Kraft, Aggressivität, Gewalt

Seite 2: Gewalt, Gleichgültigkeit

Gewalt

Die Gewalt ist ausnahmslos eine zerstörerische Kraft. Eine Kraft, die herabsetzt, die verwundet, die sich selbst oder den anderen zerstört. Sie ist die Weigerung, die eigene Würde und die des anderen anzuerkennen. Sie giert danach, sich die Eigenschaften des anderen anzueignen (Besitz, Wissen, Werte, etc.), sie will den anderen ausbeuten und beherrschen.

Oft wurzelt unsere Gewalt in der Angst: Die Angst, nicht angenommen zu werden, die Angst, Werte oder angehäufte Güter zu verlieren. Diese Angst führt dann dazu, dass man ein Negativbild des anderen entwickelt, dass man nicht mehr das Gute in ihm sieht, dass der andere als Sündenbock herhalten muss, auf den man seine eigene Gewalt projiziert. Zu seiner persönlichen »Verteidigung« entwickelt man ein ganzes Waffenarsenal und tritt in eine unendliche Spirale gewaltsamer Mittel ein.

Es gibt verschiedene Formen der Gewalt. Man unterscheidet die persönliche und zwischenmenschliche Gewalt von der so genannten strukturellen Gewalt. Letztere umfasst alle Formen der Gewalt, die es in den Konzepten und Strukturen unserer Institutionen gibt: In unseren Gemeinschaften, in den wirtschaftlichen, politischen, sozialen und militärischen Institutionen, in unseren Kirchen und unseren Schulen ebenso wie in der derzeitigen Situation der Frauen.

Man kann gleichfalls die physische Gewalt von der psychologischen Gewalt unterscheiden. Die erstere braucht man nicht zu erläutern. Die psychologische Gewalt aber enthüllt sich in der augenblicklichen Situation als eine der zerstörerichsten und gefährlichsten Kräfte der Gewalt. Sie versucht den Menschen von Kindheit an durch verschiedene Einflüsse zu manipulieren – Massenmedien, Schulen, etc. – und ihn in unsere materialistische und egoistische Konsumgesellschaft zu integrieren.

Dann gibt es sichtbare Formen der Gewalt, als solche deklariert, und die möglichen, die latenten. Auf diese verborgenen Gewalten müssen wir sehr achten. In unserer Arbeit haben wir oft gesehen, wenn eine Gewalt anlässlich eines sozialen, rassistischen oder politischen Problems zum Ausbruch kam, dass die Polarisierung schon äußerst stark war, weil die Gewalt sich wegen der bestehenden Ungerechtigkeit seit langem vorbereitete. Deshalb müssen wir handeln, sobald wir eine verborgene Ungerechtigkeit entdecken. Wir müssen die Ersten sein, die das ans Tageslicht bringen und uns engagieren, damit dieser Konflikt friedlich gelöst wird, bevor es zu spät ist.

Es gibt Abstufungen bei den Gewalten. Es gibt solche, die weniger verwunden, und andere, die physisch oder psychisch bis zur Zerstörung von Menschen und Gruppen, ja von Nationen und der ganzen Menschheit gehen können. Deshalb müssen wir darauf bestehen: Jede Gewalt ist negativ, weil sie gegen das Wohl und das Leben des Menschen gerichtet ist.

Ein bekannter Forscher, Johann Galtung vom norwegischen Institut für Friedensforschung, definierte die strukturelle Gewalt wie folgt: »Gewalt liegt überall dort vor, wo Menschen derart beeinflusst werden, dass ihre gegenwärtige physische und geistige Verwirklichung hinter dem zurücksteht, was sie zu einer gegebenen Zeitepoche sein könnte. Gewalt ist also die Ursache des Unterschiedes zwischen dem, was möglich ist, und dem tatsächlichen Zustand.«

Gleichgültigkeit – Passivität

Passivität ist die Haltung, freiwillig die Augen vor einer Ungerechtigkeit zu schließen, die wir haben beobachten können. Ghandi nannte das »niedrigste Haltung« : sich der Ungerechtigkeit unterwerfen, nicht unsere Verantwortung als Mensch übernehmen, um gegen ein Unrecht zu kämpfen. Das bedeutet nämlich, dass eine passive Person immer ein großer oder kleiner tragender Pfeiler einer bestehenden Ungerechtigkeit ist.

Man verwechselt oft friedlich mit passiv. Wenn zum Beispiel in einer Fabrik eine Person sich niemals gegen Ungerechtigkeiten wendet, die sie entdeckt, dann sagt man wohl, sie sei sehr friedlich. Doch das Gegenteil ist wahr: Diese Person ist passiv, sie lässt zu, dass Ungerechtigkeit existieren kann. Das aber ist das genaue Gegenteil einer Arbeit für den Frieden.

Was sind die Ursachen unserer Passivität? Wir haben uns nicht selten einer Situation angepasst, vielleicht profitieren wir gar von ihr. Und wir wissen sehr gut, dass wir etwas riskieren, wenn wir Stellung beziehen. Es ist die Angst vor den Konsequenzen, falls wir uns gegen eine Ungerechtigkeit erheben, die uns untätig werden lässt. Ja, es ist vor allem die Angst, die uns passiv macht: Etwa die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren; auch die Angst, dass es dann bei Ehepaaren oder in den Familien »zum Knall kommt« oder dass man doch keine Lösung findet. In der »Dritten Welt« ist es die Angst vor Repression, die die harten Regierungen triumphieren lässt.

Ein anderer Faktor bei der Passivität ist die Komplexität von Unrechtssituationen, wie wir sie gegenwärtig sehen. Man erkennt einfach nicht, wie man handeln, wie man sich den sehr komplexen Ungerechtigkeiten entgegenstellen könnte.

Das schafft ein Gefühl, vor dem Unrecht ohne Kraft zu sein, ohne geeignete Mittel dazustehen. Oft ist es diese Situation, die auf ganzen Völkern lastet und sie untätig werden lässt.

Erinnern wir uns angesichts dieser Situation an das Wort aus der Apokalypse (3,16): »Weil du lau bist...spucke ich dich aus.« Gott will, dass wir Stellung beziehen. In uns selbst muss es ein ständiges Bemühen geben, aus unserem Herzen und Bewusstsein diese Haltung der Passivität herauszureißen: Die Anstrengung nämlich, Konflikte, Meinungsverschiedenheiten, Ungerechtigkeit oder Gewalt nicht weiter brüten zu lassen, sondern danach zu trachten, diese Probleme wirklich anzusprechen. Passivität stützt und verstärkt die Ungerechtigkeit und lässt sie noch größer werden.