Vernetztes Denken

Seite 2: Lenkung

4. Interpretation der Verhaltensmöglichkeiten

Komplexe Problemsituationen verändern sich im Zeitablauf. Die Problemlöser müssen sich über die möglichen Entwicklungspfade der Gesamtsituation (im Beispiel »Müllberg nach Altstadtfest« u.a. Entwicklung der Umweltgesetze, des Umweltbewusstseins, der Entsorgungstechniken usw.) ein Bild verschaffen, bevor sie beginnen, mit Maßnahmen Einfluss zu nehmen. Hierfür werden Szenarien erstellt: ein optimistisches, ein pessimistisches und ein wahrscheinliches Szenario.

5. Bestimmung der Lenkungsmöglichkeiten

Bevor nun in einer Fantasiephase nach Problemlösungen gesucht wird, sind die Lenkungsmöglichkeiten zu ermitteln, die der Problemlösungsgruppe auch tatsächlich zur Verfügung stehen. Betrachtet man das Müllproblem nach dem Altstadtfest aus Sicht der Sicht der Stadtverwaltung, dann gehören zu den nichtlenkbaren Größen: das allgemeine Umweltbewusstsein, das Wetter, die Industrie, die Medien, die Politiker und der BUND. Zu den (durch Vorschriften, Verordnungen, Genehmigungen, Kontrollen, Strafen) lenkbaren Größen gehören: die Standbetreiber, das Altstadtfest selbst und (in Grenzen) die Bürger.

In Kenntnis dieser Zusammenhänge kann nun gezielt mit kreativen Methoden nach Ideen und Maßnahmen gesucht werden, die - allein oder als Paket gebündelt - einen Lösungsbeitrag leisten.

6. Gestaltung der Lenkungseingriffe

Nachdem eine Fantasiephase hoffentlich viele Ideen erbracht hat, sind diese nach ihrer Wirksamkeit zu beurteilen. Ansatzpunkte hierfür bieten wiederum die Ergebnisse des »Papiercomputers« (3. Schritt). Betrifft die Idee einen Einflussfaktor, der gleichzeitig ein aktives Element und eine lenkbare Größe ist, so wird damit eine große Wirkung zu erzielen sein. Betrifft sie als lenkbare Größe ein kritisches Element ist, große Vorsicht geboten, da Kettenreaktionen über das ganze System zu erwarten sind. Bei Maßnahmen bezüglich passiver oder träger Größen darf man sich wiederum nicht viel Wirkung erhoffen.

Die Orientierung am »Papiercomputer« allein reicht jedoch nicht. Vielmehr sollten auch jene Regeln bedacht werden, die die Kybernetik als Grundregeln für das Funktionieren komplexer, »lebensfähiger« Systeme aller Art (F. Vester u.A.) ermittelt hat. Diese durch Naturbeobachtung gewonnenen Regeln können nicht automatisch auf soziale Systeme übertragen werden (Vgl. Müllbeispiel). Eine »verständige Prüfung« und »Übersetzung« scheint jedoch sinnvoll zu sein. Die sieben Gestaltungsregeln lauten:

  • Passen Sie Ihre Lenkungseingriffe der Komplexität der Problemsituation an;
  • Richten Sie Ihre Maßnahmen auf die aktiven und kritischen Einflussfaktoren aus;
  • Vermeiden Sie unkontrollierte Entwicklungen mit Hilfe stabilisierender Rückkopplungen;
  • Nutzen Sie die Eigendynamik und die Synergien der Problemsituation;
  • Finden Sie ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Bewahrung und Wandel;
  • Fördern Sie die Autonomie der kleinsten Einheit;
  • Erhöhen Sie mit jeder Problemlösung die Lern- und Entwicklungsfähigkeiten.

7. Realisierung und Weiterentwicklung der Problemlösung

Im letzten Arbeitsschritt ist die Lösung vor der Einführung noch so auszugestalten, dass sie durch die Möglichkeit der Weiterentwicklung auch auf lange Sicht lebensfähig bleibt. Zu bedenken ist hierbei

  • eine Reparaturfähigkeit, sodass im normalen Rahmen auftretende Schwierigkeiten selbstständig gemeistert werden können;
  • eine Entwicklungsfähigkeit, um sich im Sinne eines evolutionären Prozesses neuen Umweltkonstellationen anzupassen und der Einbau
  • von Frühwarnindikatoren, die neue Probleme bereits in ihrer Entstehungsphase zu erfassen erlauben.