Kraft, Aggressivität, Gewalt

Seite 3: Gegengewalt

Gegengewalt

Die Gegengewalt ist der Passivität überlegen. Denn die Person, die Gruppe oder das Volk, die zur Gegengewalt greifen, erheben sich und bieten der erlittenen Ungerechtigkeit oder Gewalt mit dem Ziel die Stirn, eine gerechtere, wahrere und friedlichere Lage herzustellen. Die Gegengewalt kann folglich ein gutes Ziel haben: sie will eine Unrechtssituation überwinden.

Anfangs ist sie oft instinktiv, spontan, nicht überlegt. Doch sie wird sehr schnell eine gut überlegte, durchorganisierte und folglich gewollte Gegengewalt. Sie wird uns übrigens durch unsere Tradition, durch die Medien und selbst durch die Kirchen gelehrt. Wenn eine Person, eine Gruppe oder ein Volk Ja sagen zur Gegengewalt, so geschieht dies oft, weil sie keinen anderen Weg kennen, um gegen die schwere Ungerechtigkeit, die sie erleiden, zu kämpfen. Erinnert sei hier an den Guerillakrieg. Wir lehnen die gewalttätigen Mittel, die bei solchen Aktionen angewendet werden, strikt ab, doch wir verstehen, warum man zu einer solchen Handlungsweise greift. Dies zugestanden müssen wir jedoch unverzüglich die Logik von Gewalt und Gegengewalt deutlich machen, ebenso die Unvereinbarkeit zwischen einem guten Ziel und schlechten Mitteln.

Heben wir einige wichtige Punkte hervor, die die Logik der Gewalt entlarven, denn die Überzeugung, dass Gegengewalt die wirksamste Kraft im Kampf gegen Unrecht sei, ist in uns und in unserer Gesellschaft tief verwurzelt.

Die Spirale der Gewalt

Um die Logik aufzuzeigen, wie bei Gegengewalt die Kampfmittel sich immer mehr verschärfen, wollen wir ein sehr einfaches Beispiel nehmen: Ein Kind hat ein schönes Spielzeug. Ein anderes stärkeres Kind nimmt es ihm weg. Das Kind, dem die Gewalt widerfahren ist, sagt sich dann gewöhnlich: »Das ist ungerecht, ich will mein Spielzeug wieder nehmen.« Aber was macht es dann, wenn es sieht, dass das andere Kind größer und stärker ist? Es wendet sich an Kameraden und zu zweit oder zu dritt rennen sie zu dem Kind, das das Spielzeug genommen hat. Wenn dieses nun die drei Kinder auf sich zukommen sieht, sagt es sich: »Aber ich, ich bin allein, und das ist ungerecht!« Und es geht ebenfalls Hilfe suchen, um das Spielzeug zu verteidigen.

Dies zeigt gut auf, dass wir in den Druck und Vernichtungsmitteln stets ein wenig stärker sein müssen als der andere, wenn wir die Gerechtigkeit mit Gegengewalt wieder herstellen wollen. So geraten wir in eine Spirale, bei der die Mittel immer schwerer werden. Das aber ist die Logik der Gewalt.

Wir beobachten dies in den kleinen lokalen militärischen Konflikten und bei den derzeitigen brutalen Wirtschaftskriegen. Es war besonders auffällig bei der Aufrüstung: Jeder der beiden »Blöcke« behauptete immer wieder, der andere sei ein wenig stärker und man müsse sich ein neues System von Abschreckungswaffen anschaffen. So waren wir in eine schier endlose Spirale hinein geraten, die Milliarden Dollar und Ressourcen kostete, die dem Leben der Armen hätte dienen können.

Sich die Mittel aufzwingen lassen - Verrat an der Achtung der menschlichen Person

Sich für Gegengewalt zu entscheiden, bedeutet auch, sich vom Angreifer die Kampfmittel diktieren zu lassen. Wer gewalttätige Mittel wählt, lässt sich von der Verachtung und dem fehlenden Respekt vor der menschlichen Person anstecken. Er willigt ein, sich solcher Mittel zu bedienen, die den anderen heruntermachen, ihn zerstören. Der Gewalttätige zwingt uns seine Mittel und seine Art zu denken und zu sein auf und zerstört damit unsere tiefsten Überzeugungen und Ideale.

Ein folgenreiches Beispiel: In ihrem Kampf gegen Hitler, der Konzentrationslager einrichten ließ und abscheuliche, ja unvorstellbare Verbrechen begangen hat, griffen die Nationen zu den modernen Waffen, sie bombardierten offene Städte und nahmen den Tod von Millionen Zivilisten in Kauf. Was heißen will, dass der Virus der schlimmsten Nazi-Haltungen auch die angesteckt hatte, die gegen Hitler kämpften. Bei den Kolonialkriegen in Algerien (1955–1961) und Indochina (bis 1975) ist die Folter erneut aufgebrochen. Und Amnesty hat bewiesen, dass diese noch heute in wenigstens achtzig Ländern praktiziert wird.

Uns wird hier die Verbindung sehr deutlich, die zwischen den schlechten Mitteln, unserem Verhalten und dem Ziel besteht: Wir zerstören uns selbst, wir stecken uns mit dem Bösen an, das zu tun wir akzeptieren, und wir verderben das gute Ziel.

Der aufgezwungene Sieg ist eine Scheinlösung. Was geschieht, wenn in einem Kampf, der mit gewalttätigen Mitteln geführt wurde, diejenigen, die als erste Gewalt erlitten und dann zur Gegengewalt griffen, einen Sieg über den Angreifer erringen? Ein Beispiel: Als unsere Kinder noch jung waren, verhielten sie sich gelegentlich ungerecht. Als Eltern sollten wir ihnen helfen, allmählich ihre Haltung zu ändern. Es kam dann wohl vor, dass ich »gestresst« war und mir nicht die Zeit genommen habe, mich zu fragen, wo meine Verantwortung in dieser Situation war, die mein Kind aber als Gewalt empfand. Was geschieht dann in diesem Fall? Wir sind beide geschmälert: Mein Kind konnte in seinem Gewissen nicht die Ungerechtigkeit besiegen, die es begangen hatte, es konnte sich weder ändern noch wachsen. Und weil ich zur autoritären Gewalt griff, habe ich mich selbst herabgesetzt, ich bin gewalttätiger geworden.

In den kleinen und großen Konflikten verhindert jeder aufgezwungene Sieg, dass sich Haltungen ändern, und er ist deshalb nur ein Scheinsieg. Ungerechtigkeit oder Gewalt brechen sehr schnell wieder auf, manchmal sogar verstärkt. Man beobachtet das auch in den Befreiungskämpfen: je mehr gewalttätiger Kampf im Verlauf aufkommt, desto weniger lässt sich das Ziel erreichen, eine gerechtere Gesellschaft mit mehr Achtung vor der menschlichen Person zu erwirken. Bei einer aufgezwungenen Lösung haben nämlich die früher Privilegierten ihre Haltung nicht geändert, sie werden sofort versuchen, die Gegenrevolution vorzubereiten. Erneut braucht man zu ihrer Überwachung eine starke Polizei und ein starkes Regime. Und selbst bei einem gewissen Fortschritt geht die Spirale der Gewalt weiter.

Wegen dieser Logik und dieser Wahrheit lehnen wir eine solche Form des Kampfes ab, die unfähig ist, eine wirkliche Lösung herbeizuführen. In der Menschheitsgeschichte haben wir unter dieser Kette von Gewalt und Gegengewalt gelitten, die das Leben der Völker zu allen Zeiten durchzieht. Deshalb wurden ein anderer Weg, andere wirksamere Mittel gesucht, um der Ungerechtigkeit zu widerstehen und sie wirklich an ihrer Wurzel zu besiegen. Diese Suche zeigt uns die aktive Gewaltfreiheit.