»Die Schnellbahn ratterte...«

Seite 2: Der alte Mann im Kimono

Der große Mann folgte, als ob er eine Marionette sei. Er pflanzte sich herausfordernd vor dem alten Mann hin und brüllte wieder: »Warum zur Hölle sollte ich mit dir reden?« Er hatte mir jetzt seinen Rücken zugewandt. Wenn er seine Ellbogen auch nur einen Millimeter zu bewegen wagte, würde ich ihn wie einen Baum fällen.

Der alte Mann starrte ihn unverändert weiter an. »Was hast du denn getrunken?« fragte er voller Interesse. »Ich hab' Saké getrunken«, donnerte der Arbeiter als Antwort zurück, »und es geht dich einen Dreck was an!« Er besprühte den alten Mann dabei mit Spritzern von Speichel.

»Oh, das ist wundervoll«, sagte der alte Mann, »absolut wundervoll! Weißt du, ich liebe auch Saké. Jeden Abend wärmen meine Frau (sie ist jetzt sechsundsiebzig, musst du wissen) und ich eine Flasche Saké auf und nehmen sie mit in unseren Garten und setzen uns dort auf eine alte Holzbank. Wir betrachten gemeinsam den Sonnenuntergang und schauen auf unseren Dattelpflaumenbaum.

Mein Urgroßvater hat den Baum gepflanzt, und wir machen uns Sorgen, ob er sich von jenen Frostnächten im letzten Winter erholen wird. Aber wenn man bedenkt, wie nährstoffarm unser Boden dort ist, hat er sich bis jetzt besser gehalten als ich erwartet hätte. Es ist so ein erfüllendes Gefühl, dort mit unserem Saké zu sitzen und den Abend zu genießen – manchmal sogar unter der Überdachung im Regen!«

Er schaute zum Arbeiter hinauf, und seine Augen funkelten. Während er sich bemühte, den Worten des alten Mannes zu folgen, begann sich das Gesicht des Betrunkenen zu entspannen. Seine geballten Fäuste begannen sich zu lösen. »Ja, ja« , sagte er, »ich liebe auch Dattelpflaumenbäume...«. Seine Stimme verebbte langsam. »Ja«, sagte der alte Mann lächelnd, »und ich bin mir sicher, dass du eine wundervolle Ehefrau hast.« »Nein«, sagte der Arbeiter. »Meine Frau ist gestorben.« Sehr sanft, fast synchron mit dem Rhythmus des ratternden Waggons begann der große Mann zu weinen und zu seufzen. »Ich hab' keine Frau. Ich hab' kein zu Hause. Ich hab keine Arbeit: Ich schäme mich so vor mir selbst.« Tränen rollten an seinen Wangen nieder, ein Zucken von Verzweiflung durchlief seinen ganzen Körper.

Jetzt kam ein Moment. Da stand ich mit meiner gestriegelten Gutartigkeit von unschuldiger Jugend, mit meiner »Wir-machen-die-Welt-sicher-für-die-Demokratie«–Haltung der Selbstgerechtigkeit. Plötzlich fühlte ich mich schmutziger als der Betrunkene.

Dann erreichte der Zug meine Haltestelle. Während sich die automatischen Türen öffneten, hörte ich im Gehen noch, wie der alte Mann verständnisvoll mit seufzte: »Oh weh, oh weh! Das ist wirklich sehr traurig. Setz' dich doch hier zu mir her und erzähle mir davon.«

Ich wandte den Kopf, um einen letzten Blick zu werfen. Der Arbeiter lag auf der Sitzbank, mit seinem Kopf im Schoß des alten Mannes, der mit seiner Hand sanft über das verfilzte Haar des Betrunkenen strich. Während der Zug den Bahnhof wieder verließ, setzte ich mich am Bahnsteig auf die Wartebank.

Das, was ich mit Muskelkraft hatte erreichen wollen, war durch gütige Worte vollbracht worden. Ich war gerade Zeuge dessen geworden, was Aikido im Kampf ist – und die Essenz davon ist Liebe. Ich würde, so wurde mir klar, diese Kunst noch lange mit einer anderen geistigen Haltung ausüben müssen, bevor ich auch nur über die Schlichtung eines Konfliktes sprechen könnte.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Dobson, Terry in: Ram Dass/Paul Gorman (Hrsg.): »Wie kann ich helfen«, Sadhanh Verlag, Berlin: S. 160–165