Beispielgeschichte: Das Mühlenviertel BI

Seite 6: Phase IV: Die Strategie – Drachenflieger

Phase IV: Die Strategie – Drachenflieger

Pünktlich um 8 Uhr abends ist die Initiative vollständig versammelt. Neben den bisherigen Aktivist/innen ist auch Fariba mitgekommen, Gundas Nachbarin. Fariba ist 22 Jahre alt, von Beruf Zahntechnikerin und lebt seit ihrer Geburt in der Bundesrepublik. Sie wird freudig begrüßt und die Gruppe stellt sich kurz mit Namen vor. Gunda hat ihr bereits ausführlich von den Personen und ihren bisherigen Treffen berichtet.

Eine Weile plätschert das Gespräch vor sich hin, bis Beate an das vereinbarte Thema erinnert: »Wir wollten uns heute mit unserer Vorgehensweise beschäftigen, manche haben beim letzten Mal von Strategie gesprochen. Ehrlich gesagt, ich hab ein sehr zwiespältiges Verhältnis dazu. Wenn Politiker und Politiker/innen von Strategie reden, dann horche ich immer auf; meist geht es ja darum, etwas gegen den Widerstand der Betroffenen durchzusetzen.« Matthias Assoziationen gehen in eine ähnliche Richtung: »Dazu fallen mir Militär und Schlachtfelder ein.«

Gunda antwortet: »Eure Abneigung gegen das Wort kann ich verstehen. Aber andererseits ist Strategie schon etwas sehr Notwendiges, das sehe ich z.B. auch in meinem Beruf. Als Krankenschwester habe ich schon öfter erlebt, wie an manchen kranken Personen konzeptlos ›rumgedocktert‹ wurde. Selbst wenn das Ziel klar war, wurde kein Weg konsequent durchgehalten. Mal hat man’s mit dem Medikament versucht, dann mit einem anderen, da war kein richtiger Plan dahinter. Aber auch das Gegenteil habe ich erlebt. Auf einer Krebsstation gab es oft Patienten und Patientinnen, bei denen Therapien anfangs überhaupt nichts zu bewirken schienen. Trotzdem hatten wir da ein tolles Team von Krankenschwestern, Pflegern, Ärztinnen und Ärzten und wir haben einfach die Ruhe bewahrt und der Langzeitwirkung der Maßnahmen vertraut. Und da konnte ich erleben, was eine gute Strategie ist.  Verschiedene Maßnahmen, die an ganz verschiedenen Punkten ansetzten, aber gut aufeinander abgestimmt sind, haben sich schließlich gegenseitig ergänzt und in ihrer Wirkung potenziert.«

Darauf Beate: »Ja, darin liegt wohl im Moment wirklich unser Problem. Es gibt eine Menge Ideen, was wir konkret machen könnten, aber ob das alles zusammenpasst, da hab ich meine Zweifel. Und wenn wir zu viel machen, verzetteln wir uns schnell. Ich denke, es geht im Moment noch nicht um die eine große Aktion, sondern unter Strategie verstehe ich, die Verwirklichung unseres Ziels, das Klaus beim letzten Mal so toll formuliert hat, Schritt für Schritt zu planen.« Und Fariba ergänzt: »Wir brauchen Teilziele, denn wenn es so einfach wäre, eine Abschiebung zu verhindern, dann gäbe es schon längst keine mehr.«

In dieser Situation nimmt sich die Gruppe noch einmal die Bedingungsanalyse zur Hand, die sie vor einigen Wochen erstellt hatte. Mit Blick auf die unterschiedlichen Gruppierungen wird das beim letzten Treffen von Klaus formulierte Gesamtziel differenziert. Mit Freude bemerken die Aktivist/innen in der Gruppe dabei auch, dass der immer wieder aufkeimende Disput um »Lust, Zielorientierung und entschiedene Aktionen« sich produktiv auflösen lässt. Öffentlichkeitsaktionen und ziviler Ungehorsam sind nämlich in Wahrheit gar keine Gegensätze, vielmehr wollen sie verschiedene Personen erreichen. Folgende Ziele und Zielgruppen lassen sich unterscheiden:

  • Die bislang noch unbeteiligte, nicht oder schlecht informierte Öffentlichkeit: Aktionen zur Information der Öffentlichkeit sollen die Abschiebepraxis entanonymisieren. Abschiebung geschieht im unmittelbaren Umfeld. Verantwortlich sind Personen, die sich namentlich benennen lassen. Betroffene sind Menschen mit einer schon jetzt harten Lebensgeschichte. Die Abschiebung setzt die Unmenschlichkeit fort, aber da staatliches Handeln in unser aller Namen erfolgt, sind wir – wenn wir es geschehen lassen – auch direkt mitverantwortlich.

    Der Gruppe ist klar, dass sie einerseits Aktionen wählen muss, die auffällig, interessant, witzig und kreativ sind und deshalb spontan Sympathie mit dem eigenen Standpunkt hervorrufen. Informationen sollen aber nicht belehrend oder mit moralischem Zeigefinger weitergegeben werden, sie sollen eindeutig und möglichst nachprüfbar sein und auf Polemik und Verunglimpfung des/der Gegners/in verzichten.

    Sie dürfen nicht so provokativ sein, dass potenzielle Verbündete abgeschreckt oder in ihrer Sympathie verunsichert werden.
  • Die verantwortlichen politischen Entscheidungsträger/innen und die Verwaltung, die die Abschiebung durchführen:

    Durch Aktionen soll Druck auf die Entscheidungsträger/innen ausgeübt werden. Diese Machtentfaltung zielt darauf ab, einen Dialog, der bisher verweigert wurde, herbeizuführen und dafür zu sorgen, dass durch bewusste Dramatisierung die Ziele und Interessen der eigenen Gruppe Beachtung finden.
  • Die aktuell in ihren Menschenrechten gefährdeten Personen, die von Abschiebung bedroht sind: Für sie soll möglichst ein wirksamer Schutz organisiert werden. Dabei ist es wichtig zu beachten, sie nicht zu instrumentalisieren oder zusätzlich zu gefährden.
  • Die eigene Gruppe oder auch Bündnispartner/innen:

    Hier geht es darum, die Ressourcen der Gruppe zu stärken, z.B. die eigene Motivation oder Energie zu erhöhen, indem dafür gesorgt wird, dass die eigenen Aktionen Spaß machen und sich weitere Aktive anschließen.


»Wir müssen nach Möglichkeit auf allen vier Ebenen Aktivitäten entwickeln«, sagt Gunda. »Wenn uns das gelingt, dann haben wir eine gute Strategie!«