Kraft, Aggressivität, Gewalt

Seite 4: Aktive Gewaltfreiheit

Aktive Gewaltfreiheit

Sie ist die dritte mögliche Antwort auf das Unrecht. Jeder Mensch trägt sie in sich, welches auch seine Herkunft, seine Religion oder seine Kultur sein mag.

Terminologie: AHIMSA – SATYAGRAHA

Wenn wir den Ausdruck »Gewaltfreiheit« benutzen, dann verwenden wir ein Wort, dass nur »Nein« zur Gewalt sagt, aber es drückt nicht die konstruktive Kraft eines solchen Konzeptes aus. Gewaltfreiheit, Nicht-Gewalt, ist die Übersetzung des Wortes ahimsa, das Gandhi benutzte und das sagen will: kämpfen, sich engagieren für die Gerechtigkeit ohne himsa, das heißt ohne eine Kraft, die den Gegner zerstört, ohne Gewalt. Doch wenn wir die Gewalt als Mittel des Kampfes ablehnen, dann müssen wir sie durch eine andere Kraft ersetzen. Für Gandhi ist diese andere Kraft: satyagraha = die Kraft der Wahrheit, die Kraft der Seele. Für uns Christen kann man hinzufügen: die Kraft der Gerechtigkeit, die Kraft der Liebe. Leider ist diese positive Kraft in unserem Wort »Gewaltfreiheit« nicht erkennbar. Aber wenn wir Gewaltfreiheit sagen, müssen wir sie immer mit ahimsa und satyagraha verbinden.

Perspektive der aktiven Gewaltfreiheit

Bei der aktiven Gewaltfreiheit haben wir eine ganz andere Perspektive als die der Gegengewalt. Wir lehnen eindeutig die Passivität ab, ebenso entschieden die Gewalt als Mittel des Kampfes. Wir ersetzen sie durch die Macht der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe. So sieht die Perspektive der aktiven Gewaltfreiheit aus: Sehen, die Ungerechtigkeit in ihrem ganzen Umfang analysieren; kämpfen, um diese Ungerechtigkeit zu besiegen und davon nicht nur ihre Opfer zu befreien, sondern auch jene, die in erster Linie dafür verantwortlich sind. Was bedeutet, die Ungerechtigkeit zu besiegen, den Unterdrückten und den Unterdrücker zu befreien.

Bei der Gegengewalt identifiziert man im Kampf den Gegner mit der Ungerechtigkeit, die er begangen hat, man geht so weit, dass man ihn tötet, um die Ungerechtigkeit zu besiegen. Bei der aktiven Gewaltfreiheit geschieht das Gegenteil, wir trennen Personen oder Gruppen von dem Übel, das sie anrichten. Mit Strategien der Nicht-Zusammenarbeit (non-coopération) kämpfen wir, um die Ungerechtigkeit zu besiegen, um ihre Fortdauer unmöglich zu machen. Doch gleichzeitig engagieren wir uns, um die Haltungen der dafür Verantwortlichen umzuwandeln. Die Täter sind in diesen Befreiungsprozess eingeschlossen. Indem man das Übel im Gewissen wandelt und neue Haltungen schafft, wird eine wirkliche Umwandlung der Unrechtssituation und gleichzeitig Versöhnung möglich.

Die Sicht des Menschen in der Gewaltfreiheit

Die aktive Gewaltfreiheit erfordert eine ganz spezielle Sicht des Menschen und des Lebens der Gesellschaft. Dabei können wir mehrere wesentliche Punkte wahrnehmen:

Der Mensch ist der höchste Wert unter allem, was existiert, was erschaffen wurde. Ihn muss man absolut und ausnahmslos respektieren. Alle anderen Werte müssen dem menschlichem Leben dienen. Umgekehrt aber trägt der Mensch die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und der Welt.

Jeder Mensch hat ein Gewissen. In seinem Innern wohnt die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen, sich zu ändern. Dieses Gewissen kann schlecht gebildet, unterentwickelt oder verbildet sein, aber es existiert und kann wachsen, wenn es mit der Wahrheit konfrontiert wird. Deshalb müssen wir uns von der Haltung befreien, wie etwa: »Dieser Mensch gehört zu dieser oder jener Partei, oder zu jener Kultur, Klasse, usw. Dieser Mensch kann nicht verstehen, kann sich nicht ändern!«

Der gewaltfreie Kampf ist wesentlich eine Frage des Gewissens. Ein tiefer und unerschütterlicher Glaube in die menschliche Fähigkeit, sein Gewissen zu öff-nen, ist die Grundlage jedes gewaltfreien Engagements. Wenn sich im August 1968 junge tschechische Marxisten vor die russischen Panzer stellten, mit bloßen Händen, so deshalb, weil sie ganz fest glaubten, dass der andere, der russische Soldat, ein Gewissen hat, das angerührt werden kann.

Die Bereitschaft, den Preis zu bezahlen, ist eine andere Forderung der aktiven Gewaltfreiheit. Wir müssen bereit sein, die Konsequenzen unseres Engage-ments für eine größere Gerechtigkeit auf uns zu nehmen. Jede Umwandlung erfordert Opfer. Wenn man in der Gegengewalt versucht, die Folgen des Kampfes auf den anderen abzuwälzen, so sind es in der Gewaltfreiheit wir selbst, die freiwillig diese Konsequenzen annehmen müssen: uns die Frage zu stellen, schlecht angesehen zu werden, die Karriere zu verlieren, ins Gefängnis zu gehen. ... In manchen Kämpfen geht das bis zur Hingabe des eigenen Lebens, die im Hinblick auf eine Unrechtssituation eine Frucht bringende Tat sein kann, wie wir das bei Ninoy Aquino auf den Philippinen gesehen haben.

Gewaltfreie Mittel anwenden: Wenn wir die Überzeugung haben, dass der Mensch der größte Wert ist, dann müssen wir auch die Mittel wählen, die bereits in sich diese absolute Achtung vor der menschlichen Person haben, und das sind eben gewaltfreie Mittel. Wir müssen diese kennen und sie anwenden, wir müssen Strategien entwickeln und den alternativen Kampf fördern, der das Übel an der Wurzel besiegt, der heilt und der die Versöhnung möglich macht.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Goss-Mayr, Hildegard/Goss, Jean: Evangelium und Ringen um den Frieden, Internationaler Versöhnungsbund, Uetersen, 1997, S.47 ff.