Beispielgeschichte: Das Mühlenviertel BI

Seite 2: Phase I: Die Ausgangslage – Das erste Treffen

Phase I: Die Ausgangslage – Das erste Treffen

Unsere Geschichte beginnt an einem Abend im August. Das örtliche Bürgerzentrum hatte zu einer Infoveranstaltung mit dem Titel »Ist Deutschland ein Einwanderungsland?« eingeladen. Gunda – eigentlich »nur« Teilnehmerin – hatte am Eingang Unterschriftenlisten mit einer Resolution gegen die Abschiebepraxis der Bundesregierung ausgelegt.

Nach Veranstaltungsende spricht sie ein junger Mann an, der auch noch unterschreiben möchte. Dabei erzählt er von einer bosnischen Familie, die letzte Woche abgeschoben wurde. Dieses Gespräch beschäftigt Gunda die kommenden Tage. Warum hat sie von der Sache nichts gewusst? Warum hat es auf der Veranstaltung keine Rolle gespielt? So viel ist sicher: In der Zeitung hat nichts gestanden. Es ist doch ein Skandal, findet Gunda, dass wir da zusammenkommen, während fast gleichzeitig unbemerkt eine Abschiebung vor unser aller Augen vonstatten geht. Man müsste wirklich mehr machen als einfach nur seine Unterschrift unter eine allgemeine Resolution setzen, denkt sie.

Schließlich ruft sie Bastian an, den jungen Mann, der als letzter unterzeichnet hat. Schnell sind sich die beiden einig, dass mehr passieren muss.

Gemeinsam telefonieren sie alle an, die unterzeichnet hatten, um sie zu einem ersten Treffen einer Initiativgruppe gegen Abschiebung einzuladen. Und genau zwei Wochen nach der Veranstaltung treffen sich im privaten Rahmen sechs Personen, die der Einladung gefolgt sind, um über weitergehende Aktivitäten zu beraten.

Schon in der Vorstellungsrunde wird deutlich, dass die Motivation in der Gruppe mitzuarbeiten recht unterschiedlich ist, was die Gruppe jedoch nicht als Hindernis für die Zusammenarbeit sieht. Im Gegenteil.

Beate meint dazu: »Ich finde es gut, dass wir so unterschiedliche Gründe haben, etwas gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Abschiebungen zu unternehmen. Schließlich müssen wir viele andere Menschen finden, die auch gegen Abschiebung sind – und das bestimmt aus ebenso vielfältigen Gründen wie sie bei uns vorkommen.«

Als sich die Diskussion dann an der Frage des Selbstverständnisses als Gruppe festbeißt, platzt Klaus der Kragen: Er sei nicht hier hingekommen, um einem »Debattierklub« anzugehören. »Was wir jetzt brauchen, sind Aktionen. Durch Reden ändert sich nichts!« Aber seine aufbrausende Art erntet sofort Widerspruch. »Ich renne nicht mit dem Kopf gegen die Wand. Wenn ich etwas unternehme, dann muss es eine realistische Aussicht auf Erfolg geben«, meint Inge und Gunda pflichtet ihr bei.

Darauf, dass Ziele und Erfolge wichtig sind, können sich alle gut einigen. Abschiebungen sollen verhindert werden; welche Mittel dazu dienlich sind, darüber bleibt später noch reichlich Zeit zu reden. »Das reicht erst mal als gemeinsame Basis«, findet auch Beate, »solange hier niemand einen Anschlag auf die Ausländerbehörde plant.« Einig sind sich aber alle darüber, dass noch viel zu wenige Bewohner/innen ihrer Stadt begriffen haben, wie schnell sich Geschichte wiederholen kann: Grundrechte werden beschnitten, Menschen erster und zweiter Klasse geschaffen, wirtschaftliche Gründe haben Vorrang vor Menschlichkeit.

Eingehend beschäftigt sich die Gruppe mit der Abschiebung der bosnischen Familie vor drei Wochen. Niemand habe im Wohnheim von der Abschiebung gewusst. »Und wenn schon«, meint Bastian resigniert, »verhindert hätten wir das sowieso nicht. Dafür bräuchte es andere Gesetze, eine andere Regierung vielleicht. Deshalb treffen wir uns ja hier, damit sich da langfristig etwas ändert.«

Gunda und Klaus protestieren fast gleichzeitig. »Ich will verhindern, dass so was noch mal vorkommt«, meint Gunda, und Klaus ergänzt: »Auf andere Gesetze können wir lange warten. Verstecken müssen wir die Leute, was haben die denn davon, wenn sie in 10 Jahren hätten bleiben können.«

»So kommen wir nicht weiter«, meint Gunda, »wenn nicht jede und jeder von uns der Ansicht wäre, man könnte etwas tun, dann wären wir jetzt nicht hier, oder? Also lasst uns schauen, was uns verbindet, und nicht, was uns trennt!«

Eine erste Sammlung dient der Vergewisserung über gemeinsame Hoffnungen und Ideen: Fast alle sind der Meinung, dass es viel mehr Öffentlichkeitsarbeit geben muss. Dass die lokale Presse von der letzten Abschiebung nichts berichtet hat, darf sich nicht noch einmal wiederholen. Während Inge vorschlägt, einen Artikel im Stadtmagazin zu veröffentlichen, meint Gunda, dass eine Veranstaltung mit den gewählten Ratsmitgliedern ein Schritt sein könnte. Und Beate betont, dass man jetzt schnell ein Flugblatt zum »Abschiebeskandal« in der Stadt verteilen sollte.

Erfreut stellt die Gruppe dann noch fest, dass sie als Personen bereits eine Menge Stärken (Ressourcen) vereinigen. Da sind Inges Kontakte zu verschiedenen Rechtsanwälten, Gundas Bekanntschaft zu ein paar Ratspolitiker/innen und Matthias Freundin, die in einer Druckerei beschäftigt ist. Klaus verfügt über reiche politische Erfahrung und Beates Fähigkeit, andere zum Mitmachen zu begeistern, ist sehr offensichtlich. Neben den Potenzialen, die jeder und jede einbringen kann, wird die Arbeit aber auch Geld kosten. Es wird also auch darum gehen, finanzielle Mittel für eine Kampagne gegen die Abschiebungen zu organisieren.

Gegen Ende dieses ersten Treffens meint Inge: »Ich finde, für heute haben wir genug gearbeitet. Ich kann nicht mehr, wir sollten in der Kneipe um die Ecke noch ein Bier trinken gehen.«

»Ja, aber erst, wenn wir ein weiteres Treffen vereinbart haben«, fordert Klaus, und die Gruppe einigt sich schnell auf vorerst wöchentliche Treffen am gleichen Tag, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort.