Elterninformationsabende

Seite 2: Elterninformationsabende

Diese Beschreibung ist keine Fiktion und auch keine einmalige Ausnahmeaktion. Im Norden Neuköllns haben seit 2004 über 130 solcher Elterninformationsabende stattgefunden. Federführend ist die »Initiative für ein noch besseres Neukölln«, ein bürgerschaftlicher Zusammenschluss von ca. 70 ehrenamtlichen Mitgliedern mit zumeist türkischem und arabischem Migrationsintergrund. Die Mitstreiter/innen dieser Initiative, welche fast alle selbst in Neukölln wohnen, leben und arbeiten, kommen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, Eltern und Familien mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund in schulischen, erzieherischen, familiären und sozialen Belangen zu unterstützen. Umgesetzt wird dies in erster Linie mit solchen Informationsveranstaltungen zu unterschiedlichen Themen. Die Referenten kommen zumeist aus der Runde der Initiator(inn)en.

Ausschlaggebend für diese Veranstaltungen waren Gespräche, die der Hauptinitiator mit Eltern geführt hat, um zu erfahren, weshalb sie denn nicht zu den von den Schulen angebotenen Elternabenden gehen. Die Eltern sagten, sie würden dort nicht mal 10% verstehen und sich daher nicht besonders wohl fühlen. Dass ihr Fernbleiben von Seiten der Schule  als Desinteresse an der Erziehung ihrer Kinder interpretiert wird, war den Eltern gar nicht bewusst. Im Gegenteil, als sie das erfuhren, waren sie darüber ziemlich empört.

Aus diesem Grund hat sich die Initiative zwei zentrale Prinzipien für die methodische Umsetzung der Veranstaltungen gesetzt:

  • Jede Veranstaltung wird zeitgleich an einem Ort in nebeneinanderliegenden Räumen in drei Sprachen (Türkisch, Arabisch und Deutsch) angeboten. Die Expert(inn)en halten ihr Referat jeweils in einer dieser Sprachen und sind idealerweise Erstsprachler.
  • Die Themen der Informationsveranstaltungen werden von den Eltern vorgeschlagen. Aus diesem Grund wird am Ende jeder Veranstaltung nach weiteren Themen gefragt und die Folgetreffen werden entsprechend abgestimmt. Bisherige Themen lagen meist im Erziehungsbereich (frühkindliche Sprachförderung, Umgang mit Gewalt, gesunde Ernährung). Es ging aber auch schon um strukturelle Fragen (neues Berliner Schulgesetz, Situation von Schülern türkischer/arabischer Herkunft) oder um soziale Fragen, wie etwa um den Umgang mit Regelungen bei Hartz IV.

Da die Veranstaltungen in enger Kooperation mit Schulen und Kindertagesstätten stattfinden, entsteht als quasi erwünschte Nebenwirkung ein immer stärker werdendes Netzwerk vor Ort. Hinzu kommt, dass viele der Initiator(inn)en selbst in entsprechenden Einrichtungen tätig sind. Die größten in der Initiative vertretenen Berufsgruppen sind Erzieher, Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen und Soziologen. Die Initiative arbeitet strikt ressourcenorientiert und wertschätzend und geht grundsätzlich davon aus, dass Eltern, egal welcher Herkunft, das Beste für ihre Kinder wollen und das ihnen aktuell Bestmögliche dafür tun.

Auf dieser Grundlage

  • gehen die Initiator/innen auf die Eltern zu statt abzuwarten,
  • sprechen diese persönlich an statt Informationsbroschüren auszulegen,
  • fragen nach den Themen statt ungefragt Empfehlungen auszusprechen.

Dabei nutzen sie ganz selbstverständlich ihren eigenen Migrationshintergrund als Ressource und Vorteil in der Zugangsgestaltung.

Durch das starke bürgerschaftliche Engagement der beteiligten Personen und durch die sozialräumliche Vernetzung der Institutionen entstehen kaum Unkosten. Gleichzeitig erzielt man enorme Effektivität. Kein Wunder also, dass die »Initiative für ein noch besseres Neukölln« im November 2005 den 1. Preis der Neuköllner Bürgerstiftung gewonnen hat.