Beispielgeschichte: Das Mühlenviertel BI

Seite 7: Phase IV: Drachenflieger

Die Gruppe diskutiert – im Vorgriff auf die konkrete Maßnahmenentwicklung – anhand praktischer Aktionsbeispiele, welche Aktivitäten zum Erreichen welcher Teilziele geeignet sein könnten. Dabei wird deutlich, dass Einzelne immer noch Ziele und Mittel verwechseln. Die genannten Aktionsideen sind Mittel, die aber keinen Eigenwert haben, sondern der Zielerreichung dienen sollen. So hilfreich es sein mag, die möglichen Umsetzungen von Zielen anhand von Aktionsideen zu diskutieren, so sehr leuchtet es der Gruppe auch ein, dass diese beiden Qualitäten genau voneinander zu trennen sind.

Zum besseren Verständnis illustriert Matthias den Unterschied an seinem Hobby, dem »Drachenfliegen«.»Sicherheit ist beim Drachenfliegen kein Ziel an sich, sondern eine Bedingung zur Zielerreichung«, sagt er. »Das eigentliche Ziel ist auch nicht, an irgendeinem Ort anzukommen, denn dieser ist ziemlich egal. Trotzdem braucht man ein solches Ziel, aber es wird vor allem danach ausgesucht, wo der längste Fluggenuss zu erwarten ist. Fluggenuss ist deshalb das Ziel – und nicht der Landeort, auch wenn man den landläufig als Ziel bezeichnet.« Der Zielpunkt habe deshalb nur »Mittelqualität«, z.B. im Blick auf Flugperfektion, spiele aber auch für andere praktische Aspekte, nämlich dort abgeholt zu werden etc., eine Rolle. Gleiches gelte für das Fluggerät und die Sicherheit, die es biete.

Am Schluss des Abends – einige rüsten schon zum Gehen – sagt Klaus: »Bevor jetzt alle gehen, eins möchte ich noch sagen«, und räuspert sich dabei geräuschvoll, »was wir uns heute Abend erarbeitet haben, das kann sich wirklich sehen lassen. Ich bin stolz auf euch, ich bin stolz auf uns, und ich habe heute Abend wirklich viel gelernt. Mir ist manches wie Schuppen von den Augen gefallen und ich kann jetzt auch verstehen, weshalb ich manche hier in der Gruppe mit meinem Drängen auf Aktionen so genervt habe. So klar waren mir die Zusammenhänge vorher nicht, obwohl ich doch nun wirklich schon ein paar Jährchen auf dem Puckel habe.... Vielen Dank, euch allen!«

»Freut mich wirklich, Klaus, was du da sagst«, meint Gunda und in den Gesichtern einiger anderer Gruppenmitglieder sieht man, dass sie hier für viele spricht. »Aber ich muss auch noch was loswerden. Ich bin letzte Woche mitgegangen, als Bastian seinen Kochtag im Flüchtlingsheim hatte. Beim Essen erfuhren wir, dass für die nächste Zeit wieder eine Reihe von Abschiebungen erwartet werden. So hat eine Familie Blonicz bereits vor einigen Wochen eine Ausreiseverfügung erhalten.« Weiter erzählt Gunda, dass die Familie im Zuge des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland geflohen sei und hier jetzt schon seit einigen Jahren lebte. Ihr Haus und die Möbelschreinerei, die Herr Blonicz betrieben habe, seien zerstört. An ihren Heimatort könne und wolle die Familie nicht zurückkehren. Dort würden heute bosnische Serben wohnen, die ihrerseits umgesiedelt wurden. Seit gerade einmal 8 Monaten habe Herr Blonicz eine Arbeitserlaubnis und sei seitdem bei einer Installationsfirma beschäftigt. Frau Blonicz sei für einige Stunden als Reinigungskraft beschäftigt, Sohn (17) und Tochter (13) besuchten die Gesamtschule und hätten dort auch Freunde gefunden.

»Ihr Haus ist zerstört, ihre Nachbarn und Nachbarinnen sind vertrieben, und nun müssen sie befürchten, zwangsweise in eine Land abgeschoben zu werden, das für sie keine Heimat mehr ist«, fasst Gunda den Stand der Dinge zusammen. »Als ich Herrn und Frau Blonicz von unserer Initiative erzählte, schwankte die Stimmung zwischen Resignation und Hoffnung. Scham kam auf, dass andere für sie aktiv werden sollen. Und Angst, dass sie als ›öffentlicher Fall‹ vielleicht sogar umso schneller abgeschoben werden, falls unsere Gruppe ihren Fall publik machen würde. Die Bloniczs haben Angst, diesmal keine Nische mehr zu finden, wie es zuvor schon zweimal gelungen war. – Das wollte ich euch nur erzählen, denn ich hätte die Familie gerne zu unserem nächsten Treffen eingeladen. Aber Bastian und ich haben dann überlegt, dass es besser wäre, euch erst zu fragen, ob ihr einverstanden seid.«

Einigen geht das zu schnell, auch wenn alle darin übereinstimmen, dass sie zusammen  eine Abschiebung verhindern wollen. Gemeinsam entscheiden sie, dass die Bloniczs zwar am nächsten Gruppentreffen noch nicht teilnehmen werden, aber dass Bastian und Gunda engem Kontakt halten sollen. Beim nächsten Mal soll weiter überlegt werden, wie sich die Gruppe zu dem konkreten Fall der Familie verhalten will.

Es ist spät geworden heute, und mit eher nachdenklicher Stimmung gehen Fariba, Gunda, Matthias, Klaus, Inge, Beate und Bastian nach Hause ...