Beispielgeschichte Mühlenviertel

Seite 2: Interkulturelle Punschparty

Den Versuch von Bastian und Klaus, die Aktion schleichend wieder zu verlängern, beendet Beate resolut: »Kommt gar nicht in Frage«, sagt sie, »wofür haben wir das dann vorher so ausführlich diskutiert? So, wie wir die Aktion verabredet haben, konnten alle Gruppenmitglieder dahinter stehen. Und außerdem, ich finde, wir sollten es nicht übertreiben. Die Autofahrer und Autofahrerinnen sind ohnehin schon geladen genug und die Aufmerksamkeit, die wir wollen, haben wir doch auch so. Und auf Krach mit der Polizei kommt es mir wirklich nicht an.« Die anderen sind alle ihrer Meinung und so bleibt es bei den ursprünglichen Absprachen.

Um 17 Uhr ist es schon fast dunkel – ein Detail, das die Gruppe in ihrer Planung nicht berücksichtigt hatte. Ein höchst erboster Autofahrer kommt auf den Infostand zu und bedroht Matthias mit dem Schirm. »Ich will den Verantwortlichen sprechen, das wird verdammt teuer für Sie«, ruft er lautstark. Nach einigem Hin und Her kommt heraus, dass seine Reifen zerstochen wurden – ausgerechnet die seines ausländischen Fahrzeugs. Der herbeigerufene Motorrad-Polizist lässt sich auf keine Diskussion ein:  »Verlassen Sie sofort den Parkplatz«, herrscht er Klaus, Beate und Bastian an und nimmt ihnen auch direkt das Transparent ab. Offenbar weiß er nichts von den Absprachen, die die Gruppe mit seinen Kollegen getroffen hat. Die drei sind selber von dem Zwischenfall so überrascht, dass sie der Aufforderung erst einmal ohne Widerrede Folge leisten.

Vergeblich weist Gunda darauf hin, dass kein Gruppenmitglied die Reifen zerstochen haben könne. »So doof ist doch keine und keiner von uns. Unsere Namen kriegen Sie doch hier auf dem Präsentierteller. Ganz abgesehen davon, dass wir so eine Aktion selbst bescheuert finden, will sich doch keiner mal schnell um 300 Euro ärmer machen.« Aber es nützt nichts. Der Zwischenfall führt dazu, dass alle an der Aktion Beteiligten – einschließlich des Weinladenbesitzers – ihre Personalien angeben müssen. Damit haben sie in ihrer Planung überhaupt nicht gerechnet und die Stimmung ist deutlich gedämpft. Nach einer kurzen Besprechung einigt man sich, dass der Punschausschank und die Unterschriftensammlung wie verabredet bis 19 Uhr fortgesetzt werden sollen, die »Parkplatzaktion« jedoch abgebrochen wird. Alle haben Angst, dass in den Presseberichten nicht mehr ihr Anliegen, sondern die zerstochenen Reifen im Mittelpunkt stehen.

Eine knappe Stunde vor Schluss sind alle Unterschriftenlisten voll und Inge fährt in ihr Büro, um noch einige Kopien zu ziehen – leider genau zu der Zeit, als unerwartet doch noch eine Reporterin der Tageszeitung auftaucht. Da Inge die Funktion der Pressesprecherin übernommen und sich auch auf diverse Fragen am besten vorbereitet hat, wird die Journalistin hingehalten. Nach dem Motto »Verschweigen hilft nicht« spricht Klaus von sich aus den Zwischenfall mit den Reifen an und erreicht immerhin die Zusage, dass sie ihre Berichterstattung nicht mit dem Tenor »Sabotage« schreiben will. Mit einem heißen Punsch wird ihr die Wartezeit etwas verkürzt, und im Gespräch stellt sich heraus, dass sie regelmäßig über die Einsätze von Polizei schreibt und vielleicht über einige nützliche Informationen verfügt, die man gelegentlich mal anzapfen könnte. Inge macht ihren Job als Pressesprecherin im Übrigen wunderbar. Sie hat wichtige Texte zusammengestellt und gleichzeitig auf Diskette gezogen. Charmant und selbstbewusst gibt sie diese mit noch zusätzlichen Informationen  weiter, wie sich die Gruppe zusammengefunden hat und wie man dazu stoßen kann, wenn Interesse besteht.

»Allmählich wird es mir wirklich zu kalt, und außerdem ist auch nicht mehr so viel los! Ich finde, wir sollten Schluss machen.« Gunda schaut auf die Uhr und findet, dass man sich die letzten 20 Minuten schenken kann. »Fünf weitere Unterschriften sind doch die Frostbeulen nicht wert.« Die Gruppe ist sich einig und in Kürze sind die Tische abgebaut und im Weinladen untergestellt. Die Gruppe verabredet, sich zu einem gemütlichen Ausklang noch für ein Stündchen in der Kneipe zu treffen. Dort gibt es noch eine größere Debatte über die Sabotageaktion. Gunda betont, dass sie mit ihrem Arbeitgeber Schwierigkeiten bekommen könne, wenn sie mit illegalen Aktionen in Verbindung gebracht werde, »zudem war diese ›Unterstützung’ kontraproduktiv, da sie unseren Gegnern in die Hände gespielt hat.« Klaus erwidert, dass er – ebenfalls im Öffentlichen Dienst – auf Dauer gelernt habe, nicht vorschnell mit Angst zu reagieren. »Schließlich warst du nicht beteiligt, Gunda, das können wir alle bezeugen!« Auch wenn Gunda nicht so recht glauben mag, dass ihr diese Unterstützung wirklich helfen könne, stimmt sie doch zu, dass der erzielte Erfolg das Wesentliche sei. »Jedenfalls haben wir zig Unterschriften gesammelt und sehr viele Gespräche geführt. Jetzt können wir auch besser einschätzen, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist und wie viele Menschen uns – zumindest per Unterschrift – unterstützen.« Es herrscht eine ziemliche Zufriedenheit mit der Aktion und gemeinsam stoßen sie auf ihre gelungene Premiere an. »Der Anfang ist gemacht – auf dass weitere Aktionen folgen werden!«