinsichtlich der Bildungssituation der Heiratsmigrantinnen. Demnach hat ca. ein Drittel (31,3 %) der Befragten lediglich die Pflichtschulzeit absolviert, die mittlerweile bei acht Jahren liegt. Dagegen hat ebenfalls ein Drittel (31,1 %) das Abitur gemacht. Lediglich 3,4 Prozent geben an, dass sie keine Schule besucht haben. (21) Die Übrigen haben anderweitige Schulabschlüsse erworben, für die es in Deutschland häufig keine passende Entsprechung gibt. Hervorzuheben ist schließlich noch, dass 11,9 Prozent der Befragten mit einem in der Türkei erworbenen Universitätsabschluss nach Deutschland kommen.

»Diese Ergebnisse sind wichtig für die Planung von Maßnahmen für Heiratsmigranten aus der Türkei. Der hohe Anteil von Personen, die in der Türkei die Hochschulreife erzielt haben, zeigt nicht nur, dass die Heiratsmigration auch für Personen mit höherem Schulabschluss in Betracht kommt, sondern dass für sie andere Bildungsvoraussetzungen bestehen, die bei der Sprachvermittlung als auch den Möglichkeiten beruflicher Qualifizierung berücksichtigt werden müssen bzw. genutzt werden sollten.« (AYDIN u.a. 2003:58)

Insgesamt betrachtet, widerspricht diese Studie sehr deutlich den Annahmen von Kelek, dass die typische Heiratsmigrantin »gerade eben 18 Jahre alt« ist, »von ihren Eltern verheiratet wurde« und »in vier oder sechs Jahren notdürftig lesen und schreiben gelernt« hat (2005:171).