Was ist Community Organizing?

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Methodischer Ablauf

CO folgt einem Organisationszirkel oder einer Organisationsspirale. Diese lässt sich grob in vier Phasen einteilen:

(1) persönliche Gespräche

(2) Versammlung, Machtanalysen und Nachforschungen

(3) Aktionen und

(4) Organisationsaufbau.

Diese Phasen können frei oder im Kontext des Aufbaus einer Community Organization stattfinden.

Persönliche Gespräche (one on one)

Ein CO startet mit persönlichen Gesprächen, sogenannten Eins-zu-eins-Gesprächen. Überhaupt machen Gespräche und das aktive Zuhören einen Hauptteil der Arbeit aus.
Menschen werden zumeist aus zwei Gründen aktiv: aus Eigeninteressen (self interest) und aufgrund von Beziehungen (relationship). Deshalb sind Besuche und persönliche Gespräche durch Organizer oder ein CO-Team äußerst wichtig. Sie dienen dazu, Beziehungen zu knüpfen, Vertrauen aufzubauen und die Eigeninteressen, Talente und Wertvorstellungen der Menschen aufzuspüren.
Ein persönliches Gespräch dauert ca. 30 bis 60 min. und läuft nach folgendem Muster ab: Einstieg, Kennenlernen, Erfragen von Besorgnissen und Wünschen, Ausklang. Nach Abschluss der Gespräche werden die Erfahrungen des Besuches schriftlich festgehalten und ausgewertet. Mit Hilfe der Dokumentation kann auf die Inhalte der Gespräche später zurückgegriffen werden.

Versammlung, Machtanalysen und Recherche (research)

Die persönlichen Einzelgespräche dienen u. a. dazu, eine Gruppe von Menschen mit gleichen Interessen zu identifizieren und schließlich zu einer Versammlung, einem »Meeting« zusammen zu bringen. Wenn sich daraus eine Kerngruppe gebildet hat, kann die nächste Phase beginnen: die Phase der Machtanalyse. In dieser Phase geht es darum, die Zielperson oder Zielinstitution (target) zu identifizieren, die der Community Organization das geben kann, was sie haben will. Darüber hinaus sollte sich die Gruppe fragen, ob ihre Macht ausreicht, das Ziel in einem überschaubaren Zeitfenster zu erreichen. Auch sollte das Ziel so ausgewählt werden, dass es dazu beiträgt, die Mitglieder der Organisation weiter zu trainieren und neue Verbündete zu gewinnen. Grundsätzlich gilt: Nur ein Ziel, dass von der Community Organization als Ganzes getragen wird, ist ein gutes Ziel.

In der folgenden Phase der Nachforschung werden vor allem drei Kernbereiche näher untersucht: der Sachverhalt, die Zielperson oder Zielinstitution und mögliche Verbündete. Bei der Untersuchung des Sachverhaltes kann zunächst an den Erfahrungen der Mitglieder der Gruppe angeknüpft werden. Die Organisation sollte sich fragen, wer sonst noch vom Problem betroffen ist, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und was noch gebraucht wird. Dies kann z. B. zur Frage der Finanzierung führen: Welche Kosten entstehen und wie werden diese gedeckt? Des Weiteren wird die Zielperson genauer untersucht: Es ist sinnvoll, genau die Strukturen, z. B. die Beziehungsstrukturen und Verantwortungsgeflechte, sowie den Hintergrund der Zielperson zu kennen. Besonders wichtig ist es, die Vorgeschichte des Problems, mit dem sich die Community Organization auseinandersetzt, zu verstehen. Denn das Verständnis der Entstehungszusammenhänge kann erste Hinweise auf mögliche Lösungen geben. Hier kann es hilfreich sein, nach Beispielen für gute Lösungen in ähnlichen Sachverhalten zu suchen.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Ebenso wie sich die Community Organization fragen sollte, welche Verbündete sie für ihr Anliegen gewinnen kann, so sollte sie sich auch fragen, welche Verbündete die Gegenseite beibringen wird. Es ist gut, seinen Gegner zu kennen.

Aktionen (action)

Ein zentrales Element von CO ist die Aktion. Zumeist finden Aktionen in Form eines öffentlichen Treffens zwischen den Mitgliedern der Community Organization und der oder den Zielpersonen statt. Ziel des Treffens ist es, die Zielperson zu Verhandlungen (negotiation) und im günstistgen Fall zu Zugeständnissen zu bewegen.
Da die Mitglieder einer Organisation anfangs in der Regel kaum Erfahrungen mit öffentlichen Treffen haben, sich aber die Zielpersonen wie z. B. Politiker auf der Bühne der Öffentlichkeit routiniert bewegen, kann es sinnvoll sein, das Treffen zuvor in Rollenspielen u. a. zu üben. Ziel ist es, dass sich die Organisation niemals das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lässt.
Es kann sein, dass sich eine Zielperson nicht direkt auf ein öffentliches Treffen einlässt, zumal dann nicht, wenn diese die Community Organization nicht ernst genug nimmt. Dann ist es sinnvoll, Druck auf die Zielperson auszuüben und diesen Druck schrittweise zu erhöhen. Dabei gilt die Grundregel: Die Aktivist/innen sind jederzeit zur Kooperation bereit, wenn die Zielperson mit ihnen kooperieren will. Gelingt es, die Zielperson zu Zugeständnissen zu bewegen, wird die Community Organization als Gesprächs- und Verhandlungspartner ernst genommen. Das ist ein Erfolg.
Hinsichtlich guter Aktionen sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Je kreativer eine Aktion ist, umso mehr Aufmerksamkeit wird sie erzeugen und den Mitgliedern der Community Organization selbst Spaß bereiten. Schon Alinsky wusste, dass Spott eine mächtige Waffe ist. Dazu kann beispielsweise auf Erfahrungen aus dem Bereich des zivilen Ungehorsams, aus der Aktionskunst oder dem Theater zurückgegriffen werden.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Selbstredend sollte die Zielperson nicht verleumdet, beleidigt, diskriminiert oder gar verletzt werden. Auch hier gilt der ethische und demokratische Rahmen des CO. Der Gegner wird respektiert. Indes kann die Zielperson dazu provoziert werden, ihrerseits unüberlegt zu handeln. Hier gilt: Reaktion ist Aktion. An fraglichen Reaktionen der Zielperson wird ersichtlich, dass die Macht der Organisation wächst.

Reflexion und Organisationsaufbau

Gegen Ende werden Erfolge und Misserfolge des CO-Prozesses ausgewertet. Ziel ist es, aus den Erfolgen wie aus den Misserfolgen für die nächste Runde zu lernen.
Ist es gelungen, zumindest einen Teil der angestrebten Ziele durchzusetzen, stärkt dieser Erfolg die Organisation selbst. Vielleicht liegt hierin der wichtigste Effekt: CO kann dazu führen, dass zuvor resignierte Menschen wieder erfahren, dass sie als Bürger/innen etwas bewegen können. Insofern belebt CO die Demokratie und Zivilgesellschaft.