Was kennzeichnet eine Kampagne?

Eine Kampagne ist eine Serie politischer Aktivitäten, die gut geplant aufeinander folgen, um ein bestimmtes Ziel (oder auch mehrere) in meist unterschiedlichen Zeithorizonten zu erreichen.

Militaristischer Wortursprung

Der Begriff Kampagne kommt aus dem Lateinischen. Campus bedeutet »freies
Feld«, dementsprechend wurde Kampagne meist als »Feldzug« übersetzt. Strategia kommt aus dem Griechischen und lässt sich als »Feldherrenkunst« übersetzen. Antimilitarist/innen sollten an dieser Stelle nicht aussteigen: Wer Verantwortliche zu einem veränderten Handeln bewegen will, muss wissen, wer in einem politischen Prozess mitwirkt, was die Voraussetzungen für eine andere
Entscheidung sein könnten und mit welchen Interessen er oder sie es zu tun bekommen kann. Kluge Strategien brauchen wir in vielen Lebenssituationen. »Kampagnenförmig« denken zu können, ist eine hilfreiche Grundbedingung in vielen politischen, sozialen und kulturellen Auseinandersetzungen.

Alle Kampagnen haben gemeinsam, dass ihnen eine Strategie zugrunde liegt, mit der die Akteur/innen ein Ziel erreichen wollen. Sie haben (mindestens) einen handfesten Grund für ihr Handeln und können genau sagen, wer nach ihrer Analyse und Forderung was genau tun muss, um einen Missstand zu beheben.

Zunächst einige Beispiele für kampagnengeeignete Konflikte:

  • Eine Bürgerinitiative will einen neuen Mega-Stall im Nachbardorf verhindern.
  • Globalisierungskritiker/innen wollen einen zweifelhaften Finanzdeal ihrer Stadt mit einem dubiosen Finanzinvestor vereiteln.
  • Atomkraftgegner/innen akzeptieren Pläne der Regierung nicht, die Atomkonzerne aus der Haftung zu entlassen.
  • Ein veraltetes Gesetz verhindert ein wichtiges Alternativprojekt.
  • In Indien erkranken Beschäftigte einer europäischen Firma an Chemikalien, die unsachgemäß eingesetzt wurden.

Meistens ist der Aufhänger für eine Kampagne ein konkretes Problem oder ein konkreter Konflikt. Der erste notwendige Schritt zu einer Kampagne ist eine genaue Analyse.

  • Was läuft eigentlich schief?
  • Gibt es Verantwortliche?
  • Wem nutzt die Situation, wer wünscht sich eine Veränderung?
  • Gibt es Menschen oder Institutionen, die anders handeln könnten, anders handeln müssten?
  • Welche Maßnahmen machen eine Lösung möglich, im akuten Fall oder auch später, für künftige Fälle?

Wer diese Fragen bearbeitet, entdeckt oft schon Ziele für eine mögliche Kampagne. Je konkreter sie zu benennen sind, desto besser ist es für die nächsten Planungsschritte. Meist kommt eine größere Zahl von Zielen zur Lösung eines Problems infrage, sie sind unterschiedlich realistisch und unterschiedlich radikal, manche können kurzfristig erreicht
werden, andere sind deutlich langfristiger angelegt. Gut verfolgen – und häufig auch erreichen – lassen sich Ziele, die die möglichen Adressat/innen der Kampagne bereits
klar im Blick haben. Entlang der oben genannten Konflikte wären folgende (Teil-)Ziele einer Kampagne denkbar:

  • Die direkten Anwohner/innen des geplanten Megastalls werden für eine gemeinsame Klage gewonnen.
  • Der Ortsbeirat lehnt das umstrittene Projekt mehrheitlich ab.
  • Die Bürgermeister/in weist den Investor und sein Angebot ab.
  • Die Abgeordneten der xy-Partei stimmen im Bundestag gegen den Plan.
  • Die Regierungskoalition verändert das Gesetz Y und räumt die Barrieren aus dem Weg. Oder: Die mögliche künftige Regierungspartei legt sich schon vor der Wahl darauf fest, Gesetz Y in der nächsten Legislaturperiode zu verändern.
  • Die Firma XYZ gibt zu, dass sie falsch gehandelt hat, und ist bereit, Schadensersatz zu zahlen

Die Königsdisziplin der Kampagnenplanung liegt in der Entwicklung der richtigen Strategie: Welche Wege können zu den erkannten Zielen führen? Welche Strategie hat besonders gute Chancen, weil die Planenden einen guten Zeitpunkt dafür erkennen oder passende Beziehungen oder Fähigkeiten mitbringen?

Welche Kampagnenarten gibt es?

Eine idealtypische Druckkampagne würde bedeuten, alles daran zu setzen, eine bestimmte Person oder Personengruppe bzw. Institution so unter Druck zu setzen, dass sie ihr Verhalten ändert. Öffentliche Protestaktionen bringen Aufmerksamkeit und Medienberichterstattung. Wiederkehrende Appelle, Konfrontationen und bewusste Regelübertretungen (Ziviler Ungehorsam) können dabei helfen, Druck aufzubauen und eine alternative Lösung zu erreichen.

Eine Aufklärungskampagne schafft ein Bewusstsein für ein bestimmtes Problem und will mit Argumenten und emotionalen Botschaften eine Grundlage für entsprechende Verhaltensänderungen von Menschen legen. Klassiker in diesem Fach sind Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die für die Verwendung von Kondomen beim Sex oder für gesunde Ernährung werben. Aber auch eine kleine lokale Umweltschutzinitiative kann eine Aufklärungskampagne auf die Beine stellen, in dem sie für das Fahrradfahren wirbt und über die Folgen mobilen Individualverkehrs aufklärt.

Manche Kampagnen-Ratgeber nennen als eine weitere Kampagnenform noch die Lobby-Kampagne, die sich besonders an politische Entscheider/innen wendet. Diese Art der Kampagne eignet sich eher für politische Hintergrundgespräche als für konfrontativen Protest auf der Straße.

Letztlich aber zeigt sich: »Sortenreine« Kampagnen kommen in der Praxis selten vor, da verschiedene Kampagnenelemente stets miteinander kombinierbar sind. Der richtige Mix macht's – es gilt, sich immer wieder neu zu entscheiden und der Situation einer Kampagne entsprechende Maßnahmen auszuwählen.

Goldene Regeln für Druckkampagnen

Von Ulrich Wohland (Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden), seit über 30 Jahren als Campaigner und Kampagnenmoderator in der Friedensbewegung aktiv.

1. Wähle jene Themen für deine Druckkampagnen, für die bereits öffentliche Betroffenheit und mediale Aufmerksamkeit bestehen.

2. Habe immer einen Plan. Und plane Kampagnen immer vom Ende her.

3. Plane immer lösungsorientiert: Probleme werden in der Zukunft gelöst, nicht in der Analyse der Vergangenheit.

4. Kampagnenarbeit ist Transformation von Betroffenheit in Organisierung, von Empörung in Handeln.

5. Gib deiner Kampagne, neben dem Kampf gegen etwas, immer auch ein positives Ziel.

6. Reduziere deine Forderungen auf maximal drei. Wähle mindestens zwei Forderungen, sodass sie in einem Kampagnenzyklus (z. B. den ersten zwei bis drei Jahren) erreichbar sind.

7. Kampagnen greifen begrenzte Themen auf, um auf große Missstände hinzuweisen. Je besser das Thema begrenzt und zugespitzt ist, desto eher greifen Medien die Missstände auf.

8. Langfristig wirkende Soziale Bewegungen werden getragen von Kampagnen. Soziale Bewegungen ohne Kampagnen zerfallen.

9. Kämpfe immer mit den Mitteln der Gewaltfreiheit.

10. Unterscheide immer zwischen der Person des Gegners und seiner Rolle. Bekämpfe die Rolle und achte die Person.

11. Beginne eine Kampagne nur, wenn drei wild Entschlossene sich zusammenfinden, die den Erfolg suchen.

12. Dynamisiere die Kampagne durch den ständigen Wechsel von Dialog mit dem Gegner und öffentlichen Aktionen.

13. Plane Aktionen stets so, dass jede Aktion den Druck erhöht. Du bist dann erfolgreich, sobald das Gegenüber mit dir in einen Dialog auf Augenhöhe tritt.

14. Durch Kampagnen muss deine Organisation kontinuierlich stärker werden: stärker an Kompetenzen, stärker an positivem Image, stärker an Finanzen, stärker durch neue Aktive und durch mehr Mitglieder.

15. Kampagnen müssen Spaß machen. Wenn die Kampagnen den Aktiven keine Freude bereiten, ist die Strategie falsch.

16. Unterteile deine Kampagnen in Meilensteine. Feiere das Erreichen jedes Meilensteins.