Was ist Community Organizing?

Theoretischer Rahmen

In Deutschland wirken Sprache, Denken und Handeln im Community Organizing (CO) möglicherweise etwas fremd (1). Deshalb werden im Folgenden zentrale Grundbegriffe, die im CO von Bedeutung sind, erklärt. Auch wird der methodische Ablauf eines CO-Prozesses nachgezeichnet. Zu den Grundbegriffen von CO gehören: Macht, öffentliche Beziehungen, Organisation, Strategie und Taktik. Zudem findet CO immer in einem ethischen und demokratischen Rahmen statt.

Macht (power)

Im Unterschied zu einem verbreiteten alltäglichen Vorverständnis ist der Begriff Macht im CO nicht negativ besetzt. Im Gegenteil gilt, dass Organisationen Macht brauchen und aufbauen müssen, wollen Bürger/innen Veränderung herbeiführen. Hinzu kommt, dass sprachlich zwischen Macht und Gewalt unterschieden werden kann, weshalb dem Wort Macht als politisch-öffentlicher Kategorie weniger ethische Bedenken anhaften. Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King formulierte das so: »Macht, richtig verstanden, ist die Möglichkeit etwas zu erreichen. Es ist die Stärke, die man braucht, um soziale, politische oder wirtschaftliche Veränderungen herbeizuführen. In diesem Sinne ist Macht nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig, um die Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit zu erfüllen. Eines der größten Probleme der Geschichte ist es, daß die Begriffe Liebe und Macht gewöhnlich als polare Gegensätze gegenübergestellt werden.« (2) Macht wird nicht als Gegenteil von Liebe oder Gerechtigkeit verstanden, sondern vielmehr als deren notwendige und pragmatische Ergänzung.
Im CO werden zwei Formen von Macht unterschieden: die Macht des Geldes und die Macht des Volkes. Die Macht von Geld und Kapital zeigt sich u. a. am Einfluss von Finanz-Eliten auf politische Entscheidungsprozesse. Da die gesellschaftlich ausgeschlossenen Gruppen meist nicht über Geld und Einfluss verfügen, müssen sie sich eine andere Quelle der Macht erschließen: die Macht des Volkes.

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Mittel und Ziel im CO ist es, möglichst viele Menschen und Organisationen (organize the organizations) zusammenzubringen, um gemeinsam stärker zu werden.

Öffentliche Beziehungen (community) und Organisation (organization)

CO lebt von öffentlichen Beziehungen zwischen Menschen. In einem ersten Schritt werden diese Beziehungen z. B. in einem Stadtteil untersucht und dort, wo sie wenig entwickelt oder eingeschlafen sind, neu belebt und aufgebaut. Eine wichtige Rolle spielen dabei die in Communities verwurzelten Schlüsselpersonen (leaders). Diese gilt es für die Community Organization zu gewinnen. Schließlich muss die Organisation selbst in der Nachbarschaft, dem Stadtteil, der Betroffenengruppe wurzeln.
Nachbarschaften, Stadtteile und Betroffenengruppen besitzen eigene Traditionen und Geschichten. Deshalb ist es im CO wichtig, die Erfahrungen, Bräuche, Wertvorstellungen eines Stadtteils und seiner Bewohner/innen zu kennen. Denn der Aufbau einer Community Organization fängt realistischerweise mit dem an, was an Traditionen einer Community vorgefunden wird.
Bei einer derartigen Organisation handelt es sich nicht um eine Bürgerinitiative. Im Unterschied zu Initiativen, welche nur auf Zeit und zu einem bestimmten Zweck gebildet werden, baut CO dauerhafte Organisationsstrukturen auf, die es möglich machen, die Arbeit zu verstetigen und immer wieder neu aufzunehmen. Wichtig sind die Fragen der Finanzierung. In der Regel werden die Kosten durch Fundraising getragen, wobei Mitgliedsbeiträge und Spenden eine besondere Rolle spielen.

Konflikt (conflict)

Auch wenn Community Organizing im Grundsatz auf Kooperation angelegt ist, sind Konflikte geradezu das Lebenselixier des CO. Ohne Auseinandersetzungen z. B. mit einer Stadtverwaltung oder einer Wohnungsbaugesellschaft wird es kaum Veränderung geben.
CO ist eine konfliktorientierte Methode, was jedoch nicht mit einem aggressiven oder gar destruktiven Vorgehen gleichgesetzt werden darf, wie dies oft kritisch gegenüber CO eingewendet wird.

Strategie (strategy) und Taktik (tactic)

Eine gute Strategie zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln das Bestmögliche für die Community herausholt. Eine gute strategische Planung schätzt die zu Verfügung stehenden Mittel und die Macht der Organisation realistisch ein. Im Abgleich der vorhandenen Macht mit der Gegenmacht ist zu prüfen, ob die Ziele der Community Organization erreichbar sind.
Neben einer guten Strategieplanung spielen im CO Konflikttaktiken eine wichtige Rolle. Alinsky hat hierzu einen Kanon von Regeln aufgestellt:

Macht ist nicht nur das, was man hat, sondern auch das, von dem der Gegner glaubt, dass man es hat.

Verlasse niemals den Erfahrungsbereich der eigenen Mitstreiter, aber möglichst den der Gegner.

Zwinge den Gegner, nach seinen eigenen Gesetzen zu leben.

Spott ist die mächtigste Waffe des Menschen. Denn er verführt die Gegner zu falschem Verhalten und deckt ihre Schwächen auf.

Die eigentliche Aktion besteht in der Reaktion der Gegenpartei. Eine sorgfältig gereizte Gegenpartei wird durch ihre zornige Reaktion die Bürgerbewegung nachhaltig stärken.

Eine Taktik ist nur dann gut, wenn sie den Mitgliedern der Gruppe Spaß bereitet. Solange man lachen und sich freuen kann, wird der Wille zur Aktion nicht nachlassen. Ständige Aktionen sind unabdingbar, denn:

Der Druck darf nicht nachlassen. Ständiger Druck bewirkt Fehlreaktion des Gegners und unterstützt die eigene Aktion.

Die Drohung hat oft eine abschreckendere Wirkung als die Aktion selbst. Wenn man dem Gegner geschickt Informationen über die eigenen Planungen zuspielt, erspart dies oft die eigene Aktion. Der Gegner bekommt es schon vorher mit der Angst zu tun und gibt nach.

Such dir eine Zielscheibe, personalisiere sie und schieß dich auf sie ein. Es hat keinen Sinn, anonyme Verwaltungen, Konzerne oder komplette Systeme anzugreifen, denn ein gezielter Angriff zerschellt zu leicht an den bürokratisch organisierten Vorgängen großer Einheiten. Um einen Konflikt zu befeuern, hilft es oft, wenn man sich eine Person herausnimmt und sie von allen Seiten mit gezielten Argumenten, mit politischen Aktionen oder mit langfristigen Strategien, mit Spott und Ironie angreift. (3)

Ethischer und demokratischer Rahmen

Kritiker werfen CO vor, als Methode ethisch fragwürdig zu sein. CO ist jedoch an feste ethische Prinzipien gebunden, wie das oben genannte Zitat von King deutlich macht. Nicht Macht an sich ist das Problem, sondern die ungleiche Verteilung der Macht. Die Demokratie lebt vom Konflikt und von der Auseinandersetzung. Nur durch Auseinandersetzungen können sich Demokratien verbessern. Damit eine Auseinandersetzung fruchtbar ist, braucht es allerdings gleichwertige Partner. Demokratie in diesem Sinne ist ein fortwährender Prozess des Aushandelns von unterschiedlichen Interessen zum Wohle aller.

Methodischer Ablauf

CO folgt einem Organisationszirkel oder einer Organisationsspirale. Diese lässt sich grob in vier Phasen einteilen:

(1) persönliche Gespräche

(2) Versammlung, Machtanalysen und Nachforschungen

(3) Aktionen und

(4) Organisationsaufbau.

Diese Phasen können frei oder im Kontext des Aufbaus einer Community Organization stattfinden.

Persönliche Gespräche (one on one)

Ein CO startet mit persönlichen Gesprächen, sogenannten Eins-zu-eins-Gesprächen. Überhaupt machen Gespräche und das aktive Zuhören einen Hauptteil der Arbeit aus.
Menschen werden zumeist aus zwei Gründen aktiv: aus Eigeninteressen (self interest) und aufgrund von Beziehungen (relationship). Deshalb sind Besuche und persönliche Gespräche durch Organizer oder ein CO-Team äußerst wichtig. Sie dienen dazu, Beziehungen zu knüpfen, Vertrauen aufzubauen und die Eigeninteressen, Talente und Wertvorstellungen der Menschen aufzuspüren.
Ein persönliches Gespräch dauert ca. 30 bis 60 min. und läuft nach folgendem Muster ab: Einstieg, Kennenlernen, Erfragen von Besorgnissen und Wünschen, Ausklang. Nach Abschluss der Gespräche werden die Erfahrungen des Besuches schriftlich festgehalten und ausgewertet. Mit Hilfe der Dokumentation kann auf die Inhalte der Gespräche später zurückgegriffen werden.

Versammlung, Machtanalysen und Recherche (research)

Die persönlichen Einzelgespräche dienen u. a. dazu, eine Gruppe von Menschen mit gleichen Interessen zu identifizieren und schließlich zu einer Versammlung, einem »Meeting« zusammen zu bringen. Wenn sich daraus eine Kerngruppe gebildet hat, kann die nächste Phase beginnen: die Phase der Machtanalyse. In dieser Phase geht es darum, die Zielperson oder Zielinstitution (target) zu identifizieren, die der Community Organization das geben kann, was sie haben will. Darüber hinaus sollte sich die Gruppe fragen, ob ihre Macht ausreicht, das Ziel in einem überschaubaren Zeitfenster zu erreichen. Auch sollte das Ziel so ausgewählt werden, dass es dazu beiträgt, die Mitglieder der Organisation weiter zu trainieren und neue Verbündete zu gewinnen. Grundsätzlich gilt: Nur ein Ziel, dass von der Community Organization als Ganzes getragen wird, ist ein gutes Ziel.

In der folgenden Phase der Nachforschung werden vor allem drei Kernbereiche näher untersucht: der Sachverhalt, die Zielperson oder Zielinstitution und mögliche Verbündete. Bei der Untersuchung des Sachverhaltes kann zunächst an den Erfahrungen der Mitglieder der Gruppe angeknüpft werden. Die Organisation sollte sich fragen, wer sonst noch vom Problem betroffen ist, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und was noch gebraucht wird. Dies kann z. B. zur Frage der Finanzierung führen: Welche Kosten entstehen und wie werden diese gedeckt? Des Weiteren wird die Zielperson genauer untersucht: Es ist sinnvoll, genau die Strukturen, z. B. die Beziehungsstrukturen und Verantwortungsgeflechte, sowie den Hintergrund der Zielperson zu kennen. Besonders wichtig ist es, die Vorgeschichte des Problems, mit dem sich die Community Organization auseinandersetzt, zu verstehen. Denn das Verständnis der Entstehungszusammenhänge kann erste Hinweise auf mögliche Lösungen geben. Hier kann es hilfreich sein, nach Beispielen für gute Lösungen in ähnlichen Sachverhalten zu suchen.

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Ebenso wie sich die Community Organization fragen sollte, welche Verbündete sie für ihr Anliegen gewinnen kann, so sollte sie sich auch fragen, welche Verbündete die Gegenseite beibringen wird. Es ist gut, seinen Gegner zu kennen.

Aktionen (action)

Ein zentrales Element von CO ist die Aktion. Zumeist finden Aktionen in Form eines öffentlichen Treffens zwischen den Mitgliedern der Community Organization und der oder den Zielpersonen statt. Ziel des Treffens ist es, die Zielperson zu Verhandlungen (negotiation) und im günstistgen Fall zu Zugeständnissen zu bewegen.
Da die Mitglieder einer Organisation anfangs in der Regel kaum Erfahrungen mit öffentlichen Treffen haben, sich aber die Zielpersonen wie z. B. Politiker auf der Bühne der Öffentlichkeit routiniert bewegen, kann es sinnvoll sein, das Treffen zuvor in Rollenspielen u. a. zu üben. Ziel ist es, dass sich die Organisation niemals das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lässt.
Es kann sein, dass sich eine Zielperson nicht direkt auf ein öffentliches Treffen einlässt, zumal dann nicht, wenn diese die Community Organization nicht ernst genug nimmt. Dann ist es sinnvoll, Druck auf die Zielperson auszuüben und diesen Druck schrittweise zu erhöhen. Dabei gilt die Grundregel: Die Aktivist/innen sind jederzeit zur Kooperation bereit, wenn die Zielperson mit ihnen kooperieren will. Gelingt es, die Zielperson zu Zugeständnissen zu bewegen, wird die Community Organization als Gesprächs- und Verhandlungspartner ernst genommen. Das ist ein Erfolg.
Hinsichtlich guter Aktionen sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Je kreativer eine Aktion ist, umso mehr Aufmerksamkeit wird sie erzeugen und den Mitgliedern der Community Organization selbst Spaß bereiten. Schon Alinsky wusste, dass Spott eine mächtige Waffe ist. Dazu kann beispielsweise auf Erfahrungen aus dem Bereich des zivilen Ungehorsams, aus der Aktionskunst oder dem Theater zurückgegriffen werden.

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Selbstredend sollte die Zielperson nicht verleumdet, beleidigt, diskriminiert oder gar verletzt werden. Auch hier gilt der ethische und demokratische Rahmen des CO. Der Gegner wird respektiert. Indes kann die Zielperson dazu provoziert werden, ihrerseits unüberlegt zu handeln. Hier gilt: Reaktion ist Aktion. An fraglichen Reaktionen der Zielperson wird ersichtlich, dass die Macht der Organisation wächst.

Reflexion und Organisationsaufbau

Gegen Ende werden Erfolge und Misserfolge des CO-Prozesses ausgewertet. Ziel ist es, aus den Erfolgen wie aus den Misserfolgen für die nächste Runde zu lernen.
Ist es gelungen, zumindest einen Teil der angestrebten Ziele durchzusetzen, stärkt dieser Erfolg die Organisation selbst. Vielleicht liegt hierin der wichtigste Effekt: CO kann dazu führen, dass zuvor resignierte Menschen wieder erfahren, dass sie als Bürger/innen etwas bewegen können. Insofern belebt CO die Demokratie und Zivilgesellschaft.

Anmerkungen

(1) Beim vorliegenden Artikel handelt es sich um einen überarbeiteten sowie stark gekürzten Auszug aus dem Online-Enzyklopädie-Artikel »Community Organizing« der Autoren Müller/Szynka (2010). Der vollständige Artikel ist abrufbar unter: www.erzwissonline.de/fachgebiete/soziale_arbeit/beitraege/14100124.htm. Der Abdruck im vorliegenden Band erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Beltz Juventa Verlagsgruppe. In die Überarbeitung sind kritische Anmerkungen von Leo Penta eingeflossen, für die die Autoren danken.

(2) King, Martin Luther (1968): Wohin führt unser Weg? Chaos oder Gemeinschaft. Frankfurt/Main, S. 51.

(3) Zusammenstellung nach Alinsky, Saul David (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Göttingen, S. 140 f.; Häcker, Walter (2003): Power durch Community Organizing, S. 98; Szynka, Peter (2005): Theoretische und empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinsky (1909–1972). Bremen, S. 243.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Alinsky, Saul David (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften. Göttingen.

Häcker, Walter (2003): Power durch Community Organizing. In Ley, Astrid/Weitz, Ludwig (Hrsg.): Praxis Bürgerbeteiligung. Bonn, S. 95-101.

King, Martin Luther (1968): Wohin führt unser Weg? Chaos oder Gemeinschaft. Frankfurt/Main.

Müller, Carsten/Szynka, Peter (2010): Community Organizing. In: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online (EEO). www.erzwissonline.de/fachgebiete/soziale_arbeit/beitraege/14100124.htm (letzter Aufruf 14.2.2013).

Szynka, Peter (2005): Theoretische und empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinsky (1909–1972). Eine Rekonstruktion. Bremen.